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Metal in the Jailhouse

Rock im Knast als "Brücke zwischen drinnen und draußen"

Doctor Speed haute es bei Power-Speed-Thrash schon mal den Verstärker raus (Foto: Daniel Zehn)

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Doctor Speed

Bei den "Nachfolgern" handelt es sich um die Schwaben-Metaller Doctor Speed, durch deren Pressedame Meike The-Pit.de heute überhaupt bei diesem Spektakel anwesend sein darf - vielen Dank an dieser Stelle! Die Umbauerei wird so kurz wie möglich gehalten und nach nicht einmal zehn Minuten können die Vier es sich auf der Bühne gemütlich machen.

Der Kollege Tom setzte sich bereits mit der durchschlagenden Scheibe "Face To Face" auseinander, die heute natürlich live präsentiert werden kann, ist sie doch gerade erst vor wenigen Tagen veröffentlicht worden und so noch frisch und knackig. Wobei, so knackig sind die Tracks nicht mehr - immerhin wurden die Stücke bereits in den Achtzigern geschrieben. Dementsprechend kann man sich den Sound der Combo vorstellen: klassisches Riffing, galoppierende Drums und mit Johnny Vox ein Sänger, der dem ollen Bruce Dickinson wahrscheinlich mittlerweile starke Konkurrenz machen kann. Bereits in den guten alten Achtzigern hatte sich die Band formiert, wurde aber durch Krankheiten, Unlust und was einem als Musiker sonst noch alles so passieren kann, ausgeknockt und formierte sich erst 2009 endgültig neu. Kein Wunder ist es also, dass das mit dem Albumrelease so lange gedauert hat.

Auch hier sind die Insassen beim Opener "Icarus" bereits gebannt vom stimmlichen Umfang des Sängers, der natürlich klotzt statt zu kleckern - neben dem üblichen, recht raschen Gesang lässt Johnny, also known as Franz, immer wieder lang gehaltene Töne einfließen und post wie ein Weltmeister. Da kümmert es auch nicht, dass die leicht pathetische Ausrichtung der Truppe irgendwie zwischen Speed, Thrash und Power Metal ein ordentliches Kontrastprogramm zur ersten Band bietet und nicht bei jedem ankommt - interessant finden es die Häftlinge allemal und langsam kommt ein wenig Bewegung in die Bude; einige setzen sich auf die Fenstersimse, um besser sehen zu können und gleichzeitig in den Genuss von frischer Luft zu kommen, ein paar Stühle werden nach vorne in die vorderen Reihen gerückt. Richtig familiär fühlt man sich da, wenn man sich eine Band in so kleinem Rahmen anschauen kann. Auch die Handvoll Wärter, die zu diesem Zweck in den Saal beordert wurde, hält sich dezent im Hintergrund und wippt ebenso unauffällig mit den Füßen, wenn Drummer Dr. Drum trotz diverser körperlicher Gebrechen ("Bandscheibenvorfall", "Bin total müde", etc.) gerade ein Donnerwetter loslässt oder Dr. Git wie bei "The Hammer" ein Solo abfeuert.

Das Bandmotto "Bad boys play loud - wherever they can!" lässt sich heute durchaus auf den Doctor-Speed-Auftritt anwenden. Nun sind die Musiker keine Boys mehr und besonders bad kommen sie mit ihrem knuffigen schwäbischen Dialekt auch nicht rüber, aber zumindest an der Lautstärke gibt es nichts zu rütteln. Johnny zieht es immer mal wieder die Stufen hinunter vor die Bühne, wo er seinem Gesang mit ausufernden Gesten Nachdruck verleihen kann, ohne sich Sorgen machen zu müssen, womöglich von einem Headbanger erschlagen oder von einem Mosher umgehauen zu werden - ein Vorteil auf Seiten der JVA. "Toothbrusher" wird dann mit dem Satz angekündigt, dass der Song von "einer jungen hübschen Dame handelt, die gerne Zähne putzt" - wahrscheinlich ist die Schreiberin nicht die einzige, der dabei komische Metaphern im Kopf rumspringen.

Natürlich darf der Titeltrack der aktuellen Scheibe nicht fehlen, der live wesentlich druckvoller daherkommt als auf Platte. Das merkt dann auch der Marshallverstärker hinten im Eck, der sich prompt mal ausklinkt. Saublöd, aber mit so etwas muss man natürlich rechnen, und ein Konzert ist kein richtiges Konzert, wenn nicht mindestens ein Patzer passiert. Das Ganze ist aber recht schnell behoben und Johnny prostet dem Publikum mit seinem lecker Bier, das natürlich nur Wasser ist, zu, die ihm auch beherzt ein "Prost du Sack" entgegenschmettern.

Mit "Great War" und "Dark Soul" neigt sich der Gig dem Ende zu - der Sänger spricht den Helfern vor Ort noch mal seinen besonderen Dank aus, die unermüdlich versuchen, "eine Brücke von drinnen nach draußen" zu bauen; viel besser hätte man es wohl kaum ausdrücken können. In diesem Sinne möchte auch ich mich noch mal bei Doctor-Speed-Pressechefin Meike Oldenburg bedanken, die die Anfrage via Mail sandte, sowie bei Klaus Boshard und seinen Kollegen, ohne deren Präsenz und Tatkraft solche Konzert wahrscheinlich nicht nur in Stammheim pures Wunschdenken wären.

Setlist:

  • Icarus
  • Odin
  • The Hammer
  • Toothbrusher
  • Face To Face
  • Evil Death
  • We Destroy
  • Great War
  • Dark Soul
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