Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Leprous, The Ocean & Port Noir im Konzert (Hamburg, November 2019)

Auch die unsägliche Informationspolitik kann einem den Spaß nicht verderben

Mit ihrem neuen Album „Pitfalls“ haben Leprous einen mutigen Schritt gewagt, indem sie die Gitarrenwände insgesamt deutlich zurückgefahren und mehr elektronische Elemente in ihren Sound integriert haben. Experimentierfreudig waren die Norweger schon immer, kein Album klang wie das vorige und Frontmann Einar Solberg hatte stets eine Vorliebe für derartige Klänge, was immer mal wieder durchschimmerte, doch auf ihrer sechsten Studioplatte ist definitiv ein so radikaler Schnitt wie nie zuvor zu vernehmen. Das mag man begrüßen oder nicht, aber so lässt sich zumindest festhalten, dass sie zu den Bands gehören, die man tatsächlich noch als progressiv im eigentlichen Sinne bezeichnen kann. Dem Genre kann es auf jeden Fall nicht schaden, sich für wirklich neue Ideen zu öffnen und man durfte gespannt sein, wie der Fünfer das neue Material auf der Bühne umsetzen würde.

Auf der Tour zu „Pitfalls“ werden Leprous von Port Noir und The Ocean supportet, wobei der Verfasser erstere verpasst, weil sich erneut nicht an die zuvor angekündigte Startzeit gehalten wird. Dass man skeptisch wird, wenn es heißt, dass das Hamburger Konzert an einem Sonntag mit drei Bands erst um 21 Uhr beginnen soll (dies ist auch am Aufführungstag noch auf der Website des Übel & Gefährlich vermerkt), ist klar, erst recht nach diesbezüglich vielen negativen Erfahrungen in der Vergangenheit – doch wenn man dann schon deutlich früher um kurz nach acht im Club aufschlägt und die zweite Band gerade beginnt zu spielen (!), ist das Maß echt voll. Da muss man mal so deutlich werden und fragen, was diese Scheiße soll, was ist daran so schwer, von Anfang an vernünftige Terminangaben zu machen? Sorry daher an die stilistisch gut zum Headliner passenden Port Noir, dass sie im Bericht nicht stattfinden, es ist schon eine Frechheit, was sich der Veranstalter hier erlaubt.

The Ocean

Das Berliner Kollektiv kann auf eine äußerst umfangreiche Diskographie zurückblicken, die bereits sieben Full-Length-Scheiben beinhaltet. Ihre Musik mit Bausteinen aus Prog, Sludge, Post Metal und Avantgarde ist ebenso interessant wie ihre lyrischen Konzepte, die sich aus philosophischen und wissenschaftlichen Themen zusammensetzen und sich mit Religionskritik, Erdgeschichte und dem Ozean befassen. Wenige Bands dürften auf derart viele Ex-Mitglieder und Gastmusiker zurückblicken können, die Liste ist schier endlos lang. Der feste Kern besteht aus fünf Mann im klassischen Rock-/Metal-Line-up mit Gesang, zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, doch ist offiziell immer noch eine ganze Latte an Musikern, die klassische Instrumente wie Trompete, Posaune, Geige oder Cello spielen, als Gäste aufgeführt (was erklärt, warum die Formation auch als The Ocean Collective bezeichnet wird), auch wenn die orchestralen Elemente der Anfangszeit inzwischen  weitestgehend über Bord geworfen worden sind.

Davon ist auch heute eher nichts zu hören, die Songauswahl beschränkt sich auf die letzten beiden Platten „Pelagial“ (2013) und „Phanerozoic I: Palaeozoic“ (2018), und auch wenn dort ebenfalls zahlreiche Gastmusiker mitwirkten, steht lediglich der erwähnte Kern plus Keyboarder Peter Voigtmann auf der Bühne. Man performt sogar das grandiose Elf-Minuten-Monstrum „Devonian: Nascent“, bei dem auf dem Album Katatonias Jonas Renkse zu hören ist, der heute verständlicherweise nicht vor Ort sein kann, weswegen seinen Part The Ocean-Fronter Loïc Rossetti selbst übernehmen muss.

Dieser hält sich übrigens größtenteils an der Seite der sehr vernebelten Bühne im Hintergrund auf, während vor ihm die Saitenfraktion wild headbangend am Rand steht – da kommen glatt Erinnerungen an Tools Maynard James Keenan auf, zumal auch The Ocean äußerst sparsam mit Ansagen sind. Mehr als nur ein kurzes „Vielen Dank, Hamburg“ irgendwann mitten im Set und am Ende noch ein „Viel Spaß mit Leprous“ seitens Gitarrist und Bandchefstratege Robin Staps ist nicht drin – man lässt lieber die Musik sprechen und da alles trotz der weitreichenden Dynamik ziemlich gut ineinander überfließt, ist dies ja auch legitim und sorgt eher für noch mehr Intensität. Überdies ist der Sound stark, der große Ballsaal im Übel & Gefährlich gut gefüllt und das Publikum stimmungstechnisch im Soll. Diese spannende Truppe verdient dennoch mehr Aufmerksamkeit, macht es einem mit ihrem komplexen Soundgewand und den kniffligen Textkonzepten zwar nicht immer leicht, aber wer derart intellektuell unterwegs ist, hat eben leider oft auch einen steinigeren Weg vor sich als x-beliebige Uffta-Bands, deren Refrains man nach einmal Hören mitsingen kann.

Setlist:

Permian: The Great Dying
Mesopelagic: Into The Uncanny
Devonian: Nascent
Bathyalpelagic I: Impasses
Bathyalpelagic II: The Wish In Dreams
Silurian: Age Of Sea Scorpions
Cambrian II: Eternal Recurrence

Seite
  • 1
  • 2
comments powered by Disqus

Auch die unsägliche Informationspolitik kann einem den Spaß nicht verderben

Stimmungsvoller Abend mit zwei motivierten Bands

Spektakulärer Abend, der kaum zu übertreffen ist

Das Wochenende klingt mit Volldampf aus

 

 

„Das ist genau der Punkt, kein erhobener Zeigefinger“