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Ghost, Dead Soul im Konzert (Hamburg, Dezember 2015)

Beste Stimmung in einer ausverkauften Markthalle an einem Donnerstagabend

Ghost

Die folgende Pause dauert beinahe so lange wie das Konzert der Supportband, obwohl nicht mehr großartig umgebaut werden muss. Schon bald ertönt ein Klavierstück vom Band und anschließend ein sakrales Chorarrangement, während der Saal mehr und mehr von süßlichem Weihrauchduft erfüllt wird. Die Leute beginnen bereits zu johlen, aber Ghost lassen ihre Fans eine gute Zeitlang zappeln. Zwar hat das Intro zweifellos Stil, doch nach der fünften Wiederholung der Chorschleife denkt man sich, dass es nun langsam mal losgehen könnte.

Ungefähr um viertel nach neun hat das Warten schließlich ein Ende und das Sextett kommt frenetisch bejubelt auf die Bühne. Die schwarzen Kapuzenroben gehören der Vergangenheit an, die Instrumentalisten tragen nun die bereits in der Einleitung erwähnten Masken, unter denen es mit Sicherheit nicht viel weniger warm sein wird. Apropos warm: Die Markthalle ist nun fast rappelvoll; nicht so extrem, dass man sich gar nicht mehr bewegen könnte, aber ordentlich kuschelig warm ist es schon geworden, sodass jeder, der keine Lust hatte, seine Jacke an der Garderobe abzugeben, kräftig schwitzen dürfte.

Mit dem Doppelschlag „Spirit“ und „From The Pinnacle To The Pit“ vom aktuellen Album geht es bei gutem Sound los, bevor in Form von „Ritual“ der erste Klassiker gezockt wird, der selbstverständlich absolut unverzichtbar ist. Mit leidenschaftlicher Inbrunst wird der Jahrhundertrefrain mitgegrölt – die Menge ist voll auf Betriebstemperatur und die Stimmung fantastisch. Nachdem kurz zuvor eine knappe Begrüßung durch Papa Emeritus III. auf Deutsch erfolgte („Guten Abend“), nimmt er sich nach „Per Aspera Ad Inferi“ ein wenig mehr Zeit, mit dem Publikum zu sprechen.

„Let’s get physical“, proklamiert der Sänger, um nach einigen amüsierten Zwischenrufen hinzuzufügen: „No, not that physical.“ Vielmehr spielt er auf das Abendmahl an, bei dem die Gemeinde bekanntlich den Körper ihres Gottes isst und sein Blut trinkt. Einen süffisanten Tonfall beim Singen und Sprechen besitzt der Mann in der papstähnlichen Robe ohnehin und wenn er die Zuschauer fragt, ob sie Lust hätten, Blut zu trinken, wird natürlich mehr als deutlich, dass er diesen christlichen Ritus verspottet.

Keine Frage, dass nun das balladeske „Body And Blood“ folgt, und um das Showelement vollkommen zu machen, betreten zwei Nonnen mit Abendmahlutensilien die Bretter, die er während des Songs durch das Publikum schicken will. Allerdings weist er zuvor darauf hin, dass trotz aller zur Schau gestellten Blasphemie eine gewisse Form von Anstand gewahrt werden solle und es daher untersagt sei, den beiden Frauen an die Brüste oder an den Hintern zu grapschen. Dies sollte an sich eine Selbstverständlichkeit sein, aber da bei einer so großen Ansammlung von Menschen immer auch irgendwelche Vollasis ohne jegliche Manieren zu finden sind, möglicherweise eine berechtigte Mahnung – andererseits wie so vieles bei dieser Band vielleicht auch einfach mit einem Augenzwinkern zu sehen.

Die nächste längere Ansage erfolgt nach „Absolution“, als der sich inzwischen seiner Haube entledigte Frontmann (wahrscheinlich wurde es auch ihm einfach zu heiß darunter) fragt, ob die Leute auf harte Songs stehen würden, was erwartungsgemäß mit einem lautstarken „Yeeeaaahhh!“ beantwortet wird. Überhaupt zeigt sich der Vokalakrobat heute sehr redselig, aber laut Bandbiographie handelt es sich ja auch nicht um dieselbe Person wie bei den vorigen Alben, sondern bereits den dritten Sänger (is’ schon klar, nä?...; Anm.d.Verf.). Jedenfalls hätte man nun einen Song in petto, der von einem „evil motherfucker“ handeln würde – nicht etwa der Teufel oder sonstwer ist hier gemeint, sondern der schnöde Mammon; mit „Mummy Dust“ folgt dann tatsächlich der härteste und experimentellste Song von „Meliora“.

So manch einem mag Papa Emeritus schon zu viel labern, denn nach dem epischen Zweiteiler „Ghuleh/Zombie Queen“ nimmt er sich erneut viel Zeit zur Kommunikation mit den Fans, bedankt sich ausgiebig dafür, wie toll das Hamburger Publikum sei, und will wissen, was Hamburg in diesem Moment hat, was keine andere Stadt der Welt besitzt. Die Antwort ist natürlich klar: Ghost halt und so ist es nur logisch, dass anschließend das Roky Erickson-Cover „If You Have Ghosts“ ertönt.

Doch damit immer noch nicht genug: Das – wie der Satanspapst den Leuten erklärt, die zuvor noch keine Ghost-Show besucht haben; auf Nachfrage meldet sich ungefähr die Hälfte – auf Konzerten stets als letztes dargebotene „Monstrance Clock“ folgt nach erneut großem Jubel als Zugabe, ein Stück, das den „weiblichen und männlichen Orgasmus feiert“, etwas, das bei der Kirche „immer als etwas Sündiges abgetan wurde“. Als Rausschmeißer bietet sich die Nummer, wie bereits im Livereview von vor zwei Jahren erwähnt, mit seiner Singalong-Passage „Come together, together as one…“ eben auch bestens an und natürlich ist der ganze Saal voll dabei.

Nach exakt neunzig Minuten ist Feierabend und die Schweden hätten sicherlich noch ihre komplette restliche Discographie spielen können und niemand wäre vorher abgehauen, denn egal ob älteres oder neues Material: Hier wurde alles abgefeiert (auch das kitschige und trotzdem enorm effektive „He Is“), mitgeklatscht, mitgesungen, Pommesgabeln geschwungen – sogar Crowdsurfer haben sich blicken lassen, was zwar nur bedingt zu der Musik passt, aber letztlich nur den Spaß unterstreicht, den alle Beteiligten hatten. Ein Sieg auf ganzer Linie für Ghost!

Setlist:

Spirit
From The Pinnacle To The Pit
Ritual
Con Clavi Con Dio
Per Aspera Ad Inferi
Body And Blood
Devil Church
Cirice
Year Zero
Spöksonat (Intro)
He Is
Absolution
Mummy Dust
Ghuleh/Zombie Queen
If You Have Ghosts (Roky Erickson-Cover)
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Monstrance Clock

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