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More Than Seattle, Billy Eitel im Konzert (Mannheim, Oktober 2014)

Eine Reise in die Vergangenheit

More Than Seattle feierten einen großartigen ersten Gig (Foto: On-Stage-Pics.de)

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More Than Seattle

Wenn Jochen Mayer, seines Zeichens umtriebiger Musiker und ehemaliger Bassist bei den mittlerweile aufgelösten Viva La Tia, ruft, hat man zu erscheinen. Punkt. Wenn er dann mit More Than Seattle auch noch eine „90s Tribute Band“ aus dem Hut zaubert, kann man sich vor Begeisterung schon kaum mehr halten. Und wenn man sich dann den Bandnamen genauer anschaut und weiß, dass Seattle damals die Hochburg des Grunge war, ist es ohnehin schon völlig um einen geschehen.

More Than Seattle laden also am Samstagabend in den beschaulichen 7er Club in Mannheim, Hauptband sind dann die etwas weiter in die Vergangenheit zurückwandernden Billy Eitel – aber dazu später mehr. Erst mal geht es um die Neunziger – dabei ist der Altersdurchschnitt heute Abend recht hoch. Wenn man unter 30 ist und auch so aussieht, fällt man zumindest zu dieser frühen Stunde auf, einige Herrschaften haben gar eine Sofaecke in Beschlag genommen und trinken gemütlich ihr Käffchen – da fühlt man sich gleich ein bisschen wohler als bei den sonst besuchten Hardcorekonzerten, wo einem schon mal sein Bier per Highkick aus der Hand getreten wird.

An Platzangst wird heute wohl niemand zu leiden haben, der Club ist recht dünn besiedelt, per FB haben sich ganze 112 Nasen angemeldet, auch zu Stoßzeiten bei Billy Eitel sieht es nicht so aus, als wären viel mehr als 200 Leute da. Gemütlich, wie gesagt.

Richtig ungemütlich startet dann das Intro für die Neunziger-Jungs, kommt es doch erst mal viel zu laut aus den Boxen. Die Idee an sich ist aber geil, wir lauschen hier nämlich einem gruseligen Horror-Kirmes-Karussell-Sound, der einen prompt an Alice Cooper denken lässt und sicher auch bei seiner Bühnenshow perfekt passen würde. Ganz oben auf der Setlist steht dann „Bullet With Butterfly Wings“ von den Smashing Pumpkins – eines der wenigen Lieder der Truppe, die mir gefallen, aber hier herrschen noch leise Zweifel: Sänger Joe Kolb wirkt sehr zurückhaltend und nervös, Billy Corgans nervig-nölendes Organ bekommt der Mann so nicht hin; ob das was wird heute Abend? Schon beim zweiten Song setzt das kleine Herzchen der Rezensentin aber einen Moment aus: Nicht nur, dass das Quartett Alice In Chains noch vor Nirvana auf der Liste hat, es spielt auch noch „Man In The Box“. Und Joe macht das richtig gut, das Eis scheint ein bisschen zu tauen, unterstützt wird der Sänger und Gitarrist gesanglich von Jochen, der auch gleich den Therapy?-Klassiker „Nowhere“ übernimmt. Die Kombination der kratzigen Stimme des Bassisten und der letztlich doch erstaunlich variablen Darbietung des Leadsängers macht sich auf Dauer richtig gut, auch wenn man sich erst ein bisschen dran gewöhnen muss.

Hübsch anzusehen sind die Herren nebenbei, als Antithese zum Gammelgrunge haben die Jungs sich in Anzüge geschmissen und sehen jetzt ein bisschen aus wie eine etwas verstrahlte Prom-Band. Jochen gewinnt außerdem den Preis für die hässlichsten Schuhe des Abends – und das breiteste Grinsen. Schön, wenn Musiker so sichtbar Spaß an der Sache haben.

More Than Seattle lassen sich nicht auf puren Grunge beschränken, publikumswirksam präsentieren sie Foo Fighters („Learn To Fly“), den Soundgarden-Klassiker „Black Hole Sun“ (großes Kompliment hier an Joe, der zwar nicht Chris Cornells Heiserkeit geerbt hat, dafür aber gerade gegen Ende sehr überzeugen kann) und natürlich DEN Green Day-Song der Neunziger, „Basket Case“, bei dem ordentlich Bewegung in das immer noch etwas schüchterne und relativ überschaubare Publikum kommt.

Man darf natürlich den Rest der Band nicht außen vor lassen: Gerade bei Songs wie „Are You Gonna Go My Way“ (Lenny Kravitz) hängt sich der zweite Gitarrist Nils so richtig rein, der sich optisch ein bisschen wie eine etwas fülligere Version von Slash hervortut (inklusive zwischen den Haaren hervorschauender Kippe und Nasenring) – da passt es ganz gut, dass More Than Seattle im Dezember noch mal hier zu Gast sein werden, und zwar als Vortrupp für eine ungarische Guns N' Roses-Coverband.

Wenn man zurück in die Neunziger geht, dürfen Rage Against The Machine natürlich nicht fehlen, und damit das Publikum sich ein bisschen näherkommt und warm tanzt, wird der bekannteste Hit „Killing In The Name Of“ rausgehauen, der ebenfalls überraschend gut vorgetragen wird. Allmählich scheint sich die Nervosität auf der Bühne zu verflüchtigen, und schon bevor More Than Seattle mit dem regulären Set durch sind, werden Zugaben verlangt. Aber Jungs: Kein „Smells Like Teen Spirit“ mehr, der Song mag das Publikum anheizen, ist aber schwer überbewertet (ich weiß, Jochen, das Thema hatten wir schon – ich vertrau euch da). Dennoch mobilisiert sich das Publikum hier noch mal, es wird getanzt und mitgesungen; zum Schluss kommt mit „Hunger Strike“ von Temple Of The Dog noch mal der Romantikbonus, bevor nach einer Stunde Spielzeit die Lichter wieder angehen. Ein wunderbarer erster Auftritt geht zu Ende, ich freue mich, dass ich dabei sein durfte. Mehr davon, meine Herren!  

Setlist:

Intro
Bullet With Butterfly Wings
Man In The Box
Nowhere
Plush
Learn To Fly
Black Hole Sun
Basket Case
I Alone
Are You Gonna Go My Way
Killing In The Name Of
Alive
 
Smells Like Teen Spirit
Hunger Strike

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