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Spock's Beard & The Flower Kings im Konzert (Zwolle, Dezember 2018)

Wenn die Vorband dem Hauptact den Rang abläuft...

Spock’s Beard

Beide Bands passen stilistisch und musikalisch fraglos bestens zusammen – es scheint jedoch, als seien mehr Leute des was den Altersdurchschnitt angeht ziemlich weit oben anzusiedelnden Publikums für The Flower Kings gekommen. Nicht dass die Fans bei der ersten Formation in völlig frenetischen Jubel ausgebrochen wären, doch konnte man die Stimmung zumindest als okay bezeichnen und den Applaus mehr als anerkennend nennen. Doch bei Spock's Beard ist es dann schon geradezu eklatant, wie wenig das Publikum mitzieht – im Verlauf des Gigs dünnt es sogar zusätzlich immer mehr aus.

Gestartet wird nach einer rund zwanzigminütigen Pause wenig überraschend mit „To Breathe Another Day“, dem Opener des aktuellen Albums, und hier ist sich Frontmann und Teilzeit-Gitarrist und -Keyboarder Ted Leonard noch sicher: „Ich denke, das wird ein spaßiger Abend“. Unterhaltsam ist es durchaus wieder (so verteilt Tastenmann Ryo Okumoto Bananen an die erste Reihe, wohl ganz getreu dem Motto: „Let’s go bananas“), dennoch wird sich zeigen, dass die Amerikaner heute offenkundig nicht ihren besten Tag erwischt haben. Schon der Sound ist zumindest nicht so grandios wie bei den Flower Kings – Ryos Keyboard ist sehr dominant, während Alan Morses Gitarre wenigstens am Anfang noch zu leise tönt; dennoch ist das Meckern auf hohem Niveau –, doch vor allem agiert die Band für ihre Verhältnisse relativ untight. Besonders bei den filigranen Instrumentalpassagen sind Keyboard- und Gitarrenläufe nicht immer hundertprozentig zusammen, was bei diesen Topmusikern doch äußerst ungewöhnlich anmutet.

Vielleicht lassen sie sich auch von der lahmen Stimmung beeinflussen, Ryo gibt zwischendurch, trotz exaltiertem Gepose wie man es von ihm gewohnt ist, jedenfalls recht schamlos zu erkennen, dass er keine richtige Lust hat, weswegen Ted ihn ermahnen muss: „Du musst schon wollen!“ – Gerade diese Interaktionen zwischen dem durchgeknallten Keyboarder und den anderen Bandmitgliedern tragen stets stark zum Entertainment-Faktor bei und damit kein falscher Eindruck entsteht: Das was die Truppe bietet, ist immer noch gut, dieses Bild können auch ein paar kleine spielerische Schnitzer und textliche Unsicherheiten bei Ted Leonard nicht verwässern, ärgerlicher ist da schon das Desinteresse und die Antriebslosigkeit des Zwoller Publikums.

Bestes Beispiel: Ted fragt, wer das neue Album „Noise Floor“ besitzen würde und die Reaktionen (bei zwar nicht ausverkaufter Kulisse, aber schon ein paar hundert Nasen) fallen derart spärlich aus, dass er es sich nicht verkneifen kann zu tadeln: „Das waren ungefähr fünf von euch – das ist ja erbärmlich!“, um anschließend sehr schlagfertig nachzulegen: „Wie wäre es damit: Wir machen Pause, ihr geht raus zum Merchstand und kauft das Album und danach setzen wir die Show fort!“

Dies wird zwar selbstverständlich nicht umgesetzt, zur Verbesserung der Stimmung trägt dieser Seitenhieb allerdings nicht bei, recht stoisch wird eine traumhafte Performance zu „Walking On The Wind“ hingenommen und auch als danach mit „Go The Way You Go“ eine ganz uralte Nummer von „The Light“ angekündigt wird, gibt es keinen nennenswerten Jubel wie sonst standardmäßig bei Darbietungen besonders oller Kamellen. Dies führt Leonard allerdings nicht zu Unrecht auch darauf zurück, dass man heutzutage im Internet alles vorher nachgucken kann. Dank Setlist.fm kann sich jeder darüber informieren, welche Songs bei den vorigen Konzerten einer Tour gespielt wurden, deswegen „gibt es überhaupt keine Überraschungen mehr“, so der Sänger. Dagegen kann man nur etwas tun, indem man bei jedem Konzert die Setlist variiert, doch das machen bekanntermaßen nur die wenigsten Bands. Am besten wäre natürlich, es guckt einfach keiner vorher nach.

