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Köln hat ein Musikherz (Köln, November 2015)

Soli-Konzert in der Essigfabrik wegen Pariser Attentat

Zusammenstehen für "Vive la liberté"

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„Mulmig ist mir schon ein bisschen“ - nicht die einzige Stimme, die sich heute Abend in der Essigfabrik in Köln einen Weg durch die eigenen Ängste bahnt. Nur klein will man sich auch nicht machen, selbst von der Absage des sicherlich viel besser gesicherten Fußballländerspiels in Hannover lässt sich hier niemand beeindrucken.

Und worum geht es? Eigentlich sollten heute hier die Eagles Of Death Metal spielen, doch wegen des Attentats  in Paris am vergangenen Freitag hat die Band erst einmal den kompletten Rest der Tour abgesagt – verständlich, sitzt der Schock tief, ist doch auch der Mercher Nick Alexander im Kugelhagel im "Bataclan" umgekommen.

Trauer, Angst, Wut, Verzweiflung, Panik, aber auch Mut und Zusammenhalt, alles Begriffe, die in den letzten Tagen fast überstrapaziert werden, an diesem Dienstag aber sollen Taten folgen, denn insgesamt sieben Bands – inklusive der noch unbekannten, heute erst zusammengewürfelten Truppe, die mit französischer Folklore das heutige Nischendasein füllt – lärmen mehr oder weniger laut für ein „Vive la liberté“ - und kaum eine Band ist darunter, die nicht selbst einen Migrationshintergrund in den eigenen Reihen aufweisen kann.

Heute geht es nicht um Hopelezz, Layment, Neverland In Ashes, Pripjat, Susigoes18 oder The Legion:Ghost, heute steht das Wahrzeichen gegen den Terror auf dem Thron der Vernunft. Alle Bands verzichten auf ihre Gage, noch nicht einmal Merch liegt aus, die Techniker von Ton und Licht, die zahlreichen HelferInnen bis hin zu den Sicherheitskräften von CCS sind ehrenamtlich eingespannt, wie Veranstalter und Essigfabrik-Betreiber Sergio Sotric mehr als einmal betont.

Dass der Abend auch so etwas Besonderes ist, merkt man an der ungewöhnlichen Medienpräsenz, denn neben diversen Online-Postillen und Tagesblättern ist sogar der WDR und das ZDF mit Kameras und ReporterInnen vor Ort. Innerhalb von nicht einmal 24 Stunden wurde der heutige Abend realisiert, die Rückmeldungen waren überschwänglich. Sergio meint zum Abend des Wahrzeichens, wo die Lichter einfach nicht ausgeschaltet bleiben sollten:

„Für mich als jemanden, der seit über 20 Jahren in der Kulturwirtschaft arbeitet, ist das enorm wichtig. Wenn ich heute zuhause geblieben wäre und die Halle dunkel bliebe, hätte ich ein ganz, ganz mulmiges Gefühl. Ich wurde heute schon von einigen Journalisten gefragt, ob ich nicht doch hier ein mulmiges Gefühl hätte, aufzumachen. Da sagte ich, dass es das Gegenteil wäre. Wenn wir heute nicht die Lichter an und die Musik ganz laut gemacht hätten, dann hätte ich ein mulmiges Gefühl gehabt, denn dann wüsste ich, dass Terroristen zumindest einen kleinen Sieg erreicht hätten, sprichwörtlich uns allen ein bisschen Angst einzujagen, wo wir uns beim nächsten Konzert-, Theater- oder Restaurantbesuch überlegen sollten, ob wir nicht lieber sicher zuhause bleiben würden. Es gibt sehr tolle Eindrücke. Vor einer halben Stunde stand ich gerade am Mischpult, da klopfte mir eine junge Dame auf die Schulter und bedankte sich bei mir und meinte, dass sie Französin sei und überhaupt keine Rockmusik möge, sie fände den Abend aber toll und wäre sehr dankbar, dass ich das überhaupt gemacht habe. In dem Moment ist mir das noch bewusster geworden, wie wichtig das ist, manchmal unbequem zu reagieren und ich wünsche mir noch mehr auch von kleinen Vereinen, auch über andere Konzertveranstaltungen, wirklich jetzt Farbe zu bekennen. Wenn ich da von der einen oder anderen Absage seitens Künstlern höre, dann habe ich gar kein Verständnis dafür.“

