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Fantastisch Festival

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Vom Fantastisch Festival, das am 23.11 in Dortmund stattfand, werden nur die Wenigsten gehört haben. Der Austragungsort, das “domocil”, laut neusten Erkenntnissen eine Jazzclub, wird noch weniger Leuten bekannt sein und der Name Aseema wird kaum jemandem etwas sagen. Alles in allem eine sehr spärliche Informationslage für ein Festival. Nun gut, das domicil erwartete wahrscheinlich auch keine Massen im Bereich von Wacken (oh pardon, wir befinden uns in der düsteren Szene, es wurden also keine WGT-mäßige Anzahl von Schwarzgewandeten erwartet), aber wenigstens die Namen Christan von Aster oder Adversus sollten einigen bekannt vorkommen.

Für alle unter uns, die nun beschämt den Blick senken oder auch hoffnungsvoll auf das kleine google-Fenster oben an der Taskleiste schielen, mache ich es kurz:

 

Aseema, in persona: Marion Küchenmeister. Ehemalige Sängerin und Texterin der erfolgreichen Independentband Invisible Limits, die sich 2005 endgültig nach dem Abschiedskonzert im Bochumer Zwischenfall auflöst. Doch Aseema wäre nicht Aseema, könnte sie ohne Musik weiterleben. So datiert sich für das gleiche Jahr die Arbeit an ihrem Soloalbum. Mit auf der Bühne standen im domicil ihr Mann Andreas Basera Küchenmeister an den Percussions, Sohn Maximilian an der Akustikgitarre sowie Detlev Förster am E-Bass und Pimo am Keyboard.

 

Christian von Aster, ein Autor, der sich selbst verschiedene Gesichter nachsagt. Mit bereits zwanzig Publikationen, Drehbüchern, Hörspielen, fremdverlegten Anthologien sowie verschiedensten Lesungen (den Berlienern unter Euch sei das StirnhirnhinterZimmer in der Z-Bar empfohlen, dort ließt er nämlich fast regelmäßig mit Kollegen Boris Koch und Markolf Hoffmann), ist er definitiv kein unbeschriebenes Blatt mehr.

 

Und schießlich Adversus, die Kollege Verwold auf dem Hellflame Festival als „langweiligen Gothic-Kitsch mit fürchterlich austauschbaren Texten“ bezeichnete. Nun, ich beneidete ihn seinerzeit um die Möglichkeit, die acht Adversianer live zu erleben. Auf dem Fantastisch Festival waren es nur noch sechs (die Frage, wo der Bassmeister steckte, blieb offen), die vor einer schrumpfenden Anzahl der Zuhöhrer, aus denen sich nachher nur noch die „beinharten“ Fans herauskristallisierten, ein gemischtes Gothic-Set der ersten beiden Alben „Einer Nacht Gewesenes“ und „So unsagbar Winter“ zum Besten gaben.

 

Geplant war also ein Auftritt, der beiden Bands, sowie zwei Lesungen, denn neben Herr von Aster wollte sich auch Adversus Mastermind Rosendorn zu Wort melden. Als wir das domicil recht spät betraten, hielt ich den Konzertsaal im ersten Moment für die falsche Tür. Konnte aber nicht sein, da es keine andere gab. Also war der Raum, der kleiner war als manche Schulaula, wirklich als Spielstätte ausgesucht worden? Ein zweiter Punkt, der mich zunächst stutzig machte: vor der kleinen Bühne standen gut 90 rote Hartplastikstühle, die mehr oder weniger besetzt waren. Vom samtschwarzen Grufti mit verzierter Schmetterlingsspange bis zur älteren Dame, ausgehfein in weißer Bluse und Abstätzen bis zum bandshirttragenden Metaller und dem Jeansalternativen in Rock, Hose und Pullover waren wirklich (fast) alle Altersgruppen vertreten, die es sich mit Weingläsern auf den Stühlen oder an den Podesten der Hallenseiten gemütlich gemacht hatten und immer wieder den Merchandisestand aufsuchte. Kein angespanntes ich-muss-meinen-Platz-verteidigen, das man sonst von Konzerten gewohnt ist - vielmehr herrschte eine beinahe familiäre Atmosphäre. Wer sich genau umschaute, sah immer wieder, wie sich die Künstler unters Volk mischten und mit den Fans redeten uns lachten.

