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Schandmaul, Zeraphine, New Model Army im Konzert (München 2006)

Es gab viele Dinge, die den Zuschauer vom Funkenflug Festival trennten. Begann die Reihe mit 600 Kilometer, Bayern, also einem anderen Bundesland, endete sie nach erfolgreicher Organisation vor dem Zenith, kalten Temperaturen und einem Einlass, der sich erfahrungsgemäß verschob und verzögerte. Das ist eben das Leid der Festivals, wenn viele Bands ihren Soud checken und Equipment anbringen müssen. Um kurz vor acht bedeutete das geschäftigte Treiben der Security, dass der Einlass bevor stand und dann gings los: Wunderkerzen, Wasserflaschen, Fotoapperate und fast ein Schokoladennikolaus fielen den Müllbeuteln der Mannschaft zum Opfer.

 

Das 2500 Mann starke Zenith füllte sich also beständig mit Schandmaulfans, der meist älteren New Model Army-Belegschaft und den Mädels, die Zeraphine lieben und man erwartete gespannt die erste Band, die niemand so wirklich kannte. Den Namen verriet der Banner vor der Bühne, aber wer waren denn Loonataraxis?

 

Die Antwort bekamen wir kurze Zeit später. Eine lustige Gesellschaft, bestehend aus dem Sänger Till Herence, einem lediglich mit langem Rock bekleideten DJ Leeiyiee an der Gitarre, J-J-LK - “Ein Imker” hörte man aus dem Publikum, und daran erinnerte die weiße Gewandung wirklich, sowie Geschweeny, kaum hinter seinen Drums zu erkennen. Eine Kombo, die sich zur Aufgabe gemacht hatten, alle 2500 Leute zu überzeugen, dass sie sich den Sieg des Funkenflug Bandcontests wirklich verdient hatten. Ein Plan, der gelang. Nach kurzen Anlaufschwierigkeiten - das Publikum beobachtete die Jungs eher skeptisch - gelang das auch, sodass Till das Publikum später sogar zu einer Wall of Death überreden konnte. Dennoch: So wirklich flogen die Funken nicht, vielleicht weil der Stil des Quartetts mehr als gewöhnungsbedürftig war. Eine Mischung als experimentellem alternativen Hardcore trifft die Sache vielleicht, lief das Programm doch über jazzige Bass- und Gitarreneinlagen bis hin zum Shouten des Sängers. Der meisterte diese Aufgabe übrigens einwandfrei; während der Show stellte sich heraus, dass der bis gestern noch krank gewesen war - jetzt sah er immer noch nicht wirklich gesund aus - und heute nur Wasser und Paracetamol zu sich nahm (Letzteres verteilte er dann auch, als die Setlisten, Plectren und Drumsticks zu Neige gegangen waren).

 

Nach der fast halbstündigen Umbaupause, die angesichts des Organisationsaufwandes aber zu entschuldigen war, enterten die fünf Berliner von Zeraphine die Bühne. Hatte das Quartett eher eine kleine handvoll fester Fans aufzuweisen, überzeugte spätestens ihr Silbering “Still” im Sommer die letzten Spektiker, sodass sie bis heute fester Bestandteil der schwarzen Szene geworden sind. Dementsprechend wurde die Band um Sven Friedrich auch mit ordentlich Applaus empfangen, was Loonataraxis vielleicht mit etwas Neid betrachteten - Till hatte sich nach den Dankestriaden an Schandmaul am Ende aufs “Macht uns doch den Job nicht so schwer”-Bitten verlegt.

 

Wirkten die Berliner etwas verloren auf der großen Bühne - die Herbsttour hatte ja auf definitv kleineren Clubbühnen stattgefunden - überzeugte ihre Performance vom ersten Ton. Herr Friedrich am Mirko wie immer eine Ausnahmeerscheinung, aber auch Mauel, sehr piratenmäßig mit Bart, und Norman an der Gitarre stellten die Liveerfahrung Zeraphines unter Beweis. Lediglich Bassist Michael und Marcellus gingen hinter ihren Instrumenten etwas verloren, da die Bühnenaufstellung hinsichtlich des Fotograbens, der gute 1,50 Meter betrug und so einen sehr flachen Blickwinkel auf die Bühne zur Folge hatte, etwas unglücklich gewählt war. Hinter dieses Problem sollten aber vor allem noch Schandmaul steigen, bei denen Stefan nur noch als Schemen zu erkennen war.

 

Die Berliner legten los, mit “Die Macht in Dir”, “Be my rain” und dem Ohrwurm des Sommers “Still” - überraschend erst auf dem sechsten Platz der Setlist. Auf den Tourklassiker “Walking in my shoes” musste das Publikum verzichten, auf das populäre “Sterne sehen” nicht, wobei es hier zu einigen Reibereien zwischen den Zeraphinefans und der Security kam, als die Anhänger traditionell die Wunderkerzen auspackten, die Sicherheitsmannschaft diese, aber auch Feuerzeuge einzog, was Unverständnis verursachte.

Als die Band nach 10 Liedern die Bühne plötzlich verließ, blieben eine Menge fragende Blicke zurück: Und was ist mit “Halbes Ende”? Keine Change, der Zeitplan musste eingehalten werden, die Bühnenarbeiter von New Model Army bauten bereits auf.

