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M'era Luna 2006

Zum Thema

Das Mera Luna bedeutet nicht nur eine Menge Musik, eine Menge Leute und eine Menge Müll – nein, vor allem eine Menge Spaß.

Vor der Bühne, auf dem Zeltplatz oder beim Bummeln durch die immer zahlreicher werdenden Verkaufsstände; stets kann man sich hier wunderbar amüsieren, auch wenn es nach außen natürlich oftmals nicht so aussehen darf.

 

Doch im Gegensatz zum Clubbesuch oder zum Konzert leben sich hier viele der Besucher ganz anders aus. Man ist unter Gleichgesinnten und kann sich so geben wie man halt sein möchte. Die Stimmung auf dem Festival ist sehr gelassen und tolerant, denn irgendwie sind dort ja alle Individualisten – 22.000 Stück.

Diese Dimensionen, 40 Bands an 2 Tagen, über 30 Stunden Live-Musik, 22.000 Besucher, sprechen eine ganz eigene Sprache. Man wird sich dessen bewusst, wenn man versucht sich alle Bands anzusehen, oder einfach mal über den Zeltplatz schlendert. Das Mera Luna ist solch eine riesige Veranstaltung, dass man beim Gedanken an diese Ausmaße wirklich Angst bekommen kann. Auf der anderen Seite bedeutet dies natürlich auch, dass hochkarätige Bands eingeladen werden können.

 

 

 

Ein Beispiel hierfür ist etwa Bauhaus, die als Mitbegründer der Gothic-Szene nur noch selten zu sehen sind, bis vor einigen Jahren sogar überhaupt nicht mehr. Umso bedauerlicher ist es, dass hier die Technik einen Höhepunkt an Mängeln aufwies: als Festivalbesucher ist man ja schlechte Mischer gewöhnt, doch dass dann auch noch das Mikro des Sängers während der Songs ständig längere Aussetzer hat, sollte eigentlich nicht passieren.

Und so kann man sagen, dass der Genuss der musikalischen Darbietungen eigentlich nur durch die Tontechniker und die schlechte Akustik der zweiten Bühne, des Hangars, eingeschränkt wurden. Viele der Bands waren Angesichts der zahlreichen Hörerschaft und der wunderbaren Wetterlage in bester Spiellaune, so etwa Letzte Instanz, die mit einer ganzen Palette von kleinen Ideen ihre Show interessant hielten. Zum Beispiel die Jazzeinlage, die so gekonnt und cool rüberkam, dass man sich beinah nicht mehr wie auf einem Gothic-Festival fühlte. Man merkte eigentlich nicht, dass der Sänger gewechselt hatte, denn einer der großen Pluspunkte dieser Band ist neben ihren eingängigen Songs die Streicherfraktion. Diese gibt dem Ganzen ein gewisses Etwas, auch wenn sie von Zeit zu Zeit von der E-Gitarre übertönt wurde.

 

 

 

Neben diesen vereinzelt auftretenden „Randgestalten“ der Gothic-Szene, ist dieses Jahr ganz massiv der elektronische Bereich der schwarzen Szene vertreten gewesen. Dies machte das ganze Festival sehr viel ernster, oder besser gesagt ansprechender für älteres Publikum. Denn seitdem Gothic sich als Jugendkultur etabliert hat, kann man einen drastischen Altersunterschied zwischen dem elektronischen Bereich und der übrigen Gothic-Szene erkennen. Da das Mera Luna durch seine Popularität ein solides Stammpublikum besitzt, konnte man es wagen, einen inhaltlichen Wandel zu begehen.

Sicher führte dies für Viele zu Neuentdeckungen, da der Einstieg in die Sparten Elektro, Synth-Pop und Konsorten nicht ganz einfach fällt, und das Festival hier wunderbar nachhalf.

So hatte man beispielsweise die Chance das EBM-Urgestein Nitzer Ebb zu erleben, die seit über 10 Jahren nicht mehr auf der Bühne zu sehen waren. Einigen ist dessen Frontman vielleicht vom Dou Fixmer/McCarthy bekannt, welches stets ein interessantes Süppchen aus Techno und EBM gekocht haben.