 

Um kurz nach acht gingen die Lichter aus, Rosendorn mit Wasserflasche hinter die Bühne und Aseema auf diese. Trotz anfänglichen Mikrophonproblemes lässt sich Aseema nicht beirren, startet den ersten “Song of Hope” einfach noch einmal und erklärt zum ersten Mal, was die Bandhomepage mit “Markenzeichen” bezüglich ihrer Stimme meinte. Die zierliche blonde Frau hat ein faszinierendes Stimmorgan, das den Saal ohne Probleme füllt. Soundtechnisch ist sowieso ein Lob an die Mixer auszusprechen, denn trotz Keyboards hört man sowohl die Akustikgitarre Maximilians, als auch den Bass Detlev ohne weiteres - zwei Probleminstrumente, wobei vor allem letzteres immer wieder im Tonteppich der Bands versinkt.

 

Das nächste Lied “The Window” ist ein bereits 20 Jahre altes Stück der Invisible Limits, an das gleich die schöne Ballade “Angel” anknüpft. Es ist beeindruckend, wie viel Professionalität die zunächst unsicher scheinende Aseema gesangstechnisch zu Tage bringt. Bewegt sie sich anfangs im unauffälligen Mix auf schwarzem Kleid und Hose kaum, taut sie doch spätestens bei “Timmy knows the man”, das Gastmusikern Bettina Hagemann (u.a. mit Luna Luna „Es war einmal“, „Rosa“, „Supernova“) an der Geige unterstützt.

 

Hier endet auch schon der erste Teil des Aseema-Sets, und die Bühne betritt, durch “Timmy” angekündigt und ein Lied zur Geschichte geschrieben bekommen, Christian von Aster die Bühne. Der kündigt zunächst an, dass sich seine Geschichten alle mehr oder weniger mit dem Thema “Weihnachten” beschäftigen werden - zur Verdeutlichung bringt der Gute auch noch eine stilechte rot-weiße Mütze ein. Die erste Geschichte heißt dann auch “Timmy kennt den Weihnachtsmann” - eine märchentypisch erzählte satirisch-böse und sarkastisch-humorvolle Geschichte, die sich mit dem Weihnachtsfest des kleinen Timmys beschäftigt, der sich eigentlich nichts weiter als ein Holzpferd wünscht.

 

Durch den Verkauf des toten Großvaters reicht das Geld aber nur für einen Holzkreisel und einen gemieteten Weihnachtsmann, der das Geschenk überbringen soll. Timmy findet durch Zufall heraus, dass der schäbig gekleidete, nach “Schlittenpolitur” riechende Mann der Henker der Stadt ist, was ihm eigentlich auch ganz einleuchtend erscheint, da der Weihnachtsmann ja auch das Jahr über lang Geld verdienen muss. Da dem Gutem jedoch Schlitten, Rentiere und das Geld für die gewünschten Geschenke fehlen, überlegen Timmy und befreundete Nachbarskinder, wie sie dem Weihnachtsmann/Henker zu Geld verhelfen können. Der Plan, einfach viele Verbrechen zu beobachten, scheitert schon nach einigen Monaten, da nicht einmal London unendlich viele Verbrecher beherbergt, sodass die Kinder zu drastischeren Methoden greifen, um das Weihnachtsfest zu sichern...

 

Nach begeistertem Applaus gibt Aster noch das Gedicht von Kaptain Clack, das Geständniss des Knecht Ruprechts, die Geschichte vom arabischen Bier, den Superheldentreff und - nach einigem Blättergewühle und rettenden “Viecherversen” - das Weihnachtsmanngedicht zum Besten. Eine Erzählung besser als die andere, sodass niemand merkt, dass Herr von Aster seine Zeit bereits mächtig überschritten hat. Unter “meditativem” Applaus - er und das Publikum kamen darin überein, dass das den Ablauf nicht noch weiter verzögern würde - verabschiedet er sich schließlich und Aseema spielen den zweiten Teil ihres Sets.

Auch die Band wird nach dem Cover von Melissa Etheridee „Talking to my Angel“ zufrieden verabschiedet.