Apropos Setlist: Nur zwei Songs vom neuen Album ist an sich auch ziemlich mager, der Verfasser dieser Zeilen ist sicher nicht der einzige, der sich über die Darbietung von Gottsongs wie „What Becomes Of Me“ oder „Beginnings“ gefreut hätte. Ansonsten versuchen sie bei ihrem unglaublich umfangreichen Repertoire, auf das sie zurückgreifen können, schon möglichst viel abzudecken – „Thoughts (Part II)“ ist einfach ein prädestinierter Livesong und die herrliche Gänsehaut-Ballade „She Is Everything“ ein besonders süßes Bonbon der laufenden Tour.

Schade, dass es Menschen gibt, die anderen offensichtlich aus purer Boshaftigkeit versuchen den Abend zu verderben, indem sie sich hinten an der Bar stehend ohne Pause die ganze Zeit lautstark unterhalten und dann sogar noch unflätige Zwischenrufe tätigen, sodass sie schließlich der Barkeeper zur Räson rufen muss. Unglaublich, was es für Arschlöcher gibt; was wollen solche Sauerstoffverschwender auf einem Konzert, wenn sie weder Respekt vor der Band noch den anderen zahlenden Gästen haben?     

Diese ganzen kleinen Schönheitsfehler summieren sich, was natürlich etwas bedauerlich ist, nachdem der Abend mit dem fantastischen Flower Kings-Auftritt so toll begonnen hatte. Am Ende findet die Veranstaltung trotzdem noch einen versöhnlichen Abschluss, als die Flower Kings noch einmal die Bühne betreten und man gemeinsam „Hey Jude“ von den Beatles vom Stapel lässt. Zunächst wird zwar „Let It Be“ angestimmt, doch als Ted Leonard anmerkt „I don’t remember the fucking words“, wird klar, dass dies nicht die ursprüngliche Intention war. Es sieht schon witzig aus mit zehn Leuten da oben – vor allem bei den beiden Bassisten: Während Dave Meros unten zupft, macht Jonas Reingold oben am Hals die Greifhand. Bei einer simplen Basslinie wie von „Hey Jude“ ist solch eine Coproduktion aber ja nun wahrlich nicht schwer umzusetzen.

Bei dieser Weltnummer, die nun wirklich jeder kennt, schafft es sogar das lahmarschige Publikum zumindest zum Teil sich zu überwinden mitzuklatschen und die „Naa-Naa-Naa-Nanananaaa“-Passage mitzusingen und darf sich von Ted Leonard dafür Liebesbekenntnisse abholen. Ob die heute tatsächlich von Herzen kommen, sei dahingestellt, und auch, wenn man die Bärte schon besser gesehen hat und auch die Begleitumstände nicht die glücklichsten waren: Spaß hat es trotzdem gemacht und es ist auch immer nett, mal Locations in anderen Städten kennen zu lernen. Schön auch, dass sich später beide Bands am Merchstand einfinden, um mit den Fans zu quatschen, und für faire Shirtpreise von 15 Euro geht der Daumen ebenfalls ganz klar nach oben.  

Setlist:

To Breathe Another Day
Beware Of Darkness (George Harrison-Cover)
In The Mouth Of Madness
Something Very Strange
Thoughts (Part II)
She Is Everything
Skeletons At The Feast
One So Wise
Walking On The Wind
Go The Way You Go

Hey Jude (The Beatles-Cover, mit The Flower Kings)

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