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Pain Of Salvation & Kingcrow im Konzert (Hamburg, September 2018)

Erneut eine eindrucksvolle Bewerbung um den Titel „Konzert des Jahres“

Pain Of Salvation

Rund 25 Minuten später beginnt der Auftritt des Headliners. Richtig voll ist es ähnlich wie vor anderthalb Jahren auch diesmal nicht geworden, aber die Stimmung, die ja bereits bei Kingcrow erfreulich gut war, erfährt noch mal eine weitere Steigerung. Der Opener der aktuellen Scheibe, „On A Tuesday“, ist bei von Anfang an starkem Sound allerdings auch ein perfekter Einheizer und die Fans sind von der ersten Sekunde an voll dabei. Faszinierend, dass von allen Progbands gerade die so rhythmisch vertrackten Pain Of Salvation anscheinend mit die euphorischsten Fans haben, die die im Publikumsbereich klaffenden Lücken quasi vergessen machen.

Auf die zehnminütige Eröffnungsnummer folgt mit „Reasons“ gleich das nächste Stück von „In The Passing Light Of Day“, bei dem die Band erstmals ihre Fähigkeiten im Harmoniegesang demonstrieren kann. Wie immer bei den Schweden singen alle Bandmitglieder, beeindruckend hierbei insbesondere Drummer Léo Margarit, der zum Teil mit schwindelerregend hohen, fast Falsett-artigen Tönen imponiert. Vor allem aber ist es natürlich Rückkehrer Johan Hallgren an der zweiten Gitarre, der bei den Anwesenden speziell im Fokus steht.

Von seinem sympathischen Charisma hat er nichts eingebüßt, wie schon damals des Öfteren tritt er mit nacktem Oberkörper auf und seine Figur erweist sich dafür auch heute noch als geeignet. Dass er wieder richtig Bock auf die Band hat, zeigt sich neben seinem großen Bewegungsradius in zum Teil wie entfesselten, spektakulär frickeligen Hochgeschwindigkeitsgitarrensoli und Dauergrinsen in der Visage.

An dieser Stelle dürfen jedoch – so sehr man sich auch drüber freuen darf, dass er in den Schoß der Formation zurückgekehrt ist – die unerfreulichen Begleitumstände seiner Wiederkehr nicht unter den Teppich gekehrt werden. Ragnar Zolbergs Rauswurf im April des letzten Jahres kam überraschend und war in seiner Art und Weise geradezu schockierend; die Anschuldigungen des Isländers gegen Bandleader Daniel Gildenlöw wirkten wie die eines tief Gekränkten, aber keineswegs gänzlich aus der Luft gegriffen, man weiß schließlich nur zu gut auch um die hässlichen Aspekte des Showbusiness.

Andererseits zeigt sich Gildenlöw auch heute wieder derart sympathisch, witzig und gut gelaunt, dass man sich schlichtweg nicht vorstellen kann, dass selbst er, eigentlich ein Weltverbesserer im positiven Sinn, Bandmitglieder schlecht behandelt und bezahlt, weil er nur die Dollarzeichen vor Augen hat. So nimmt er sich beispielsweise nach dem furiosen Eröffnungstriplett mit drei Songs des neuen Albums, die ohne Pause hintereinander weg gezockt werden, ausgiebig Zeit, um eine amüsante Anekdote über die Anfänge des Tourlebens der Gruppe zum Besten zu geben.

Vor zwanzig Jahren sei die altehrwürdige Markthalle die erste Location gewesen, in der sie ein Konzert gaben und sie hätten angesichts der großen Bühne Bauklötze gestaunt: „We were like: Yeah, this is it, this is the shit – we’re on tour, motherfucker!“ Doch dann habe ihnen ein Mitarbeiter gesagt: „Äh, ihr müsst aber eigentlich da drüben spielen“, worauf die ernüchternde Erkenntnis fiel, dass man im Marx zu spielen habe, wo die Bühne „ungefähr so groß ist wie der Drumriser hier“. Immerhin hätte man sich so aber das Ziel gesetzt, unbedingt so bald es geht im großen Saal zu spielen.

