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Opeth, Anathema im Konzert (Hamburg, November 2012)

Freaks auf dem Kiez

Mikael Åkerfeldts Lieblingsopfer: Bassist Martin Mendez

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Opeth

Konzertberichte über Opeth zu schreiben, ist einerseits total einfach, weil Mikael Åkerfeldt so viel Scheiße labert, dass es für ein Buch reichen würde (man sollte wirklich mal einen Sammelband mit sämtlichen Sprüchen und sämtlichem Blödsinn, den er auf Konzerten verzapft hat, herausbringen – bei Devin Townsend würde sich das ebenso lohnen). Andererseits ist das so viel Unfug, dass man die Hälfte davon am nächsten Tag garantiert wieder vergessen hat, wenn man sich nicht gerade jedes Wort notiert. Das Lieblingsopfer des Opeth-Chefdenkers ist und bleibt Tieftöner Martin Mendez, den er zwischendurch schon mal dazu bringen will, 200 Liegestütze zu machen (sinngemäß: „Time for the next highlight – Martin Mendez is gonna do 200 push ups“), doch nicht einmal zu zweien lässt sich der Bassist überreden, wofür er sich gefallen lassen muss, als „fauler Penner“ bezeichnet zu werden. Auch wird die Band als „Martin Mendez Band“ vorgestellt.

Musikalisch indes wird mit „The Devil’s Orchard“ gestartet, doch bereits gleich danach mit „Ghost Of Perdition“ ein Stück mit Growls nachgeschoben. Leider kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier der Soundmann noch nicht so richtig alles im Griff hat, das Schlagzeug tönt arg laut, weshalb die vielen schönen Leadgitarren ärgerlicherweise etwas untergehen. Bald aber ist das Problem weitestgehend behoben und das ist auch besser so, denn mit „White Cluster“ steht als Nächstes eine absolute Rarität auf dem Programm – der Verfasser dieser Zeilen sieht die Combo heute zum elften Mal live, doch dieses Juwel war ihm noch nie vergönnt – da freut man sich umso mehr, noch dazu, wenn man „Still Life“ (Åkerfeldt: „I didn’t have any money back then but still managed to get wasted every weekend“) als sein Lieblings-Opeth-Album betrachtet.

Anscheinend empfinden nicht alle so, denn bei dem Stück ist die Stimmung weitaus zurückhaltender als noch bei den beiden Tracks zuvor. Haben sich schon so viele alte Fans nach dem so zwiespältig aufgenommenen „Heritage“ abgewandt? Vielleicht ist es aber auch nur stille Bewunderung ob der immer wieder unfassbaren musikalischen Fähigkeiten der Protagonisten. Bestes Beispiel für letztere übrigens vielleicht das Finale von „Häxprocess“ – Wahnsinn, mit wie viel Gefühl und mit welcher Intensität Mikael Åkerfeldt das Schlusssolo zum Besten gibt; da können sämtliche Shredderer einfach mal ganz gepflegt kacken gehen, Feeling zählte sowieso schon immer mehr als Technik.

Die Jungs haben wirklich eine Hammer-Setlist im Gepäck, bei der außer den drei ersten Alben fast die komplette Historie berücksichtigt wird (die „Morningrise“-Brüller zwischendurch werden ignoriert), wodurch natürlich auch die Vielseitigkeit der Skandinavier besonders deutlich zutage tritt. Da wird in Form von „Hope Leaves“ eine herrliche Ballade gespielt, um anschließend den Brachialkracher „Deliverance“ folgen zu lassen, bei dessen Endriffing erneut kollektives Ausflippen angesagt ist. „Hessian Peel“ hingegen ist mal wieder so ein Stück, bei dem sämtliche Elemente der Truppe auf einmal aufgezeigt werden. Beeindruckend, wie sich hier melodische, Siebziger-mäßige Sequenzen und Death-Metal-beeinflusste Parts die Klinke in die Hand geben, aber man ist bei der Band ja sowieso stets zwischen Schwelgen in traumhaften Melodien, Maulaffen feilhalten ob des handwerklichen Niveaus und ekstatischem Headbangen hin- und hergerissen.

