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Opeth, Pain Of Salvation im Konzert (Hamburg, Dezember 2011)

Großartiger Abend mit etwas fadem Beigeschmack

Mischung aus Musikgenie und Stand-Up-Comedian: Mikael Åkerfeldt

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Opeth

Nach einer erfreulich kurzen und koordinierten Umbaupause sieht die Halle dann auch endlich nach dem versprochenen Ausverkauf aus. Dass Opeth sich auf dem neuen Album von ihrer Stammdisziplin Death Metal weitgehend abgewandt haben, scheint sich nicht nachteilig auf die Kartenverkäufe ausgewirkt zu haben, im Gegenteil: Ein großer Teil des Publikums scheint sich vor allem auf einen gemütlichen Abend zu freuen und wenig Wert auf eine harte Metal-Show zu legen. Gut so, denn Growls wird es – so viel sei vorweggenommen – in den folgenden zwei Stunden kein einziges Mal zu hören geben. 

Unter tosendem Applaus betreten die fünf Musiker schließlich die himmelblau ausgeleuchtete Bühne und legen mit der ersten Single aus dem aktuellen Album los: „The Devil’s Orchard“ ist nicht nur tadellos gespielt und auch soundtechnisch überragend klar, sondern animiert das Publikum auch gleich zum Mitsingen der Quasi-Refrain-Zeile „God is dead“. Mit „I Feel The Dark“ schieben Opeth gleich den nächsten „Heritage“-Titel nach, bevor Mikael Åkerfeldt zur Begrüßung ansetzt. Dass der Mann sich über die Jahre zu einer bemerkenswerten Mischung aus Musikgenie und Stand-Up-Comedian entwickelt hat, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Wer nicht nur für die Musik, sondern auch für Åkerfeldts haarsträubende Verbalabsurditäten angereist ist, wird an diesem Abend entsprechend nicht enttäuscht: Den Nachmittag habe er genutzt, um auf der Reeperbahn „die Ware zu testen“, in Schweden spiele sich das Nachtleben hauptsächlich in seinem Privathaus ab und, nebenbei gesagt: „We are Opeth. The next song is a song by Opeth. It is written, recorded and performed by Opeth.“ Zwischendurch geht er Bassist Martin Méndez mit einer besonders penetranten Imitation eines spanischen Akzents auf die Nerven und sinniert über das Publikum auf den Rängen: „Hey, balcony people!…This sounds like some kind of bad horror film…The Balcony People!“ In Sachen Publikumskontakt macht dem Mann so schnell ohnehin niemand etwas vor: „Hey, man on the balcony! Your beer is empty! Go get a new one – we’ll wait for you!“

Doch obwohl Åkerfeldt durchaus mal über ein Comedy-Soloprogramm nachdenken sollte: Die Musik kommt selbstverständlich keinesfalls zu kurz. Opeth bieten eine gesunde Mischung aus altem und brandneuem Material dar, halten sich bei der Auswahl aber merklich an die Stimmung von „Heritage“: Mit „Credence“, dem um ein akustisches Outro erweiterte „Closure“ und dem live eher selten gespielten „The Throat Of Winter“ sind gleich drei sehr ruhige Tracks in der Setlist vertreten. Auch bei der Auswahl des härteren Materials scheinen sich die Schweden an der Maxime „keine Growls“ orientiert zu haben, was einigen permanent nörgelnden Zuschauern in meiner Nachbarschaft dann doch sauer aufstößt. Was die auf einer Tour zu einer der bisher ruhigsten Opeth-Platten zu suchen haben, bleibt fraglich.

Doch auch wenn der Metal-Anteil sich in engen Grenzen hält, gibt es immer noch einige rockige Momente, in denen die Band eine Breitwand aus Sound aufs Publikum loslässt. „Porcelain Heart“ fällt zum Beispiel in diese Kategorie und wird um ein atemberaubendes Drumsolo ergänzt, bei dem Martin Axenrot für reihenweise offene Kinnladen sowie vermutlich Phantomschmerzen und Minderwertigkeitskomplexe bei allen anwesenden Schlagzeugern sorgt. Die Soundtürme, die der Mann allein mit seiner völlig irren Double-Bass-Technik hochzieht, lassen in puncto Druck keinerlei Wünsche offen. 

