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Steven Wilson im Konzert (Bremen, Oktober 2013)

Eindeutig die bessere Alternative zu Reality TV

Bei seinen Ansagen lockerer denn je: Steven Wilson

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Nach „Drive Home“, bei dem Guthrie mit einem fantastischen Solo am Ende glänzt und wo die Security einen Mann zurückpfeifen muss, der sich provokant vorne aufbaut (remember: die Halle ist bestuhlt) und rotzfrech trotz Fotoverbots ein Bild vom Frontmann schießt, gibt es dann erstmals wie angekündigt neues Material zu hören. Das nun folgende Epos sei 15 Minuten lang und könne „langweilige Passagen“ enthalten, mit „Soli und solchem Scheiß“, aber man würde es noch austesten und es stünde noch längst nicht fest, ob dies die endgültige Version sei, von daher solle man nachsichtig sein.

Fest steht, dass der Track sehr facettenreich daherkommt und zum Teil die härtesten Sequenzen seit Porcupine Tree enthält. Man darf also jetzt schon gespannt sein, was der Engländer bei seinem nächsten Output so bietet, dieser viertelstündige Ausblick lässt erneut so einiges erhoffen. Es sei außerdem erwähnt, dass Steven noch darauf hinweist, dass er persönlich kein Problem damit habe, wenn man filmt oder fotografiert (solange man dabei nicht die anderen Zuschauer stört), doch solle man ihm den Gefallen tun und den neuen Song, den er als „The Modern Reverse“ ankündigt, bitte nicht bei YouTube oder sonstwo online stellen, damit die Überraschung für die Leute auf den kommenden Konzerten gewahrt bleibt. Offenbar sehen die Fans das ein, denn für diese Bitte heimst er ordentlich Applaus ein.

Ansonsten wuselt Wilson wie gehabt sehr charismatisch über die Bühne, dirigiert seine Mitmusiker, wechselt fliegend zwischen Keyboards, Gitarre und Bass (bei „The Watchmaker“ spielen Beggs und er zwischendurch auch mal beide Bass) und hat genau wie seine wie immer sagenhaft tight zockende Band sichtbar Spaß an der Angelegenheit. Bei erwähntem „The Watchmaker“ fällt wieder der durchsichtige Vorhang herunter, der erst bei „Sectarian“ wieder herunterkommt, bevor mittels „Harmony Korine“ der einzige Track seines ersten Soloalbums „Insurgentes“ ertönt. Dies nicht ohne die vorherige Ankündigung, dass man ihm bei der Signing Session am Mittag gesagt habe, er sei ja wahnsinnig professionell – zum ersten sei er überhaupt aufgetaucht und zweitens nicht besoffen gewesen. „Anscheinend reicht das heutzutage aus, um im Musikbusiness als professionell angesehen zu werden“ – so amüsant dies auch erscheint zeigt es doch, dass das Musikbusiness immer mehr vor die Hunde geht und verkommt.

Anschließend verkündet der Brite, dass das Mellotron seinen 50. Geburtstag feiern würde (und meint, dass zumindest alle jenseits der 40 dieses Instrument kennen müssten) und lässt Keyboarder Adam Holzman verschiedene Mellotron-Sounds vorspielen. Da sei der Mellotron-Flöten-Sound (hier nimmt Holzman als Soundbeispiel den Anfang des Beatles-Klassikers „Strawberry Fields Forever“, wobei Steven für den nächster Lacher sorgt, als er meint, diesen Song habe er „vor langer Zeit geschrieben“), der Mellotron-Strings-Sound (hier fungiert „In The Court Of The Crimson King“ als Beispiel) und der Mellotron-Chor-Sound – was letztlich zum Epos „Raider II“ führt, das allerdings als leicht gekürzte Variante dargeboten wird, die aber immer noch stolze 15 Minuten währt.

Der Titelsong des aktuellen Albums markiert den Schlusspunkt des regulären Sets, was wieder einmal eine meterdicke Gänsehaut bedeutet, doch natürlich kommt die Band noch einmal wieder. Stimmungsmäßig konnte man sich auch wahrlich nicht beklagen – sitzen hin oder her, das Publikum, in dem (inzwischen weniger überraschend) alle Altersgruppen vertreten sind, jubelt kräftig zwischen den Songs, auch wenn sich (noch) keiner traut, aufzustehen. Dies geschieht erst nach der ersten Zugabe, da hält es keinen mehr auf seinem Platz. Jene Zugabe ist kein geringerer Song als „Radioactive Toy“ – womit auch ein Traum des Rezensenten, der im Frühling leider nicht in den Genuss davon kam, obwohl  die Band das Stück in einigen Städten bereits ebenfalls als Encore spielte, wahr wird. Für Steven durchaus „legitim“, diese Komposition darzubieten, schließlich seien Porcupine Tree damals noch gar keine wirkliche Band gewesen, sondern hätten ausschließlich aus ihm bestanden, weswegen es ja quasi auch ein Solostück von ihm sei.

Als man dann als Bonus noch einen weiteren neuen Song kredenzt, eine Ballade, die sich – wie könnte es anders sein? – kitschfrei und geschmackvoll anhört, auf den Titel „Happy Returns“ getauft wurde und heute Abend Livepremiere feiert („wir haben das Stück beim Soundcheck gedaddelt und dachten: ,Fuck it, spielen wir’s doch heute einfach‘“), können wirklich keine Wünsche mehr offen bleiben. Nach zweieinhalb Stunden Spielzeit ist zu den sanften Klängen von Storm Corrosions „Ljudet Innan“ aus den Boxen endgültig Feierabend und jeder dürfte davon überzeugt sein, sein Geld und seine Zeit richtig investiert zu haben. Dabei hätte es ja noch so viele andere Optionen für diesen Samstagabend gegeben, witzelt Wilson: Zum Beispiel zu Hause gammeln und Reality-TV-Shows angucken. Ja nee, is’ klar…  

Setlist:

Trains (Porcupine Tree-Song)
Luminol
Postcard
The Holy Drinker
Drive Home
The Modern Reverse
The Watchmaker
Index
Sectarian
Harmony Korine
Raider II
The Raven That Refused To Sing
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Radioactive Toy (Porcupine Tree-Song)
Happy Returns

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