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Spock's Beard, The Sixxis im Konzert (Bochum, September 2014)

Auch mit Ted Leonard live eine Macht

Schlichtweg berauschend: Spock's Beard

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Spock's Beard

Etwa eine halbe Stunde später ist es dann soweit und eine der besten zeitgenössischen Progbands betritt die Bretter. Überflüssig zu erwähnen, dass es etwas voller geworden ist, aber angesichts der Klasse dieser Combo ist da definitiv immer noch erschreckend viel Luft nach oben. Der Altersschnitt ist ziemlich hoch, aber es war angesichts der stark Siebziger-inspirierten Mucke klar, dass man hier nicht mit einem Haufen Jungspunde rechnen konnte wie bei einer Metalcore-Band oder ähnlichem. Wer die Jungs nicht schon auf ihrer Tour im letzten Jahr gesehen hat, darf gespannt sein, wie sich der neue Frontmann Ted Leonard live macht, wobei natürlich zumindest Enchant-Fans wissen, woran sie da sind. Und auch wenn es sich hart anhören mag: Nick D’Virgilio – so talentiert er auch ist – vermisst man nicht wirklich, auch wenn es durch sein Fehlen diesmal natürlich leider kein Drumduell geben kann. Leonard bringt gesanglich eine tadellose Leistung und kommt dabei außerdem supersympathisch und absolut charmant herüber. Zusätzlich zum Gesang spielt er sporadisch auch Gitarre und steuert manchmal sogar unterstützende Keyboardsounds bei.

Nicht unbedingt zu erwarten ist der old-schoolige Start mit den Neunziger-Stücken „Day For Night“ und „Beware Of Darkness“, wobei letzteres streng genommen ja eigentlich ein Cover des Ex-Beatle George Harrison (R.I.P.) ist. Der Sound ist prinzipiell gleich ziemlich gut und auch bestens ohne Gehörschutz erträglich, einzig dass Alan Morses Backing Vocals zunächst überhaupt nicht zu hören sind, trübt den Gesamteindruck ein klein wenig. Obwohl der Gitarrist vehement in Richtung Mischpult gestikuliert, dauert es eine ganze Weile, bis das Problem behoben ist, da der Soundmann immer gerade dann aufs Pult guckt, wenn Morse Handzeichen gibt.

Sei’s drum, die Bärte beweisen heute erneut, was für eine fantastische Liveband sie sind: Dream Theater und Konsorten wird ja gerne mal vorgeworfen, sie seien Stehgeiger – das kann man von Spock's Beard wahrlich nicht behaupten: Ted Leonard agiert wie bereits angedeutet so, als wäre er schon immer der Frontmann dieser Truppe gewesen, Drummer Jimmy Keegan, vom Tourschlagzeuger zum festen Mitglied aufgestiegen, verprügelt sein Kit mit unfassbarer Souveränität und die beiden Oberexzentriker Alan Morse und Ryo Okumoto überbieten sich gegenseitig im Grimassenschneiden und mit allen möglichen seltsamen Verrenkungen. Übrigens spielt Morse wie immer ohne Plektrum, was einen schon beeindrucken muss, da der Gitarrensound genauso druckvoll klingt wie wenn er eines benutzen würde. Den Fels in der Brandung bildet lediglich Bassist Dave Meros, der den Laden irgendwie mit seiner Bierruhe zusammenzuhalten scheint.

Wie auch Ted Leonard ankündigt, hat man ein Set bestehend aus alten und neuen Stücken im Gepäck – nun ja, wie es eben so ist. Die aktuelle Scheibe wird hierbei logischerweise am meisten berücksichtigt, wobei man auf die Leonard-Kompositionen „Hiding Out“ und „Submerged“, also die kürzeren Singalong-Stücke wenn man so will, zurückgreift sowie auf die längeren Epen „Something Very Strange“ und „Waiting For Me“, zwei Longtracks, in denen man sich mit geschlossenen Augen suhlen und hin- und herwiegen will.

Bei der Soundwand, die die Band auffährt, aber auch kein Wunder; sowohl das technische Vermögen als auch die Atmosphäre sind nicht von dieser Welt, kurz gesagt: Es ist heute mal wieder so ein Abend, an dem man weiß, warum das Live-Feeling einfach immer etwas ganz Spezielles ist, das man in dieser Form nur erleben kann, wenn man vor Ort ist. Dieses ganz besondere Glücksgefühl, das selige Grinsen, das man dabei im Gesicht hat und das ganz von selbst kommt, stellt sich beim Autor heute auf jeden Fall immer und immer wieder ein, bis die Begeisterung einen irgendwann beinahe komplett durchdrehen lässt.

Scheiße, das ist aber auch der Wahnsinn heute und die anderen Zuschauer spüren dasselbe, denn die Stimmung wird immer ausgelassener – dass der Laden längst nicht ausverkauft ist, merkt man, zumindest wenn man den Jubel des Publikums als Maßstab nimmt, irgendwann nicht mehr wirklich. Unvergleichliche Perlen wie „Harm’s Way“ oder das „Snow“-Medley lösen nahezu orgasmische Emotionen aus und als bei „Carie“ auch noch plötzlich Drummer Jimmy Keegan nach vorne trabt und mit glockenheller Engelsstimme anfängt zu singen, wollen die Kinnladen gar nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückschnappen. Unfassbar!

Nach knapp anderthalb Stunden steht dann der Zugabenpart an, aber wo andere Bands noch drei oder vier Nummern zum Besten geben, reicht bei den Bärten eine – die dauert dann allerdings eben fast eine halbe Stunde. Tatsächlich lassen die Amis es sich nicht nehmen, „The Healing Colors Of Sound“ in seiner gesamten Pracht darzubieten und bei so einer Leistung kann man es verschmerzen, dass Ryo Okumoto gerade kein Witz einfällt, nachdem ein Fan lauthals gebrüllt hat „Ryo, tell a joke!“. Dafür unterhalten sich der Keyboarder und Ted dann über ein seltsames Facebook-Posting, das anscheinend mit einem Alligator zu tun hatte, spinnen dies weiter und brabbeln schließlich irgendwas von „alligator dick juice“ – der totale Irrsinn. Dass gerade bei Herrn Okumoto Genie und Wahnsinn sehr nahe beieinander liegen, dürfte allerdings jedem Beard-Fan bekannt sein. So stehen heute auf seinem Laptop-Monitor auch keine normalen Songtitel, sondern eher poetische Kostbarkeiten der Marke „My Ass Is So Wet“, „Who’s Gonna Suck My Ass“, einfach nur „Sex“ oder bei „Waiting For Me“ „I Am Not Waiting For You“.

Beim Schlussakkord legt er sich dann kurzerhand auf seine Tastaturen, bevor das Vergnügen leider endgültig vorbei ist. Selten jedoch waren zwei Stunden derart kurzweilig, weil auch nur wenige Bands in diesem Genre so gekonnt Unterhaltung und Anspruch unter einen Hut bekommen. Dass die nächste Tour auch wieder mitgenommen wird, ist Ehrensache.

Setlist:

Day For Night
Beware Of Darkness
Hiding Out
Harm’s Way
Something Very Strange
In The Mouth Of Madness
Snow Medley:
   Made Alive/Overture
   Devil’s Got My Throat
   Carie
Submerged
Waiting For Me
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The Healing Colors Of Sound

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann