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Porcupine Tree, Katatonia im Konzert (Bremen, Oktober 2009)

Unprofessionelle Organisation schmälert einen im Prinzip genialen Abend

Überzeugten wie immer mit brillantem Sound: Porcupine Tree

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Porcupine Tree

Vielleicht mussten Katatonia aber auch vorzeitig abbrechen, damit genügend Zeit war, die Bühne zu staubsaugen, bevor Porcupine Tree selbige betreten. Angeblich bestand die Band darauf, wohl, weil Steven Wilson stets barfuß auftritt und anscheinend keine Lust darauf hat, dass ihm irgendetwas in die Füße piekt, was er nach eigenen Worten schon des öfteren erleben musste. Der Frontmann des Stachelschweinbaums scheint wirklich ein typischer Künstler zu sein, ein Typ mit allen möglichen Marotten und Eigenheiten, einer, der weiß, was er kann, aber der es trotzdem nicht zu sehr nach außen kehrt (der ein oder andere schätzt ihn gerne mal als arrogant ein, aber im Grunde genommen wirkt er doch sehr zurückhaltend).

Während ich es im inzwischen gerappelt vollen Aladin mit zwei Kumpels schaffe, mich in die dritte Reihe zu manövrieren, wo ich einen glänzenden Platz in der Mitte ergattere, bei dem sowohl Platz genug, um einigermaßen abzugehen, als auch direktes Sichtfeld auf den Meister ist, stimmt ein scheinbar recht erfahrener Roadie mit finsterem Blick im Alleingang sämtliche Gitarren und Bässe. Wenn Perfektionisten wie Porcupine Tree einem einzigen Mann alles anvertrauen, dann will das was heißen!

Und dass diese Band aus Perfektionisten besteht, zeigt sich bereits, als die ersten Note von „Occam’s Razor“, dem Auftakt von „The Incident“, dessen 55-minütige erste CD die Engländer wie angekündigt komplett spielen werden, ertönt: Ein mächtiger Akkord, mehrmals wiederholt, der das Konzert wie ein Donnerschlag einläutet. 

Man ist es von Porcupine Tree gewohnt, perfekten Sound geboten zu bekommen, aber es ist trotzdem immer wieder ein absoluter Hochgenuss. Mit vergleichsweise wenig Samples und optisch unterstützt von atmosphärisch entsprechenden Videos auf der Leinwand schafft die live bekanntermaßen durch John Wesley an der zweiten Gitarre und den Backing Vocals zum Quintett aufgestockte Combo es, ihre unglaublich komplexen, vielschichtigen und flächigen Kompositionen fast identisch zu den Studioaufnahmen herüberzubringen – woran natürlich auch Keyboarder Richard Barbieri seinen Anteil hat, denn eine vergleichbare Art zu spielen hat kein anderer Tastendrücker. Bei anderen Bands mag es langweilig erscheinen, wenn die Live-Performances wie die Studioaufnahmen klingen, doch bei Porcupine Tree ist das etwas anderes.

Es ist jedenfalls kein Problem, die Augen zu schließen und sich der Musik hinzugeben. „The Incident“ ist ohnehin – wieder mal – ein Meisterwerk sondergleichen, welches im zwölfminütigen „Time Flies“ kulminiert, bei dem es sich Steven Wilson auf einem extra bereitgestellten Stuhl mit der Akustikgitarre wie ein Folksänger bequem macht, der während des psychedelischen Mittelteils, bei dem er mit einem makellosen Solo glänzt, weggenommen wird, damit der Mastermind auch amtlich rocken kann, um dann, am Ende des Stückes, als wieder der Anfangsteil ertönt und Steven wieder seine Akustikklampfe überreicht wird, erneut hingestellt zu werden. Habe ich auch noch nie gesehen, dass extra jemand auf die Bühne kommt, um Stühle hinzustellen und abzutransportieren...

Auch ansonsten haben die Roadies einiges zu tun, denn Wilson wechselt die Gitarre sehr oft, aber man weiß ja, welch Soundfetischist er ist, und auch hinter einem sehr stilvollen Keyboard am Bühnenrand nimmt er des öfteren Platz, um Richard Barbieri zu unterstützen. Die Kommunikation mit dem Publikum fällt dagegen wie gehabt eher spärlich aus (zumindest bekommt Wilson recht, als er konstatiert, sie seien das erste Mal überhaupt in Bremen), aber bei diesen Soundwällen, diesen Klangfarben fällt das nicht ins Gewicht. Außerdem wird „The Incident“ schließlich deswegen komplett dargeboten, weil dem Ganzen ein roter Faden innewohnt, den man nicht allzu oft unterbrechen sollte. Besser geht es jedenfalls nicht und ein traumhafter erster Set wird mit dem göttlichen „I Drive The Hearse“ beendet, bevor es in eine zehnminütige Pause geht.

