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Steven Wilson im Konzert (Hamburg, Februar 2018)

Zwischen Leid und Lebenslust, Disco-Dancing und Prog-Epen, zarten Balladen und harten Rockhits

Es ist sicher nicht ungewöhnlich, dass ein Publikum bei Konzerten erst auftauen muss und das Stimmungsbarometer dementsprechend erst nach und nach steigt, doch die Bemerkung „seht, wie anders es jetzt aussieht, nachdem wir zu Beginn der Show noch unsere eigenen Schritte hörten, als wir auf die Bühne gingen“ erntet natürlich trotzdem einige Lacher. Jedenfalls kommen die Leute diesem Wunsch gerne nach und feiern direkt vor der Bühne, während der Saal in eine Discokugeloptik getaucht wird, was tatsächlich äußerst cool aussieht. Zumindest im Parkett werden die Zuschauer nun gezwungen, weiterhin zu stehen, denn die Menschen vorne denken gar nicht daran, nach dem Drei-Minuten-Hit wieder zurück zu ihren Plätzen zu gehen.

Ob man jemals bei einer Rockshow Disco getanzt hätte, sinniert der Meister und ist sich sicher, dass die Metaller die ersten waren, die gleich losrannten („die Leute im Opeth-Shirt waren sofort zum Tanzen bereit, während die Leute im Pink-Floyd-Shirt noch überlegten: Hm, ich weiß nicht…“). Der Kontrast nach diesem lebensbejahenden Partytrack könnte mit dem düsteren „Song Of I“ wiederum nicht größer sein, auch hier beeindruckt das Optische, indem eine Tänzerin auf die Leinwand projiziert wird, zwischendurch gar in achtfacher Ausführung.

Auch der Longtrack „Detonation“ vom aktuellen Album kommt zum Zug, bevor „The Same Asylum As Before“ die achte (!) und letzte Nummer von „To The Bone“ markiert, bei dem er sich, so Wilson, daran versuche „wie Prince zu singen“. Von diesem „jämmerlichen Versuch lenkt zumindest das großartige Video ab“, fügt er noch selbstironisch hinzu – das Filmchen erweist sich im Endeffekt als ausgesprochen skurril, was bei dem Engländer aber ja keine Seltenheit ist.

Eine schöne Überraschung ist dann die wundervolle „In Absentia“-Ballade „Heartattack In A Layby“, mit perfekter Dreistimmigkeit von Wilson, Beggs und Hutchings vorgetragen, anschließend versohlt einem das Instrumental „Vermillioncore“ noch mal kräftig den Allerwertesten, bevor mit „Sleep Together“ ein weiterer PT-Klassiker ausgepackt wird, den er auch schon bei den letzten Tourneen im Programm hatte.

Das reguläre Set ist damit beendet, doch Steven weiß noch ein weiteres Mal zu überraschen, indem er nach kurzer Pause allein und lediglich mit einer Gitarre und einem winzigen Verstärker (der zwar klein, aber trotzdem „fucking loud“ sei) bewaffnet die Bühne betritt und eine entschlackte Kurzversion von „Even Less“ zum Besten gibt. Eine nette Idee, die einen nostalgisch werden lässt – quasi ein Gimmick für Leute, die ihm schon seit seinen Demotape-Zeiten die Treue halten.

So möchte er denn auch wissen, ob Besucher anwesend seien, die schon damals in den Neunzigern und bei den Anfängen von Porcupine Tree dabei waren – mehr als drei könnten es wohl kaum sein, führt er aus, denn schon damals wären ja kaum mehr als drei Menschen im Publikum gewesen. Außerdem fragt er, wer morgen denn ebenfalls am Start wäre (in Hamburg scheint er besonders viele Fans zu haben, wurde hier doch aufgrund der großen Nachfrage für den nächsten Tag gleich noch eine Show anberaumt) und als ein paar Fans sich lauthals zu Wort melden, verkündet er, dass diese sich freuen dürften, denn man würde schon einiges in der Setlist ändern, sodass diejenigen, die für beide Konzerte Karten haben, „nicht denselben Scheiß noch mal hören müssen“.

Mit „Harmony Korine“ und der wundervoll-emotionalen Ballade „The Raven That Refused To Sing“ endet eine weitere großartige Steven Wilson-Show unter großem Jubel. Eine ausgewogene Setlist mit harschen Kontrasten und dennoch irgendwie stimmig, ein netto rund 160 Minuten langer Auftritt, eine engagierte Performance großartiger Musiker und viele Porcupine-Tree-Songs, die doch wieder die leise Hoffnung auf eine Reunion nähren (zumal Steven ganz old-schoolig hauptsächlich wieder Gitarre spielt und eher selten Bass oder Keyboards) – es bleiben kaum Wünsche offen. Dass er es sich leisten kann, auf „Grace For Drowning“-Nummern komplett zu verzichten und man das nicht mal tragisch findet, spricht Bände. Ich beneide jetzt nur die Leute, die auch für den nächsten Tag ein Ticket haben…

Setlist:

Nowhere Now
Pariah
Home Invasion/Regret #9
The Creator Has A Mastertape (Porcupine Tree)
Refuge
People Who Eat Darkness
Ancestral

---Intermission---

Arriving Somewhere But Not Here (Porcupine Tree)
Permanating
Song Of I
Lazarus (Porcupine Tree)
Detonation
The Same Asylum As Before
Heartattack In A Layby (Porcupine Tree)
Vermillioncore
Sleep Together (Porcupine Tree)
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Even Less (Porcupine Tree)
Harmony Korine
The Raven That Refused To Sing

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