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Steven Wilson im Konzert (Berlin/Hamburg, April 2015)

Wilson im Doppelpack – grandios wie immer!

Der Großmeister des Prog Rock bot praktisch das gesamte neue Album live

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Anschließend unterbricht man den „Hand. Cannot. Erase.“-Set in Form des verstörenden „Index“, das in einer alternativen Version geboten wird, bei dem Wilson fast schon spricht, während dazu Fingerschnippen erklingt und keine Instrumente spielen. Erst nach ein paar Minuten setzt das gesamte Ensemble ein, wobei man einmal mehr über Marco Minnemanns unfassbares Drumfill mit dem Kopf schütteln muss. Das tut man jedoch auch bei den Soli in „Regret #9“, wo sich Adam Holzman und Guthrie Govan nach Herzenslust austoben dürfen.

Die erste dickere Überraschung bildet „Lazarus“ vom Porcupine Tree-Album „Deadwing“, einer der Tracks, die er „selbst mag“, so Steven in Hamburg, ansonsten gäbe es auch dort „gute und schlechte Stücke“, so wie bei vielen Alben seiner Karriere. Äh, nein, ich kann keine schlechte Nummer auf der Platte finden, aber okay… So oder so meint er, passe der Song gut ins Konzept auch von „Hand. Cannot. Erase.“, da er ebenfalls von Verlust und Bedauern handeln würde, was auch auf seiner neuesten Soloscheibe thematisiert wird. In Berlin meint er danach, er würde wohl „fucking old“ werden, da er sich die Texte nicht mehr merken könne. So hätte er statt „follow me down“ „marry me down“ gesungen. Nun, zumindest äußerlich hat er sich weiterhin sehr gut gehalten – kein Mensch würde den Kerl für 47 Jahre halten, so wie er aussieht und sich bewegt.

Mit „Harmony Korine“ steht noch ein kleiner Ausflug zu etwas älterem Material an (in diesem Fall zu seiner ersten Soloplatte „Insurgentes“), wobei er in Berlin ausführlich Bands aufzählt, mit denen er aufgewachsen ist – sowohl die Prog-Formationen der Siebziger als auch die poppigeren, Disco-mäßigen Acts der Achtziger. Dabei kann er sich einen kleinen Seitenhieb auf Kajagoogoo, bei denen Bassist Nick Beggs früher spielte, nicht verkneifen. Inspiriert sei der Song von der damals aufkommenden Shoegaze-Szene; dass er nichts mit dem amerikanischen Filmregisseur namens Harmony Korine zu tun hat, dürften die meisten wohl inzwischen wissen. In Hamburg brüllt zu diesem Zeitpunkt einer „Blackest Eyes“ in den Raum, was den Musiker sichtlich zu verwirren scheint. „Glaubt ihr wirklich, es gibt eine Band, die einfach Wünsche erfüllt, die jemand aus dem Publikum reinschreit?“ – Ganz ehrlich: Natürlich gibt es solche Gruppen, aber die haben sicherlich auch keine Leinwand und lauter Samples, die perfekt auf die Mucke abgestimmt sind.

Das Triplett „Ancestral“/„Happy Returns“/„Ascendant Here On“ bildet den vorläufigen Abschluss und vor allem der Longtrack entwickelt live eine unfassbar hypnotische Wirkung und bei dem harten Riffpart im zweiten Teil sieht man einige Leute ordentlich bangen – sitzen hin oder her. Überhaupt hatte Wilson bereits zu Anfang dazu aufgefordert, sich trotz Sitzens nicht davon abhalten zu lassen, kräftig die Sau rauszulassen, man will ja dennoch Stimmung in der Bude haben. Glücklicherweise lassen die Fans es sich auch nicht nehmen, sehr laut ihre Zustimmung zum Geschehen auf der Bühne kundzutun, wobei die Stimmung in Berlin sicherlich noch einen Tick ausgelassener ist, wahrscheinlich, weil es sich bei der Columbiahalle um einen Bau handelt, in dem einfach Stühle platziert wurden, während das CCH fest installierte Sitze hat und somit etwas mehr von einer dezenteren Theateratmosphäre besitzt.

Es muss nicht lange gebrüllt werden, da kommen schon die Zugaben: Für „The Watchmaker“ wird wieder ein Schleier vor der Bühne heruntergelassen, auf dem ein weiteres etwas verstörendes Filmchen läuft, und man will sich beim Gitarrensolo nicht das erste Mal angesichts von Guthrie Govans Unglaublichkeiten in den Staub werfen, während man bei den göttlichen Akustikparts heulen könnte. Ein absolutes Highlight und sehr überraschend ist dann jedoch der Porcupine-Tree-Song „Sleep Together“, der einen ganz anderen Sound besitzt – viel mehr Kälte und Distanziertheit als das andere Material – und sich trotzdem gut einfügt. Dass in Hamburg an einer Stelle Leute mitzuklatschen anfangen, geht allerdings gar nicht. Es gibt wenige Stücke, die so bitter sind („let’s sleep together right now/relieve the pressure somehow“ ist eine Zeile, die einen dicken Kloß im Hals hinterlässt) und wo schnödes Mitklatschen entsprechend überhaupt nicht angebracht ist.

Für die letzte Zugabe wird den Stimmbändern der Anwesenden etwas mehr abverlangt, doch nach ein paar Minuten kehrt einer der größten Künstler unserer Zeit schließlich doch noch einmal zurück, um noch den Titelsong von „The Raven That Refused To Sing“ zum Besten zu geben. Wieder einmal ist bei dieser bedrückenden, traurigen Nummer, die er gesanglich sehr emotional und intensiv darbietet, meterdicke Gänsehaut angesagt. Man will noch mehr und noch mehr, doch nach rund zwei Stunden gehen die Lichter an. Wie immer war es grandios, was Wilson und seine Truppe geboten haben und man kann eigentlich schon jetzt kaum das nächste Konzert erwarten. 

Wie erfolgreich er tatsächlich noch werden kann, wird möglicherweise die nächste Platte verraten, die vielleicht 2017 kommt, sofern er den Zweijahres-Rhythmus beibehält. Ein Kritikpunkt muss aber erlaubt sein: Die Merchandise-Preise sind eine Unverschämtheit, 30 Euro für ein T-Shirt, zehn Euro für ein poplig kleines Poster (wenn auch signiert), und 50 Taler für einen Zipper sind nicht nur happig, sondern maßlos. Dann bitte lieber wieder in Sälen auftreten, in denen es keine Sitze gibt und eben mehr Geld damit machen, dass die Leute stehen müssen und somit mehr Platz vorhanden ist.

Setlist:

First Regret
3 Years Older
Hand Cannot Erase
Perfect Life
Routine
Index
Home Invasion
Regret #9
Lazarus (Porcupine Tree-Song)
Harmony Korine
Ancestral
Happy Returns
Ascendant Here On
-------------------------------
The Watchmaker
Sleep Together (Porcupine Tree-Song)
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The Raven That Refused To Sing

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