Klare Worte, die sicherlich angebracht sind, zumal Sergio auch unter dem überwältigen Eindruck steht, dass sich innerhalb kurzer Zeit bis zu 40 weitere Bands angemeldet hatten, hier ebenfalls ein musikalisches Zeichen zu setzen. „Manchmal lag es nur daran, dass eine sich Band zehn Minuten eher gemeldet hat“, so Sergio zum Auswahlverfahren, wo nur die Zeit und nicht weitere Kriterien herangezogen wurden. Ein kleines Geschmäckle bleibt dann leider doch, denn wenn schon so viele Bands hätten heute spielen können, wo sind dann die Protagonisten nur geblieben? Ging es vielleicht einigen Bands, zum Teil der Redaktion bekannt, dann doch nur um die eigene Vermarktung?

Gitarrist und Sänger Adrian von Hopelezz lässt keine Zweifel an der Wichtigkeit des heutigen Abends: „Für uns ist Metal spielen ganz wichtig, ich denke aber, heute geht es grundsätzlich um Musik. Ich bin nicht hierhergekommen, um Metal zu vertreten.“ Das passt, hatte er schon auf der Bühne, wie heute eigentlich alle Sänger, eindeutige Statements für Freiheit und gegen Terrorismus herausgehauen. Dass Multi-Kulti nicht nur die Vereinigung verschiedener Nationalitäten bedeutet, sondern die eigenen Vorurteile auch auf einer Schlagerparty bekämpft werden können, hatte er ebenfalls schon per Mikrofon propagiert. Bassist Marcel setzt mit „Ich finde, in den letzten Tagen wurde in der Politik so viel geredet, jetzt ist Zeit für Musik, das muss einfach sein“ prägnant einen drauf. Drummer Nik weist darauf hin, dass Musik verbinde und dass die Teilnahme der Bands und der Leute heute schon an sich ein Statement sei.

Gitarrist Eugen von Pripjat wird schon fast ein wenig philosophisch: „Im Endeffekt hat sich für uns gar nicht viel verändert, es ist nur ein ein bisschen mehr Traurigkeit hinzu gekommen. Wenn man heute ein Konzert absagt, dann müsste das auch konsequenterweise heißen, dass man sich gar nicht mehr versammelt, egal, ob es ein Fußballspiel ist, ein Konzert oder eine Bar. Genau darauf hat es doch der Terror abgesehen: uns Angst zu machen. Metalmusik war für uns alle schon immer ein Weg, mit Problemen umzugehen. Ich konnte in den dreißig Minuten auf der Bühne heute einiges verarbeiten.“

Für die Bands ist es selbstverständlich, heute hier zu spielen. Und wie steht es um die Sicherheit? Die KonzertbesucherInnen merken schon eine deutlich angestiegene Kontrolle, auch wenn von Nervosität nichts zu spüren ist. Und doch: Als Dienstleister ist die Security natürlich nicht bewaffnet, und es ist für Chef Carlos von CCS völlig unzweifelhaft, diese Veranstaltung heute zu begleiten: „Wir fühlen uns heute sehr verpflichtet, die Veranstaltung heute hier trotzdem durchzuführen und das Sicherheitspersonal zu stellen, was wir auf dem Eagles Of Death Metal-Konzert auch getan hätten. Wir sehen uns da auch in der Pflicht und möchten den Leuten in Deutschland und Europa vermitteln, sich nicht einschüchtern zu lassen. Das Leben geht trotzdem weiter, dazu gehören auch Konzerte.“

Sergio bringt es anschließend auch auf den Punkt: „Man muss die Freiheit auch verteidigen, mit friedlichen Mitteln, man braucht nicht mal viel dafür, man muss nur kommen.“

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