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Leprous, Agent Fresco & AlithiA im Konzert (Hamburg, Oktober 2017)

Intensiver Abend im ausverkauften Logo

Leprous

Um etwa 22:30 Uhr kommen die norwegischen Headliner auf die Planken, der Umbau dauerte ein wenig länger als noch beim Wechsel zuvor, da man unter anderem noch drei Fernseher auf die Bühne gewuchtet hat, die die Show optisch unterstützen sollen. Das Bild, das sich daraus vorne ergibt, wirkt unfreiwillig komisch, denn es ist ja wie erwähnt ohnehin schon nur sehr begrenzt Platz vorhanden. Dass in der Pause ansonsten ein Cellist live mit sehr virtuosem Spiel die Wartezeit verkürzt, scheinen viele gar nicht mitzubekommen, sondern denken, die Musik laufe vom Band, denn die Beachtung hält sich in Grenzen und es wird munter weiter geplappert. Da es sehr voll ist, die Bühne niedrig ist und es keine Steigung im Zuschauerraum gibt, kann man von hinten eben unglücklicherweise teilweise gar nichts von dem sehen, was sich auf der Bühne abspielt.

Mit dem Doppelschlag „Bonneville“/„Stuck“ starten Leprous in ihr Set und noch ist der Sound leider nicht so optimal wie bei Agent Fresco, das Schlagzeug ist sehr dominant und die Gitarren zu leise, das bessert sich jedoch recht schnell, auch wenn die Drums schon sehr vordergründig bleiben – andererseits es ist auch wieder tierisch, was der erst 26-jährige Baard Kolstad hinter der Schießbude zum Besten gibt. Optimal ist aber in jedem Fall Einar Solbergs Gesangsdarbietung. Er scheint heute besonders gut in Form zu sein, denn seine Vocals sind nicht weniger als göttlich. Diese Stimme ist sowieso unfassbar, heute jedoch gibt es ja mal überhaupt keinen Wackler oder Kiekser zu hören, der das Gesamtbild trüben würde – und auch Gitarrist Tor Oddmund Suhrke gibt als Backing-Vokalist eine gute Figur ab.

Im Gegensatz zu Arnór Dan Arnarson von der vorigen Band ist Einar bekanntlich kein großer Entertainer und macht so gut wie gar keine Ansagen, aber a) wer so unglaublich singt, hat das auch nicht zwangsläufig nötig und b) passt es zu Leprous’ Atmosphäre ohnehin besser, einfach nur die Songs ohne großes Brimborium hintereinander wegzuzocken. Es ist außerdem immer wieder amüsant, dass die Jungs aussehen wie H&M-Models, typisch gut aussehende, skandinavische junge Männer, dabei aber Musik von einer Emotionalität und einem Tiefgang fabrizieren, die derzeit ihresgleichen sucht. Was wieder einmal beweist, dass man Menschen nicht auf Äußerlichkeiten reduzieren sollte.

Gleich sechs Songs und damit die Hälfte des Sets kommen vom aktuellen Album „Malina“ (mit dem gänsehäutigen Titelstück als Highlight), wobei es erstaunt (und ein wenig enttäuscht), dass auf „Leashes“, die eingängigste Nummer, verzichtet wird. In anderen Städten wurde das Stück gespielt, doch stellen die Jungs – trotz grundsätzlichem Rahmenprogramm – ihre Setlist jeden Tag mehr um als so manch andere Band, was sie auch auf ihrer Facebookseite demonstrieren, wo sie jeden Tag nach getaner Arbeit die jeweilige Setlist abfotografieren und online stellen.

Wieder werden die ersten beiden Alben ziemlich vernachlässigt, „MB. Indifferentia“ von „Bilateral“ kommt als einzige alte Komposition zum Zuge, doch auch „Coal“ schlägt lediglich in Form von „The Valley“ zu Buche – dies allerdings als imposante letzte Nummer. Auch wenn die Band bei den harten Passagen kräftig am Bangen ist, schließt man schon allein wegen Einars fantastischer Gesangsperformance gerne zwischendurch die Augen – wenn man allerdings eh wegen der dichten Masse nicht besonders gut sehen kann, was vorne abgeht, ist das ohnehin eine gute Alternative, um diese wunderbare Musik richtig zu genießen.

Mit fortlaufender Spieldauer lichten sich die Reihen jedoch ein wenig; so mancher ist bei der nunmehr vierten Band wohl müde, denkt vielleicht daran, am nächsten Tag wieder arbeiten zu müssen – doch wer früher geht, ist selbst schuld, und verpasst unter Umständen sogar die Livepremiere des unheimlich unter die Haut gehenden „Lower“; eine der wenigen Ansagen von Einar Solberg beinhaltet, dass sie diesen Song noch nie zuvor live gespielt haben. Wirkliche Zugaben in dem Sinne gibt es eigentlich nicht, das nach „Lower“ dargebotene Dreierpaket „The Price“, „Mirage“ und „The Valley“ wird recht nahtlos nachgeschoben und danach gehen auch relativ schnell die Lichter an. Bei 80 Minuten Nettospielzeit wäre möglicherweise noch ein Stück mehr drin gewesen, aber bei dem anspruchsvollen und sicherlich anstrengenden Gesangsstil ist ein pünktlicher Feierabend nachvollziehbar, schließlich wird die Band in den kommenden Wochen noch etliche Konzerte spielen.

Ein Zeichen dafür, dass Einar natürlich bloß nicht die Stimme überreizen möchte, ist auch seine sehr zurückhaltende Performance der Scream-Vocals im letzten Part von „Rewind“. Doch wie dem auch sei – Leprous haben einmal mehr bewiesen, dass sie live noch intensiver als auf Platte herüberkommen; ich würde es den Jungs gönnen, wenn sie beim nächsten Gastspiel in Hamburg auch als Headliner einen größeren Laden füllen können.  
   
Setlist:

Bonneville
Stuck
Third Law
MB. Indifferentia
From The Flame
Illuminate
Rewind
Malina
Lower
The Price
Mirage
The Valley

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