Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Psychotic Waltz & Ghost Ship Octavius im Konzert (Hamburg, Oktober 2019)

Kurzweiliger Abend mit kleinem Vorgeschmack auf das kommende Album

Stimmlich mit kleinen Problemen, aber gut gelaunt und redselig: Devon Graves.

Zum Thema

Psychotic Waltz

Lediglich eine gute Viertelstunde später betreten die Hauptdarsteller am heutigen Abend die Bühne und legen bei zum Glück weitaus besserem Sound als bei Ghost Ship Octavius tatsächlich gleich mal mit einem neuen Stück los: „Pull The Strings“, so der Titel wie sich später herausstellt, ist eher irgendwo zwischen den letzten beiden Alben „Mosquito“ und „Bleeding“ verortet, denn den beiden ersten, bei Fans weitaus beliebteren, bietet jedoch sämtliche Trademarks der Band mit recht hohem Gesang, Gitarrenharmonien und sogar ein paar Flötensoloeinsprengseln – soweit man das nach einmal Hören beurteilen kann, auf jeden Fall eine brauchbare Nummer.

Das anschließende „Morbid“ hingegen ist den Anwesenden natürlich bekannt und der eingängige Refrain wird sofort aus voller Kehle mitgesungen. Die Stimmung ist von Beginn an prächtig, die Euphorie nach der mittlerweile immerhin schon neun Jahre zurückliegenden Reunion offenbar fortwährend; dass das sehnlichst erwartete Comebackalbum nächstes Jahr wohl tatsächlich endlich Realität wird, ist da logischerweise hilfreich.

Nach „Morbid“ begrüßt Frontmann Devon Graves – sehr stilsicher in ein Jimi Hendrix-Shirt gehüllt – erst einmal die Zuschauer und nimmt sich gleich einen Knaben zur Brust, den er beim Filmen ertappt: „Bei allem Respekt, Kumpel, aber wenn ich sehe, wie Leute ein Konzert durch ihr Telefon verfolgen, habe ich den Drang zu sagen: ,Sei jetzt in diesem Moment hier mit uns!‘“ Es folgt großer Jubel auf dieses Statement – die Jungs haben hiermit einmal mehr demonstriert, was für sympathische Zeitgenossen sie sind, zumal Graves dem Fan diese Worte völlig ruhig und ohne herablassenden Tonfall mitgegeben hat.

Dass Bodenständigkeit und Exzentrik sich nicht komplett ausschließen müssen, beweist er mit dem für ihn so typisch exaltierten, zappeligen Bewegungen und Gesten auf der Bühne einerseits, während er andererseits sich nicht zu schade ist, auch weiterhin mit einzelnen Fans kurze Gespräche zu führen. Eine Plaudertasche war er ja schon immer. So bescheinigt er einem Supporter, dass dieser sehr jung für sein Alter aussähe, nachdem er einen alten Song ankündigt und annimmt, dieser müsse damals noch ein Baby gewesen sein, der Zuschauer ihm aber widerspricht. Außerdem erfahren die Leute Anekdoten wie dass die Band ursprünglich Aslan hieß und sich erst später auf den Vorschlag von Brian McAlpin nach dem gleichnamigen Song in Psychotic Waltz umbenannte (diese Story dürften die meisten Fans allerdings kennen) und dass Graves eben jene Nummer als Schüler mit 17 auf Acid schrieb.

Der Mann ist derart sympathisch, dass man ihm sogar glaubt, wenn er behauptet, viele Gesichter wiederzuerkennen und „viele alte T-Shirts“ – letzteres entlockt dem Publikum wiederum einige herzhafte Lacher – und dass das alles immer noch „ein Traum“ sei. Ziemlich bescheiden, wenn man bedenkt, dass Waltz trotz des unbeschreiblichen musikalischen Talents nie den Durchbruch schafften, den sie verdient gehabt hätten.

Stimmlich merkt man, dass er kein junger Springinsfeld mehr ist; mit den vielen hohen Tönen hat er öfters merklich zu kämpfen, manchmal überschlägt sich die Stimme – aber niemand ist zu beneiden, dieses Material singen zu müssen, das sich konstant in kilometerhohen Sphären befindet, und Devon ist inzwischen eben auch schon Anfang 50 und kann das nicht mehr mal eben nebenbei wuppen. Die spitzen Schreie kriegt er allerdings erstaunlich souverän und da zu jedem Zeitpunkt zu sehen ist, dass er alles gibt, ist das auch alles gar nicht so dramatisch. Außerdem ölt er bereits relativ am Anfang die Stimme mit einem Jägermeister, den er an der Bar ordert, welcher allerdings ein wenig auf sich warten lässt – erst als einige Fans sich lautstark melden („nun gebt dem Mann doch endlich seinen Jägermeister“), wandert der Kurze endlich nach vorne auf die Bühne.

Insgesamt ist die Performance der fünf Musiker stark und motiviert – Norm Leggio und Ward Evans markieren auch 2019 noch eine der coolsten und routiniertesten Rhythmusgruppen, und über das magische Gitarrentandem Dan Rock und Brian McAlpin müssen wohl nicht ernsthaft viele Worte verloren werden, zumal man nicht genug Respekt für letzteren aufbringen kann; dass er sich als an den Rollstuhl Gefesselter trotzdem den Tourstress antut, kann man kaum ausreichend würdigen.

Im Fokus steht ganz klar „A Social Grace“; das damalige Debüt wird mit gleich sieben Songs bedacht (u.a. auch der göttlichen Ballade „I Remember“, von der Graves sagt, er sei damals nicht sicher gewesen, was die anderen davon halten würden, als er sie der Band vorstellte), während der Rest mit lediglich zwei bzw. drei Stücken abgespeist wird (zumindest spart man das überirdische „Into The Everflow“-Titelstück dabei nicht aus, „Little People“ oder „Butterfly“ vermisst man aber schon ein bisschen). Dafür wird mit „Back To Black“ eine weitere neue Nummer vorgestellt, die etwas härter und düsterer daherkommt und (so jedenfalls der flüchtige Eindruck nach einmal Hören) ebenfalls eher in Richtung der letzten beiden Alben tendiert.

„Nothing“ beschließt das Set dann vorerst, doch der Jubel ist so groß, dass die Fünf gar nicht anders können, als sich noch einmal blicken zu lassen. In Form des Black Sabbath-Covers „Children Of The Grave“ werden dann rund 100 kurzweilige und musikalisch selbstredend hochklassige Minuten abgerundet und nach dieser überzeugenden Darbietung wächst die Spannung auf das nächstes Jahr kommende fünfte Album bis ins Unermessliche. Vielleicht war es doch ganz gut so, dass Waltz kommerziell nicht so groß wurden wie Dream Theater oder seinerzeit Queensrÿche und stilistisch ähnlich gelagerte Combos – der Kultstatus ist so jedenfalls ungebrochen und die Musik der Amerikaner ist und bleibt etwas ganz Besonderes.

Setlist:

Sleeping Dogs (Intro)
Pull The String (neuer Song)
Morbid
Halo Of Thorns
Northern Lights
A Psychotic Waltz
Only In A Dream
Haze One
Mosquito
Ashes
Locust
Into The Everflow
I Remember
…And The Devil Cried
I Of The Storm
Back To Black (neuer Song)
Nothing
--------------------------------
Children Of The Grave (Black Sabbath-Cover)

Seite
  • 1
  • 2
comments powered by Disqus