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Leprous, The Ocean & Port Noir im Konzert (Hamburg, November 2019)

Auch die unsägliche Informationspolitik kann einem den Spaß nicht verderben

Leprous

Der Headliner steht um kurz nach halb zehn nach einer knapp halbstündigen Pause auf den Brettern und der Saal ist noch ein bisschen voller geworden. Auffällig bunt durchmischt ist das Publikum: Vom Altrocker bis zum gepiercten Gothic-Chick ist so ziemlich alles anzutreffen – ob dies an der stilistisch so offenen neuen Platte liegt, sei dahingestellt; irgendwie zog die Band schon immer die verschiedensten Leute in ihren Bann. Dass mit dem „Pitfalls“-Opener „Below“ losgelegt wird, überrascht wenig, dass sich Einar Solberg beim Chorus mit den typischen Aaahaahaahaas gesanglich doch sehr zurückhält, vielleicht schon eher – zunächst scheint es, als sei er gesundheitlich ein wenig angeschlagen, doch will er sich wohl vielmehr angesichts des anspruchsvollen Programm, das noch vor ihm liegt, nicht gleich völlig verausgaben. In jedem Fall steigert er sich im Laufe des Gigs merklich.

Dass die Orchesterparts und Samples vom Band kommen, ist logisch, doch gefühlt laufen auch sonst mehr Keyboardsequenzen aus der Konserve als früher. Kann aber auch sein, dass Einar einfach mehr aus sich herausgeht, jedenfalls bewegt er sich mehr auf der Bühne und klebt weniger an den Tasten als auf den letzten Tourneen. Und Konserve hin oder her: Den meisten Anwesenden wird es ohnehin egal sein, außerdem ist mit Raphael Weinroth-Browne erfreulicherweise der Cellist, der auf „Pitfalls“ und auch schon „Malina“ bei diversen Songs mitwirkte, persönlich vor Ort und kann sein Können direkt live darbieten.    

In Form von „I Lose Hope“ folgt gleich der nächste Song vom aktuellen Album, bevor Einar sich erstmals an die Zuschauer wendet und erklärt, er habe das Versprechen abgegeben, diesmal mehr zu reden als früher, um kommunikativer zu erscheinen – was er nie hätte tun sollen, denn das sei „schrecklich“ und würde ihm gar nicht liegen. Doch die Fans könnten ihm helfen, indem sie einfach lachten, wenn er etwas sagen würde, das witzig sein soll – es müsse auch nicht ehrlich gemeint sein. Damit hat er selbstverständlich gleich die ersten Lacher auf seiner Seite, allerdings wird dies auch die einzige längere Ansage sein, danach ackert man größtenteils einfach das Set durch.

So emotional, wie Leprous’ Musik sich darstellt, ist das aber auch gar nicht dramatisch; wie schon bei The Ocean gilt eher die Maxime „let the music do the talking“ und so wird ohne großes Aufhebens anschließend gleich mit „Acquired Taste“ eine kleine Reise in die Vergangenheit zum 2011er Werk „Bilateral“ unternommen, die älteste Nummer, die es auf dieser Tour auf die Lauschlappen gibt. Ansonsten steht „Pitfalls“ mit Abstand im Mittelpunkt, gleich sechs Stücke haben es auf die Setlist geschafft und bei einem Track wie dem ruhigen, schwebenden „Observe The Train“ (bei dem Gitarrist Tor Oddmund Surke kurzzeitig ans Keyboard wechselt) zeigt das Publikum, das zwischen den Songs ausgiebig jubelt, sein gutes Gespür: Bei den leisen Stellen herrscht angespannte Stille bei den Fans, teilweise werden sogar sich unterhaltende Herrschaften mit „Scht“ zur Ruhe gemahnt.

Abgefeiert wird sowohl altes als auch neues Material, die meisten haben also anscheinend kein großes Problem mit der etwas veränderten musikalischen Ausrichtung, aber als Leprous-Anhänger muss man eh stilistisch aufgeschlossen sein; auch das Massive Attack-Cover „Angel“ (bereits vor „Pitfalls“ veröffentlicht und als Bonustrack auf der Limited Edition der Platte zu finden) wird mit offenen Armen empfangen. Außerdem kommt von allen Alben bis auf das Debüt „Tall Poppy Syndrome“ mindestens ein Song zum Zuge und wenn man sich im Nachhinein auf setlist.fm umsieht, zeigt sich, dass die Norweger sogar ein paar Stücke während der laufenden Tour ausgetauscht haben – so sind die Fans im französischen Biarritz anscheinend in den Genuss der Übernummer „Echo“ gekommen (sofern man der Seite glauben darf), anderswo wurde auch das neue Stück „At The Bottom“ dargeboten. Beides ebenfalls sehr reizvoll, doch man kann nicht alles haben.

„Distant Bells“ ist ja genauso eine bärenstarke Komposition und der vorerst letzte Song; zum Glück aber verzichten Leprous auf große Allüren und kommen unter lautem Gejohle sofort zurück, um noch den Ohrwurm „From The Flame“ und das sperrige, aber für „Pitfalls“-Verhältnisse ziemlich brachiale Epos „The Sky Is Red“ (passenderweise auf einer nun durchgängig rot beleuchteten Bühne) zum Besten zu geben. Das Endriff haut noch mal alle aus den Socken, danach ist um kurz nach elf Feierabend. Einmal mehr eine tolle Performance dieser einzigartigen Band (erneut gilt es auch, die unfassbaren Fähigkeiten des jungen Drummers Baard Kolstad extra hervorzuheben), guter Sound, geile Stimmung – der Abend wird lediglich durch die unsägliche Informationspolitik getrübt. Den Spaß verderben kann einem das zum Glück zwar nicht, aber es nervt schon massiv. 

Setlist:

Below
I Lose Hope
Acquired Taste
Stuck
Third Law
Observe The Train
Alleviate
Angel (Massive Attack-Cover)
The Cloak
The Price
Distant Bells
---------------------------------
From The Flame
The Sky Is Red

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