Wir denken natürlich nicht im Entferntesten daran, diese traumhaften Plätze für eine Zigarette in der Raucherlounge aufzugeben und fragen uns, was wohl jetzt kommt – der zweite Set wird logischerweise nicht ganz so voraussehbar sein wie der erste. Na ja, meinetwegen könnten sie auch ihre ganze Discographie zocken.

Auf der Leinwand läuft inzwischen ein Countdown herunter und genau als dieser auf Null steht, betritt die Band erneut die Bühne – unglaublich, selbst das ist perfekt einstudiert. Man bleibt insgesamt eher bei neuerem Material, vorwiegend von den letzten beiden Alben „Fear Of A Blank Planet“ und „Deadwing“, was auch gleich der Set-Opener „The Start Of Something Beautiful“ beweist. Lediglich das ganz alte „Stars Die“, das zwischen den harten Part von „Anesthetize“ (wohl das härteste Stück Musik überhaupt, das Porcupine Tree bisher geschrieben haben), das sie auch gerne in seiner ganzen 17-minütigen Pracht hätten spielen dürfen, und „Way Out Of Here“ platziert wurde, fällt etwas aus dem Rahmen. Ich hege ja immer die Hoffnung, irgendwann noch mal „Stop Swimming“ oder gar „Radioactive Toy“ (den ersten großen „Hit“ der Gruppe) live zu hören zu kriegen, aber bisher wurde mir dieser Wunsch leider nicht erfüllt.

Beschweren will ich mich natürlich trotzdem nicht: Diese Band ist so geil, bei den ganzen großartigen Stücken fällt es schwer, eine Auswahl zu treffen, und es ist normal, sich auf die neueren Outputs zu konzentrieren. Zumal ich – soweit ich mich erinnere – bislang live auch noch nicht in den Genuss von „Buying New Soul“ gekommen bin, einem wundervollen Epos, das vom „Recordings“-Album stammt.

Mit dem Instrumental „Mother And Child Divided“ wird das Konzert vorläufig beendet, aber dass den Laden ohne „Trains“ niemand verlässt, ist ja wohl mal klar. Und tatsächlich findet der Gig mit den beiden von „In Absentia“ kommenden Ohrwürmern „The Sound Of Muzak“ (Stevens Abrechnung mit dem Musikbusiness) und „Trains“ (bei dem der Frontmann vom Publikum wissen will, wie das deutsche Wort für „train“ ist und ein mehrfach gebrülltes „Zuuuug!“ als Antwort erhält, was sich sehr amüsant anhört) einen würdigen Abschluss.

Bei mir persönlich überwiegt dann die Freude über diesen tollen Abend, als der Ärger darüber, dass das Konzert ohne Vorankündigung einfach früher anfing, auch wenn das natürlich gar nicht geht. Zumindest wir konnten das volle Programm genießen, aber es gab bestimmt einige Zuschauer, die zu spät kamen und nichts oder fast gar nichts von Katatonia mitbekommen haben und die verständlicherweise ziemlich sauer darüber sein dürften. Auch dass den Fotografen, nachdem sie aus dem Fotograben herausgeschickt wurden, die Kameras abgenommen wurden und sie diese erst nach dem Gig wieder abholen durften, ist ziemlich frech, genauso wie die Tatsache, dass eine Kollegin sofort zum Gehen aufgefordert wurde, weil sie es gewagt hatte, mit Blitzlicht die Setlist vom Bühnenboden zu fotografieren. Wenn ich Steven Wilson – den ich für sein Schaffen zutiefst verehre und für ein Genie halte, wie noch einmal betont sei – richtig einschätze, verabscheut er Rockstar-Gehabe, von daher sollte er von solchen überzogenen Aktionen – denn von wem sollen solche Anordnungen sonst kommen? – Abstand nehmen.

Setlist:

The Incident:
- Occam’s Razor
- Blind House
- Great Expectations
- Kneel And Disconnect
- Drawing The Line
- The Incident
- Your Unpleasant Family
- Yellow Windows Of The Evening Train
- Time Flies
- Degree Zero Of Liberty
- Octane Twisted
- The Séance
- Circle Of Maniacs
- I Drive The Hearse

Pause

- The Start Of Something Beautiful
- Buying New Soul
- Anesthetize Part 2
- Stars Die
- Way Out Of Here
- Mother And Child Divided
---------------------------
- The Sound Of Muzak
- Trains

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