Dass seine offensichtliche Rainbow-Stilkopie „Slither“ nicht bei allen Fans Anhänger gefunden hat, ist Åkerfeldt offenbar bewusst – aber auch ziemlich egal: „I don’t care if you hate the next song as long as you love Ronnie James Dio!“ lässt er das Publikum noch wissen, bevor die Band sich mit Hingabe und Spielspaß der Hommage an die letztes Jahr verstorbene Metal-Legende widmet: Standen Fredrik Åkesson, Mikael Åkerfeldt und Martin Méndez bisher relativ statisch vor ihren Mikrofonständern bzw. im Halbschatten verborgen, kommt nun Bewegung in die Saitenfraktion. Neu-Keyboarder Joakim Svalberg hätte das muntere Plätzewechseln und Posen am Bühnenrand sicherlich gern mitgemacht, wenn er gekonnt hätte; zwischen zwei Mellotronen, einer Orgel, einem E-Piano und einem Synthesizer eingemauert muss er sich allerdings mit rhythmischem Wippen begnügen. Seinen von Per Wiberg übernommenen Job erledigt er trotzdem gewissenhaft und virtuos und fügt sich harmonisch in Sound und Bild ein. 

Bei der Bandvorstellung im Anschluss an „A Fair Judgement“ wird der Neue vom versammelten Publikum dann auch besonders herzlich beklatscht und sahnt bereits den meisten Applaus ab, bevor Åkerfeldt ihn überhaupt namentlich nennen kann. Der Frontmann hingegen hat ein Problem, als es an die Vorstellung seiner Wenigkeit geht: Der schönen Tradition folgend, sich bei Bandvorstellungen stets ein möglichst beklopptes Pseudonym zu verpassen, kann er heute nicht so recht nachkommen. Der Name des bekanntesten deutschen Metalmusikers soll es sein, doch die Publikumszurufe (die von „UDO!!!“ bis „Helge Schneider!“ reichen) machen ihn nicht so recht glücklich. Schließlich entscheidet er sich, am heutigen Abend als Ejakulatfleck in Michael und Rudolf Schenkers Lieblingspornoheft aufzutreten und leitet mit den denkwürdigen Worten „Yes, I am disgusting. The next song is not so disgusting“ zum letzten Song „Hex Omega“ über.

Danach verschwinden Opeth von der Bühne, kehren aber natürlich noch einmal für eine Zugabe zurück und beschließen ihr Set endgültig mit dem Meisterwerk „Folklore“. Fredrik Åkesson nutzt hier noch die letzte Gelegenheit für ein amtliches Gitarrensolo, bevor sich die fünf Musiker am Bühnenrand versammeln und sich mit einer Theaterverbeugung artig vom Hamburger Publikum verabschieden. Wer bisher noch Zweifel hatte, ob die neue, ruhigere und rockigere Ausrichtung der Schweden auch live zünden kann, dürfte nach diesem schlicht genialen Gig einer der eigenständigsten (und eigenwilligsten) Bands unserer Zeit endgültig überzeugt sein. Wer sich dagegen immer noch nicht damit abgefunden hat, dass seine Lieblinge keine Lust mehr auf heilloses Gebretter haben, sollte der aktuellen Tour besser fern bleiben. - Ein herzliches Dankeschön geht an unsere ehemalige Mitarbeiterin Toni Gunner für die Fotos.

Setlist:

The Devil's Orchard
I Feel The Dark
Face Of Melinda
Porcelain Heart (incl. Drum solo)
Nepenthe
The Throat Of Winter
Credence
Closure
Slither
A Fair Judgement
Hex Omega
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Folklore

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