 

Das Publikum wurde während der Umbaupause im immer noch erschreckend kaltem Zenith langsam ungeduldig. Hatte man gerade erfolgreich Fotografen und Sicherheit zur Herausgabe der in den Fotograbe geflogenen Setlists überredet, wurde es jetzt doch langweilig. Diese Unmut übertrug sich dann auch auf die irische Band New Model Army, die auf einen dramatischen Beginn setzten. Nachdem alle Lichter erloschen waren und sich Kamera- und Fotovertreter eilig um die Bühne geschart hatten, erwartete man eine effektvolle Lightshow, einen Spezialeffekt, irgendetwas, das “Krawumm, hier sind wir” sagen wollte. Stattdessen ging das Licht einfach wieder an und mitten auf der Bühne standen die Urväter der Folkmusik.

 

Das einzige Deutschandkonzert wurde dieses Jahr in Köln gespielt und so war die Grenze, die sich durch das Publikum zog, extrem sichtbar. Es teilten sich die Altrocker, die jedes Lied von den Lippen des Herrn Sullivan mitsingen konnten - und die Jungspunde der Szene, die eigentlich nur noch die Minuten bis Schandmaul zählten. Sehr beeindruckend auf der NMA-Fanseite war wohl die Dreimannpyramide, die gestapelt den besten Blick auf das Quintett hatten.

 

Bandleader Sullivan bemühte sich redlich um die Sympathiepunkte der Zuschauer, machte, teilweise sehr schiefe, Ansage auf Deutsch, brabbelte einen Mix aus Irisch und Englisch.

Eines merkte man der 25jährigen Formation aber an: Die Spielfreude. Hier zeigten sich keine Allüren, kein Auftritt um des Geldes willen. Die Fünf rockten wie am ersten Tag. Mittlerweile hatte sich jeder Army-fan den Weg in die vorderen Reihen erkämpft, sodass Justin Sullivan endlich mehr als vereinzelte, in der weitläufigen Halle verteilen, Hände sahen.

 

Den Klassiker “Vagabonds”, sehr effektvoll mit einem Gitarrensolo begonnen, das später auch den Geigenpart des Liedes trug, am Ende konnte wohl jeder mitsingen. Dann waren auch die weg, hatten aber showmüßig und routiniert Zugaben im Gepäck von der Insel und ernteten schließlich noch mehr Applaus als Zeraphine. Auch wenn gemunkelt wurde, dass Schandmäuler aus einem anderen Grund klatschten.

 

Jetzt begann die Halle zu brodeln. Zum letzten Mal in diesem Jahr sah man die bekannte Treppe, das integrierte Schlagzeug und Teufelchen auf den auf den beiden Podesten stehen und die unterhalb angebrachten Scheinwerfer ausprobieren. Gut zehn Minuten vor Showbeginn wurden die Gesänge lauter. 2500 Mann riefen nach den Veranstaltern, der Band, die trotz bahnbrechendem Erfolg noch jedes Mal zum Autogrammschreiben, Reden und Biertrinken aus dem Backstage und zu den Fans kommt. 2500 Zuschauer riefen nach Schandmaul.

 

Und sie kamen. Plangemäß mit blauem Intro, “Vor der Schlacht” und einer geordneten Aufstellung. Als Thomas Lindner sich dem Mikrofon nähert, übertönen die Rufe die Musik. Und die Band weiß das zu schätzen. Während Thomas bei den Ansprachen erneut seine Erzählkünste zum Besten gibt (“Und wisst Ihr, wieso ich jetzt so betont langsam und deutlich rede? Da vorne beim Backliner hat Anna gerade ihre Dehleier abgeholt und gestimmt. Meine Damen und Herren, DAS nenne ich eine Bühnenshow!”), wird es im Zenith doch gefährlich warm.

 

Nach der Schlacht folgt das Motto des Abends “Kein Weg zu weit” (nach der Show stellten sich zwei Damen aus Brasilien vor, die tatsächlich nur Englisch sprachen) folgt “Das Tuch” und man sieht wirklich einige Halstücher mitflattern. Ob “Gib 8” oder, “nachdem wir Casino Royale gesehen haben, mussten wir es wieder reinnehmen”, “Der Spion”, dem “Lied für Euch”, “Herren der Winde” oder “Vogelfrei” - das Publikum, mittlerweile eine homogene Masse springender Fans, scheint sich alle Energie bis zum Ende aufgespart zu haben.

 

Man klatscht die Band zur Zugabe heraus, in der Thomas nach dem “Seemannsgrab” sein Akkordeon verlost, da die “alte Dame jetzt schon fast auseinander fällt” und wir schließlich in den Genuss einer Liveprobe kommen. Ducky mit Barhocker und akustischer Klampfe und Herr Lindner, mit getarntem Textbuch zwischen den Verstärkern, versuchen sich nach Jahren wieder am “Wandersmann”. Thomas versingt sich dreimal (“Habt Ihr mal versucht diesen Zungenbrecher zu singen?”), Ducky spielt einmal falsch - beim Refrain kommt der Rest der Band, bewaffnet mit Becks auf die Bühne.

 

Den endgültigen Abschluss bildet dann “Dein Anblick” bei dem trotz aller Security wieder die Wunderkerze rauskommt. Diese zeigt sich auch erstaunlich kooperativ und belässt das Lichtermeer. Nach der obligatorischen La-Ola-Welle sind Schandmaul weg - und ernten einen kräftigen Nachapplaus, als sich die Musiker über die raffinierte Balkonkonstruktion des Zeniths über den Köpfen der Zuschauer in den Backstage begeben. Nur um sich umzuziehen und dann mit Edding bewaffnet, den zweiten Teil des Abends zu beginnen.

 

Es bleibt zu sagen: 14.11.2008 - 10 Jahre Schandmaul. Ich bin dabei!

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