 

 

 

Setlist Aseema:

 

01 Intro

02 The Song of Hope

03 Angel

04 Too beautiful

05 Timmy knows the man (feat. Bettina Hagemann)

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06 Long Cold Winter (feat. Bettina Hagemann)

07 Miss B.

08 Your Dark Side

09 Stranger

10 Talking to my Angel (Cover)

 

 

 

Nach einer kurzen Umbaupause, in der auf Nachfrage Rosendorns auch die ersten drei Stuhlreihen abgebaut werden, betreten Adversus die Bühne, nachdem die schmiedeeisernen Kerzen an der Seite endlich zum Einsatz kamen.

Generell sagt man ja, dass es um die inneren Werte geht. Nun gut, wie viel innere Werte auf den ersten Blick erkennbar sind, sei einmal dahingestellt. Was Bands betrifft, gilt eher der Leitspruch: mach die Augen zu, hör Dir die Musik an und dann guck Dir die Leute hinter den Instrumenten an. Diesen Ratschlag hätte ich berücksichtigen sollen, als ich Adversus zum ersten Mal sah. Musikalisch legte die Formation ein Konzert hin, dass sich sehen lassen konnte. Natürlich rockt ein Intro wie “Die Glocke” besser vor 300 als vor 30 Leuten, die als kleiner Haufen unsicher vor der Bühne stehen und auch nicht wissen, wo sie hingucken sollen. Keine Frage, ein gekeiftes “Träume weiter schönes Kind”, klingt noch dreimal so gut, wenn es die Fans in der gleichen Lautstärke zurücksingen können.

 

Nach dem Klingentanz begann das Publikum jedenfalls langsam lockerer zu werden, die erste Damen fingen an zu tanzen, und ich konnte meinen Blick von Aysels schrecklichem roten Samtkleid, das so ziemlich alles durchschimmern ließ, wenden und mich auf die Musik konzentrieren. Frei nach dem Motto: “Im Metal achtet auch keiner auf das Aussehen der Musiker“, ignorierte ich erfolgreich den wirklich “bunten” Mix der Künstler.

 

Ein Highlight des Sets ist auf jedenfalls die Ballade “Berühr’ mich nicht” - das Aysel komplett ohne Rosendorns Unterstützung singt und einmal mehr mit ihrer ausdrucksstarken und wunderschönen Stimme begeistert. Kraftvoll sollte es mit “Spinnenbein und Falkenherz” weitergehen - sollte, wenn nach dem Intro nicht promt die Anlage ausgefallen wäre, die Drummer Thomas schließlich auch wieder ans Laufen bekommt. Rosendorn versucht seinerseits das Publikum zu einem Witzekontest aufzurufen, was sich als unmöglich erweisen soll. Nach von Asters gelungenen Viecherversen mutet sich keiner mehr zu, witzig zu sein.

 

Nach dem “bekanntesten Lied von Adversus” - “Seelenwinter” - verschwindet die Band plötzlich von der Bühne und lässt ein verdutztes Publikum zurück. Was war denn das? Der zögernde Applaus wandelt sich in Rufen und die Band erscheint wieder - und ein Rosendorn, der lakonisch bemerkt, es täte ihm Leid, dass er das “Rauf-Runter”-Spiel vergessen habe, mit der obligatorischen Ansage “Das ist der letzte Song” einzuleiten.

 

Adversus sind also wieder da und wir bekomen neben “Preludium Adversi” auch noch den Clubhit “Schwarzer Vogel, flieg” und “Unser beider Babylon”, bei dem die Band nach und nach die Bühne verlässt, bis nur noch Paul an der Gitarre übrig ist zu hören.

 

Und jetzt zeigen die Fans, die nun fast durchgängig mitsingen, klatschen oder tanzen, das Verhalten, das man bei den “großen” Bands und ihren Zuhöhrern vermisst. Obwohl die Band schon seid fünf Minuten von der Bühn verschwunden ist, obwohl bereits wieder Hintergrundmusik läuft, klatscht das Publikum weiter. Eine Geste, vor der ich, wie auch vor den anderen Akteuren, den Hut ziehe. Vor einem wunderbar kreischendem Rosendorn, einer bezaubernden Aseema und einem unglaublichen Christian von Aster.

 

 

 

Setlist Adversus

 

01 Intro

02 Die letzte Glocke

03 Klingentanz

04 Träume weiter, schönes Kind

05 Des Regens Kälte

06 Deiner Schönheit gewahr

07 Berühr’ mich nicht

08 Katharsis

09 Spinnenbein und Falkenherz

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10 Preludium Adversi

11 Schwarzer Vogel, flieg

12 Ausklang

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13 Unser beider Babylon

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