 

Neben all diesen „Klassikern“ gab es natürlich auch Neues zu entdecken, etwa Liv Kristine und Elane, die mit Herz bei der Sache waren; jedoch gerade bei Letzteren merkt man, wie sehr noch an der Bühnenshow gefeilt werden muss. Doch dieser Prozess dauert lange, und es ist ein beinah ebenso steiniger Weg, wie der sein Instrument zu beherrschen oder anspruchsvolle Songs zu schreiben. Denn bei vielen Gruppen kommt auch nach etlichen Jahren Bühnenerfahrung keine ausdrucksstarke Performance heraus. Funker Vogt ist da so ein Beispiel; zwar passt dies martialische Rumgestampfe zur Musik und zum Konzept der Band, aber wenn man das als Bühnenshow betitelt, dann hat man noch nicht gesehen, was alles möglich ist.

 

 

 

 

Denn hier hatten Gruppen wie Letzte Instanz, Ministry und In Extremo ganz klar einen offensichtlichen Vorsprung. Letzte Instanz etwa wussten sehr gut mit dem Publikum umzugehen, was die Musiker dann auch gleich retour zu spüren bekamen. Und obwohl Ministry zur alten Brigade des Festivals gehören zeigte die Band, dass man auch mit 8 Gitarren den Sound zweier erreichen kann, und durch Drogenecksesse und viel Lautstärke mehr erreichen kann als mit Virtuosität. Doch eines muss man Ministry ja eingestehen: Immer wenn Amerikas Politik mal wieder die Öffentlichkeit erregt, haben ihre Kritiker wie etwa Al Jourgensen mehr als ein offenes Ohr in der Gesellschaft.

Was hingegen die Bühnenshow von In Extremo angeht, so haben diese einfach ihre alten Sachen wiederverwertet, wie auch schon bei den Alben zu erkennen. Aber gut, wieso sollte man ändern was bestens funktioniert.

 

 

 

Durch das durchweg gute Wetter, war die Stimmung des Festivals sehr positiv, wenn auch die vielen Leute das Umfeld weniger persönlich erschienen ließen; und die Zusammenstellung der beteiligten Musiker war auch recht gewöhnungsbedürftig bis fordernd, jedoch nicht minder interessant; wie auch die mannigfaltigen Attraktionen abseits der Bühne: Wenn man nicht bei einem der unzähligen Stände seine Augen über das bemerkenswerte Angebot schweifen ließ, so konnte man sich am Anblick der anderen Festivalbesucher erfreuen. Wie sich hier viele hergerichtet hatten war wirklich imposant. Um hier aufzufallen wurde nicht an skurrilen Ideen gespart: Farbige Kontaktlinsen, grelle Farben auf schwarzem Grund, tonnenweise Make-Up und alle Arten kurioser Kleidungsstücke.

Da die Planung der Peripherie sehr gelungen war, konnte man seinen Wünschen nach Hygiene, Essen oder anderen Bedürfnissen meist ohne größere Hindernisse nachgehen; hier ist dem Veranstalter die Erfahrung mit großen Festivals anzurechnen.

 

Im Großen und Ganzen ist das Festival also sehr zufrieden stellend verlaufen, wenn auch in einigen Bereichen das Konzept noch verbesserungswürdig ist. So würde ich ja eine Tendenz in Richtung eines Mehr-Bühnen-Prinzips begrüßen, da oftmals die beiden Bühnen schon so überfüllt waren, dass hier manchmal der Spaß am Zuschauen drunter gelitten hatte. Immerhin ist es nicht ganz einfach bei ca. 22.000 Menschen sich sein eigenes, kleines Fleckchen zu sichern. Doch ist ja hierzu der Zeltplatz eingerichtet, auf dem man sich seine eigene Welt aufbauen kann: fern ab vom Alltag in angenehmer, toleranter Gesellschaft. Denn eines muss man diesem einheitlichen Schwarz ja lassen: es ist wunderbar integrativ.

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