Wie schon im letzten Jahr werden die Alben in Blockform dargeboten; bis auf die Songs des aktuellen Werkes hat man die Setlist allerdings ordentlich umgekrempelt – erfreulich für die Leute, die schon 2017 dabei waren und trotzdem auch heute in die Maha gepilgert sind. So kommt diesmal auch wieder ganz altes Material der 1998er Scheibe „One Hour By The Concrete Lake“ zum Zuge, die vor allem bei den alten Fans naturgemäß Begeisterungsstürme auslösen und für kreisende Matten und eifriges Kopfnicken sorgen. Die zerbrechliche Ballade „Pilgrim“ erfährt auf dieser Tour sogar ihre Live-Erstaufführung, wie Daniel erläutert, und wer den Text beherrscht, solle den Refrain ruhig aus Leibeskräften mitsingen.  

Zuvor jedoch gibt es mit „Disco Queen“ und dem nachdenklichen „Kingdom Of Loss“ (bei dem der Frontmann ohne Gitarre und nur mit Mikrofon bewaffnet agiert) noch zwei Kompositionen des bei den meisten Fans eher unbeliebten „Scarsick“ auf die Lauschlappen. Ersteres nach einer traumhaften Performance des Titelstücks von „The Perfect Element“ und eingeleitet von einer kleinen Nachhilfestunde in Sachen Disco-Vinylerscheinungen in den Siebzigern – wobei, wie man aus den Publikumsreaktionen schließen kann, die meisten Leute von den genannten Künstlern außer Gloria Gaynor anscheinend keinen einzigen kennen.

Zumindest weiß an dieser Stelle dann jeder, welcher Track wohl als nächstes kommt und nachdem Band und Publikum für Roadie „M1“ noch ein kleines Geburtstagsständchen zum 33. (wie die Ziffern auf der dargereichten Torte verraten) gegeben haben, was diesen sichtlich rührt, wird tatsächlich das stilistisch merklich aus dem Rahmen fallende „Disco Queen“ angestimmt. Zugegeben, meine Wenigkeit hat diesen Song früher aus tiefstem Herzen gehasst und auch wenn ich das inzwischen lockerer sehe und man den Track mit einer gewissen Ironie betrachten sollte: Wirklich gut ist die Nummer nach wie vor nicht, da weiß zum Beispiel Steven Wilsons „Permanating“ mehr zu überzeugen. Den meisten ist es egal und sie feiern auch hier kräftig; besonders ein paar Leute ganz vorne, die ein paar Mini-Discokugeln auf- und abschwenken, tun sich hier hervor – da hat wohl jemand vorher bei setlist.fm nachgeguckt und war entsprechend vorbereitet…   

Mit dem Polyrhythmik-Monster „Full Throttle Tribe“ kehrt die Band letztlich zum aktuellen Album zurück, um anschließend noch zwei Zugaben zu spielen, die es in sich haben: Der Zehnminüter „Beyond The Pale“ markiert diesmal den einzigen Auszug aus dem so beliebten Album „Remedy Lane“ (und ohne einen Song dieser Sensationsplatte wäre ich auch nicht gegangen) und „The Passing Light Of Day“ ist ja sogar noch ein wenig länger – und diesmal spielt Daniel das Intro auch fehlerlos…

Kaum zu fassen, dass dann schon wieder zwei Stunden vergangen sind und die meisten Zuschauer können dies wohl ebenfalls kaum glauben. Vor einem frenetischen Publikum haben Pain Of Salvation mal wieder alles gegeben und dürfen sich entsprechenden Applaus abholen. Was definitiv erwähnenswert ist: Gerade Anhänger dieser Combo haben bei allem Jubel offenbar ebenso ein wunderbares Gespür, wann man auch mal still sein darf, denn bei den vielen ruhigen und intensiven Stellen, wenn zum Beispiel nur Piano und Gesang erklingen, herrscht ehrfürchtiges Schweigen; kein Getuschel oder Gegröle trübt dieses Bild. Erneut haben die Schweden eine eindrucksvolle Bewerbung um den Titel „Konzert des Jahres“ abgeliefert.

Setlist:

On A Tuesday
Reasons
Meaningless
Falling
The Perfect Element
Disco Queen
Kingdom Of Loss
Handful Of Nothing
Pilgrim
Inside Out
Full Throttle Tribe
----------------------
Beyond The Pale
The Passing Light Of Day

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