Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

My Dying Bride, Oceans Of Slumber im Konzert (Hamburg, April 2016)

Düstere Doom-Romantik am bislang sonnigsten Tag im Jahr

Während man sich in Thüringen und Hessen pünktlich zum Beginn des Aprils mit einem plötzlich hereinbrechenden, schweren Schneechaos herumplagen muss, scheint ausgerechnet im häufig so trüben Hamburg die Sonne, als hätte man es nie anders gekannt. Der heutige 2. April ist in jedem Fall der schönste Tag des Jahres bisher – da mutet es schon ein wenig ironisch an, dass ausgerechnet heute eine Band in der Hansestadt aufschlägt, die für ihre ebenso düsteren wie romantischen Songs über Liebe, Tod, Verlust, Einsamkeit, Depression, Isolation und innere Zerrissenheit bekannt ist. Pünktlich zu ihrem 25. Geburtstag haben My Dying Bride im letzten Jahr ihre neue Platte „Feel The Misery“ unters Volk gebracht und damit einmal mehr ihre Vormachtstellung in der Doom-Szene untermauert.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ein komplett objektiver Bericht ist hier nicht möglich, denn der Autor liebt diese Band schon seit vielen Jahren abgöttisch, hatte bereits die Ehre, drei Interviews mit den Engländern zu führen, bekam bislang aufgrund der, sagen wir mal, nicht gerade häufigen Touren der Truppe aber noch keine Gelegenheit, sie live zu bewundern. Auf diese persönliche Premiere habe ich mich seit Monaten gefreut und so folgte in den letzten Tagen immer wieder der Blick auf die Websites von Band und Club, um sicherzugehen, dass das Ganze aus welchen Gründen auch immer bloß nicht verschoben oder gar abgesagt wurde.

Oceans Of Slumber

Zum Glück ist dies nicht der Fall, keine Krankheiten oder sonstige Umstände zwingen zum Umdisponieren und so betritt pünktlich um sieben Uhr mit Oceans Of Slumber die erste und einzige Vorband am heutigen Abend die Bühne. Die Amerikaner haben jüngst ihre zweite Full-length-Platte „Winter“ veröffentlicht und weder dieser Titel noch die düstere Musik der Truppe will zu der Tatsache passen, dass sie aus dem sonnigen Houston in Texas stammen. Andererseits ist das letztlich auch nur ein Klischee, auf das man nichts geben sollte, denn was die Band bietet, ist große Klasse.

Technisch feine Arrangements treffen auf Songs voller toller Spannungsbögen, unterschiedlichste Stimmungen zerren den Hörer durch ein Wechselbad der Gefühle. Eindeutig im Mittelpunkt steht die charismatische Frontlady Cammie Gilbert, die lediglich in ein dünnes Kleid gehüllt ist und Steven Wilson-like barfuß über die Bühne schwebt. Grazil tänzelt sie und lächelt freundlich, wirft aber bei härteren Sequenzen auch mal einen aus Braids bestehenden Propeller an; in erster Linie jedoch betört sie mit einer wundervoll schönen, soulig angehauchten Stimme, die den perfekten Kontrast zu den Growls von Gitarrist Sean Gary und Bassist Keegan Kelly bildet. Auch wenn es so klingen mag: Mit dem abgedroschenen „Beauty and the Beast“-Stereotyp, von dem vor allem die Gothic-Szene überschwemmt ist, hat das nichts zu tun. Dazu sind Oceans Of Slumber zu eigenständig und innovativ. Allein, dass es trotz aller Komplexität und immer wieder aufkeimender Härte möglich ist, einfach die Augen zu schließen und in der Musik zu versinken, spricht für sich.

Durchaus clever ist auch der Aufbau des Konzerts: Man beginnt einigermaßen ruhig, lullt die Leute zunächst ein, damit das Publikum, dem die Band weitestgehend unbekannt ist, nicht gleich überfordert wird, um in der Mitte des Sets den Härtegrad deutlich anzuziehen und das progressivere Material auszupacken. Die Rechnung scheint aufzugehen, denn die Zuschaueranzahl steigt in der Tat beträchtlich und die Reaktionen werden immer anerkennender. Dies bleibt natürlich auch der Sängerin nicht verborgen, wie schon daran zu erkennen ist, dass das Strahlen in ihrem Gesicht bei jeder Songansage größer wird. Imposant ist ebenso, als Drummer Dobber Beverly – neben Cammie der heimliche Star, beeindruckt er doch mit ebenso filigranem wie federleichtem Spiel, auch wenn er für meinen Geschmack manchmal schon zu viel macht – mal eben ans Piano wechselt, um eine zerbrechlich-zarte Nummer, die Cammie süß säuselnd veredelt, zum Besten zu geben, während sich Gitarrist Sean kurz hinter die Kessel klemmt. Unerwartet, aber geil und für jeden Schreiberling selbstverständlich ein gefundenes Fressen.

Als die Fronterin gegen Ende fragt, ob sich die Leute auf My Dying Bride freuen würden, erreicht der Jubel allerdings seinen Höhepunkt. Wahrscheinlich ist meine Wenigkeit nicht der Einzige, der die britischen Doom-Pioniere zum ersten Mal sehen wird, obwohl er ihr Schaffen schon seit langer Zeit verehrt. Indes beschließen die Texaner mit einem interessanten Cover des Megahits „Nights In White Satin“ von den Moody Blues, bei dem der Song nahezu zerpflückt wird (sogar Blastbeats hat man eingebaut!), einen beeindruckenden Auftritt und erklären, dass die Fans später gerne auf einen Plausch und ein Bier an ihren Merchstand kommen dürften. Der Aufforderung kommt so mancher nach – die Amis dürften heute einige neue Anhänger hinzugewonnen haben.

Seite
  • 1
  • 2
comments powered by Disqus

Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann