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Steven Wilson im Konzert (Berlin/Hamburg, April 2015)

Wilson im Doppelpack – grandios wie immer!

Sowohl in Berlin als auch in Hamburg bestens aufgelegt: Steven Wilson

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Natürlich ist es arrogant zu sagen, dass der Großteil der Menschen auf diesem Planeten Idioten ist – andererseits ist dies nun mal eine unumstößliche Tatsache. Die jedoch zumindest ein bisschen dadurch relativiert wird, wenn man sich ansieht, dass alle Konzerte der Tour von Steven Wilson restlos ausverkauft sind. Wenn es jemand verdient hat, endlich auch das Mainstream-Publikum zu knacken und erfolgreich zu sein, dann dieser britische Ausnahmekünstler, der ein Topalbum nach dem anderen veröffentlicht – und sich dabei eben gerade nicht beim Mainstream anbiedert, sondern seinen eigenen Idealen und Ideen treu bleibt. Und egal, wie erfolgreich er in der Zukunft auch noch sein wird, in dieser Hinsicht wird er sich hundertprozentig auch weiterhin treu bleiben.

Man ärgert sich zwar, keine Akkreditierung zu bekommen, weil jetzt plötzlich alle Medien ein Stück vom Steven-Wilson-Kuchen abhaben wollen und man da als kleineres Online-Mag trotz jahrelanger treuer Berichterstattung auf der Strecke bleibt, aber dass man trotzdem mindestens ein Konzert der Tour besuchen muss, ist natürlich ein Selbstläufer – „Hand. Cannot. Erase.“ ist ein dermaßen grandioses Album, jetzt schon ein Klassiker und zumindest meine Wenigkeit kann nach wie vor nicht genug davon bekommen. Letztlich ergab es sich für den Autor sogar, gleich zwei Konzerte in Deutschland (am 9. April in Berlin und am 10. April in Hamburg – die letzten beiden hierzulande) zu besuchen, weswegen wir uns erstmals in der Geschichte von The-Pit.de an eine Art Combo-Konzertbericht heranwagen.

Da die Setlists in beiden Städten exakt identisch sind, wären Einzelberichte wenig sinnvoll, doch so hat man einen ganz netten Vergleich zwischen beiden Auftritten, wenngleich sich diese lediglich in Details unterscheiden. Natürlich bietet der Meister wieder das volle Programm mit Videoleinwand, auf der mal traurige, mal verstörende, mal ästhetische und mal schlicht seltsame Filmchen als Begleitung zur Musik laufen, alles perfekt aufeinander abgestimmt, wie sich versteht, und gerade bei einem Konzeptalbum wie „Hand. Cannot. Erase.“ logisch, zumal die Scheibe bis auf eine Ausnahme („Transience“) komplett dargeboten wird.

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis die Musiker die Bühne betreten haben, nachdem es zwar schon dunkel im Saal geworden ist, aber der elektronische Anfangston, der so sehr an „Deadwing“ erinnert, mindestens zehn Minuten durchläuft, während auf der Leinwand die Frontseite eines typischen Betonwohnklotzes zu sehen ist, in dem in den Fenstern darin immer mal Lichter an- und ausgehen. Steven Wilson spielt bekanntlich gerne mit solchen Effekten, um die Spannung bis ins Unerträgliche zu treiben, und als dann endlich Keyboarder Adam Holzman den Ort des Geschehens betritt und die ersten Akkorde von „First Regret“ auf dem Piano zum Besten zu geben, ist der Jubel umso größer.

Beim anschließenden „3 Years Older“ fällt dann erstmals auf, dass man sich die Freiheit nimmt, die Gitarren- und Keyboardsoli ein wenig anders zu gestalten als auf dem Album, was ja auch völlig legitim ist. Die grundsätzlichen Strukturen der Songs sind selbstverständlich gleich, aber sich sklavisch an die Vorlage zu halten und alles einfach nur eins zu eins nachzuspielen, wäre gerade bei solchen Topmusikern wie in dieser Band schon ein wenig fad – diese Herren dürfen sich gerne ein wenig gehen lassen.

Nach diesem ersten Epos wendet sich Wilson erstmals mit ein paar Worten ans Publikum. In Berlin stellt er fest, dass ihm diese Stadt jedes Mal besser gefalle, allerdings müsse die Frage erlaubt sein, wie viele Leute auf dem heutigen Konzert tatsächlich aus der deutschen Hauptstadt stammten, denn er habe bereits Leute u.a. aus der Schweiz und sogar aus Bulgarien getroffen. Als er fragt, wer wirklich Berliner sei, meldet sich nicht einmal die Hälfte der Zuschauer, was die Vermutung nahelegt, dass hier noch länger Tickets als anderswo verfügbar waren und daher Leute aus allen möglichen Orten noch schnell zugeschlagen haben.

In Hamburg hingegen stellt er an dieser Stelle fest, dass es ein wunderschöner Tag sei (und in der Tat dürfte der 10. April der bis dato wärmste Tag des Jahres sein) und fragt, ob er und seine Band das schöne Wetter mitgebracht hätten. „Sonst bringen wir nur Kummer und Elend“, witzelt er. „Na ja, zumindest mit unserer Musik tun wir das“ – und das stimmt natürlich rein vom Inhaltlichen her, vom Musikalischen selbst löst das Ganze allerdings vornehmlich Glücksgefühle aus. Diese Band, diesmal nur zu fünft unterwegs, da Theo Travis so wenig Parts auf dem neuen Album bekommen hat, dass es sich für ihn nicht lohnt, mit auf Tour zu gehen, besteht aus so fantastischen Musikern, dass man es jedes Mal nicht fassen kann.

Weiterhin empfindet Steven das Hamburger CCH als „beautiful theatre“, das trotzdem auch etwas Schüler-Lehrer-mäßiges habe und in der Tat ähnelt der Saal ein wenig einem Uni-Hörsaal. Die Akustik ist da nicht immer die beste, aber hier und heute bei Wilson ist der Sound ziemlich sahnig, wobei der Gesang recht dominant herüberkommt. In Berlin müssen dagegen leichte Abstriche gemacht werden. Natürlich ist das großartig gemacht: wie Samples oder Backing Vocals wie im Kino auch mal plötzlich hinter einem erklingen und man so einen satten Surround-Sound hat, doch die Columbiahalle scheint weitaus weniger für derartige Veranstaltungen geeignet, der Hall lässt das komplexe Material und die üppigen Arrangements mitunter etwas schwammig tönen.

Vor „Routine“ entschuldigt sich Wilson dann dafür, dass die Stimme von Ninet Tayeb und dem Jungen aus dem Knabenchor nur vom Band käme (dass jemanden wie ihn es wurmt, auf die Konserve zurückgreifen zu müssen, ist gut vorstellbar, denn er will ja immer nur das Beste bieten), aber Ninet würde demnächst ein Baby erwarten. In Hamburg klatschen daraufhin einige Leute als Gratulation, was den Frontmann dazu veranlasst zu sagen: „Obviously not in the next ten minutes“.

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