Im Übrigen fordert Mikael kurioserweise ausgerechnet bei „Hope Leaves“ die Leute zum Tanzen auf, meint, er selbst könne nur „Electric Boogie“ (guckst du hier!), womit er sich einhandelt, dass die Leute nun umso vehementer fordern, dass er tanzen solle, und sich die Schlagworte „Boogie“ (Keyboarder Joakim Svalberg spielt grinsend kurz einen Boogie-Woogie auf den Tasten an, der laut Mikael Åkerfeldt jedoch nichts mit „Electric Boogie“ zu tun hat) und „Electric Boogie“ zum Running Gag des Abends entwickeln und bis zum Ende der Show immer wieder gegrölt werden. Tja, wer sich die Suppe einbrockt, muss sie nachher eben auch selbst auslöffeln. Selbstverständlich lacht er sich trotzdem selber einen Ast darüber und freut sich über die prächtige Stimmung trotz nicht ausverkauften Hauses, hatte jedoch wohl nicht mit einer derart überwältigenden Reaktion auf diese kleine Herumspinnerei gerechnet.

Herumspinnerei wird auch in Bezug auf die Umgebung – wie ebenfalls bereits im letzten Jahr – kräftig betrieben. Da man ja auf dem Kiez sei, habe man sich am Nachmittag das Vergnügen gegönnt, zu zählen, wie viele Freaks da draußen herumrennen – sich selbst fairerweise dabei aber nicht ausgelassen. Zum Ende hin nennt Åkerfeldt wie gewohnt die Namen sämtlicher Bandmitglieder und stellt sich heute selbst als Francis Buchholz vor, den (wie er ausdrücklich betont) in den Neunzigern gefeuerten Ex-Bassisten der Scorpions, und philosophiert noch ein wenig über die Namen deutscher Metalbands. So sei Accept doch ein seltsamer Name für eine Band, die „Scorpions“ hingegen nachvollziehbar, dies sei halt auch ein Name aus dem Tierreich, so wie zum Beispiel die Beatles (im englischen heißt das phonetisch gleiche Wort „beetle“ Käfer – Anm. d. Verf.), und ob es wohl auch eine Band gäbe, die „The Dogs“ oder „The Cats“ hieße. Wie vorhin angedeutet – man könnte ein Buch über den ganzen skurrilen Quatsch schreiben, den er so von sich gibt, aber gerade dieser Quatsch macht ein Opeth-Konzert eben nur noch sehenswerter und in seiner Art der Kommunikation mit den Zuschauern ist Mikael Åkerfeldt einzigartig, das wird wohl auch der größte Gegner dieser Combo einsehen müssen.

Außerdem veranstaltet er noch ein kleines Ratespiel, welcher Song denn als Nächstes kommen würde, erklärt aber verschmitzt, es wäre sowieso egal, was die Leute hören wollen und welche Titel sie schreien, man würde eh nicht darauf eingehen. Mit „Harlequin Forest“ kommt schließlich noch ein weiterer Song der „Ghost Reveries“-Scheibe zum Zug, bevor sich der Fünfer kurz hinter die Bühne zurückzieht, um dann mit dem übermächtigen Epos „Blackwater Park“ noch einmal alle Reserven aus den Anwesenden herauszukitzeln. Letztlich stehen lediglich neun Songs zu Buche, nur zwei mehr als bei Anathema, wobei die Schweden über eine Stunde länger spielten als die Musiker von der Insel. Es waren also heute fast nur Longtracks jenseits der Zehn-Minuten-Grenze, die die Gruppe zelebriert hat, doch – und das dürfte wohl jeder Fan so sehen – genau deswegen war die Setlist so ein Knaller, zumal dies wahrlich einige der allerbesten waren. Alte Fans, die mit „Heritage“ überhaupt nicht zufrieden waren, dürften heute jedenfalls wieder etwas versöhnlicher gestimmt worden sein.

Setlist:

The Devil’s Orchard
Ghost Of Perdition
White Cluster
Hope Leaves
Deliverance
Hessian Peel
Häxprocess
Reverie/ Harlequin Forest
-------------------------------
Blackwater Park

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