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Metal in the Jailhouse

Rock im Knast als "Brücke zwischen drinnen und draußen"

Killing Age groovten, was die Instrumente hergaben (Foto: Daniel Zehn)

Zum Thema

Es gibt so Momente im Leben, da möchte man gerne Amok laufen, Wenn man zum Beispiel eine dreistündige Fahrt mit Bus und Bahn bei fast 30 Grad Celsius hinter sich hat und dann gesagt bekommt, dass man nicht auf der Presseliste steht. Zwar ist der Irrtum dank Metal-in-the-Jailhouse-Organisator und Stammheim-Wärter Klaus Boshart schnell aufgeklärt, aber den Schreck hätte man sich bei dem Wetter gerne sparen können. Dafür geht dann aber alles ganz schnell: Handy abgeben, kurze Einweisung, dass man die Gesichter der Häftlinge nicht fotografieren darf, und nach gefühlten 50 auf- und wieder zugeschlossenen Stahltüren findet man sich dann neben Doctor Speed-Sänger Johnny Vox wieder. Komisch, in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart hätte man mehr Action erwartet. Die gibt es aber erst später auf der Bühne.

Als Konzertlocation wurde ein Mehrzweckraum auserkoren, der scheinbar durchaus auch mal als Kapelle genutzt wird. Bereits seit 2003 widmet sich Musikfreund Klaus der Ausrichtung der Knastkonzerte, wie es sie mittlerweile auch in anderen Gefängnissen wie zum Beispiel in Köln oder Heilbronn gibt. Jeden Monat ein bis zwei Auftritte werden in Stammheim auf die Beine gestellt; dabei geht es natürlich nicht nur um Rock und Metal - gerade in der Weihnachtszeit werden jeden Freitag Konzerte veranstaltet, von Pop über Klassik bietet sich da die gesamte musikalische Bandbreite an, die es so ziemlich jedem Insassen ermöglicht, auch mal sein Lieblingsgenre live zu erleben. Zu diesem Zweck wird mit genügend Vorlauf ein Aushang mit den Bandnamen, dem Konzerttermin und der Musikrichtung ausgehängt, um die Häftlinge zu informieren - wer sich das Spektakel anschauen möchte, trägt sich einfach ein und kann so zumindest einen kleinen Einschnitt im Alltag genießen.

Dementsprechend sind die 60 Sitze zu Konzertbeginn vollends gefüllt. Alter oder Herkunft spielen hier keine Rolle, auch geht es weniger darum, ob man die beiden Bands, die jetzt heute spielen werden, kennt oder deren Stil besonders mag; letztlich ist jeder froh, hier mit seinen Mithäftlingen mal außerhalb der Zellen zusammenzukommen. Einigermaßen ausgelassen warten die Jungs dann auch auf die erste Band des Tages, die sich mit Killing Age angekündigt hat. Mit gut anderthalb Stunden ist die Auftrittszeit für beide Bands recht knapp bemessen, aber man will ja auch die Aufmerksamkeitsspanne der Anwesenden nicht überstrapazieren.

Wo wir gerade vom Anwesenden reden: Es ist traurige Tatsache, dass von den recht zahlreichen Pressemenschen, die sich voller Begeisterung für Metal in the Jailhouse interessiert hatten, kein einziger aufgetaucht ist, abgesehen von The-Pit.de - dabei herrscht gerade hier und heute eine besondere Gelegenheit, nicht nur hinter die Kulissen einer JVA zu schauen, sondern einem Metalkonzert in einem Ambiente beiwohnen zu dürfen, das man so oft sicherlich nicht wieder sehen wird.

Killing Age

Zum Thema überstrapazieren: Wir platzen zum Soundcheck von Killing Age herein und kriegen direkt eine kostenlose auditive Druckluftbetankung, nach der das Trommelfell sich erst einmal wieder regenerieren muss. Der Sound ist derbe laut, aber alles andere als ausgewogen. Auf der Bühne hört man quasi weder sich selbst noch die Mitstreiter, in den hinteren Reihen haut es einem direkt die Sicherungen raus. Kann man nichts machen, heute herrschen sowieso unorthodoxe Zustände.

Die Herren von Killing Age machen das Beste draus - da wird gar nicht erst lange gefackelt, schließlich ist die Zeit begrenzt, stattdessen wird gleich mit "Out Of This" losgelegt. Musiktechnisch trifft die Truppe hier nicht nur auf begeisterte Ohren - die Mischung aus Thrash, Groove und Stoner passt zumindest einem der Zuschauer nicht, der mit einer Geste, die wahrscheinlich soviel heißen soll "Die Scheiße ist viel zu laut" wieder aus dem Raum geleitet werden möchte. Auch gut, immerhin bleiben die restlichen Zuschauer der Truppe erhalten. Ganz glücklich ist zumindest Sänger Jan nicht: Der Kerl schreit sich zwar die Seele aus dem Leib, insgesamt kommt vom Sound her aber bei Weitem nicht alles an. Trotzdem groovt der Vierer wie Hölle - da haben sich die Rock im Knast-Menschen wirklich eine harte Combo für diesen Freitag ausgesucht.

Nach über drei Jahren Bandgeschichte haben es die Herren dann auch mal geschafft, ein Debütalbum einzuspielen, "Good Times" mit Namen, aus dem hier und heute natürlich ordentlich gezockt wird. Tracks wie "Be Aggressive" verabschieden sich dann sogar vom staubigen Groove und präsentieren ein zackiges Gitarrensolo - das ruft auch bei den Zuschauern beeindrucktes Nicken hervor.

"Hier kommt unsere Ballade" - mit diesen Worten stellt Jan dann auch "Plums" vor, das tatsächlich recht ruhig mit schönen Gitarrenläufen und klarem Gesang startet, der bei dem hier herrschenden Hall leider nicht ganz so gut rüberkommt wie beim aufgenommenen Track. Das Stück kann aber insofern sehr überzeugen, da zum Refrain hin natürlich wieder ordentlich Tempo aufgenommen wird. Der Titel scheint auch im Publikum gut anzukommen, aber überhaupt ernten Killing Age trotz des sicherlich gewöhnungsbedürftigen Sounds ordentlich Applaus und beim ein oder anderen zustimmendes Kopfnicken während der Songs. So gar ein kurzes Mitklatschspielchen wird mitgemacht - da war auf so manchem Konzert "draußen" schon weniger Initiative vom Publikum zu sehen.

Bei der Zeiteinteilung, die nun mal nötig ist, um ein solches Projekt einigermaßen unter einen Hut zu bekommen, bleibt nur Zeit für sieben Songs, aber bei der Hitze reicht das der Band wahrscheinlich auch schon voll und ganz. Das heftige "Let Me Live" und "Busy" markieren den Abschluss und dann passiert etwas, womit wahrscheinlich niemand gerechnet hat, die Band am allerwenigsten: Es ertönen Zugabe-Rufe. "Die Zugabe gibt es von der nächsten Band" rettet dann die Situation - schließlich hat man einen Zeitplan einzuhalten, zumal Killing Age am selben Abend noch beim Weilheimer Kult-Ur Open Air auftreten sollen. Auf geht es also in die kurze Umbaupause, in der sich die Nachfolger auf der Bühne häuslich einrichten.

Setlist:

  • Out Of This
  • Be Aggressive
  • The Blues
  • Plums
  • Red Or Blue
  • Let Me Live
  • Busy
Seite
  • 1
  • 2
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