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Evergrey & Bloodred Hourglass im Konzert (Hamburg, April 2019)

Intensive Performance im lütten Logo

Evergrey

Danach dauert es eine gute halbe Stunde, bis die Bühne für den Mainact freigegeben ist, doch die lange Wartezeit soll sich als lohnend erweisen: Der Sound ist weiterhin gut und Evergrey selbst scheinen sichtlichen Spaß daran zu haben, nach der Tour mit Kamelot nun selbst wieder die Zügel in der Hand zu halten und entsprechend als Headliner etwas mehr aus dem Vollen schöpfen zu können. Bei nunmehr elf Studioalben gar nicht mal die leichteste Aufgabe; dass man mit dem besonders zu Beginn brachial hereinbrechenden aktuellen Album-Opener „A Silent Arc“ den Gig einleitet, ist indes natürlich keine Überraschung.

Als die Bandmitglieder nach und nach während des Intros auf der Bildfläche erscheinen, bekommt Fronter Tom Englund den größten Jubel spendiert und der Grundstein für einen tollen Auftritt ist gelegt. „A Silent Arc“ wird „Weightless“ angehängt, danach wendet sich Englund erstmals an die Zuschauer. Immer wieder verlangt er, so laut es geht „Yeah!“ zu brüllen, was sich durch die gesamte Performance zieht. „Wie sagt man das auf Deutsch? ,Ja!‘, und auch auf Schwedisch: ,Ja!‘ – Fuck that! Bleiben wir beim Englischen!“

Nach dem folgenden Doppelpack „Distance“/„Passing Through“ macht er die nächste Ansage und kitzelt mit weiteren Yeahs („Ich will, dass ihr so laut schreit, dass ihr keine Stimme mehr habt, wenn ihr morgen zur Arbeit geht!“) noch etwas mehr aus den Fans heraus: „Wenigstens seid ihr besser als die Franzosen“, gibt er augenzwinkernd zu Protokoll, in Anspielung auf die letzten beiden Konzerte, die man in Lyon und Paris absolvierte. Da fühlt man sich doch glatt motiviert, noch mehr aus sich herauszugehen, noch lauter zu brüllen und zu klatschen. Man kann ja über das Logo sagen was man will, aber ein so kleiner Laden mit niedriger Decke garantiert nun mal eine intensivere und intimere Stimmung, dabei ist der Club (erschreckenderweise) noch nicht einmal ausverkauft.

Die Songauswahl ist deutlich auf die letzten drei Alben zugeschnitten – mit „Leave It Behind Us“ findet sich im regulären Set gar nur ein Stück aus der Zeit davor, dem 2011er Album „Glorious Collision“, dem einzigen, bei dem Gitarrist Marcus Jidell mitwirkte (heute Axtschwinger bei Avatarium). Und nichts gegen Jidell, der ein sehr guter Gitarrist und sympathischer Zeitgenosse ist, aber Henrik Danhage stellt am heutigen Abend einmal mehr unter Beweis, dass er und niemand anders als zweiter Gitarrist in diese Band gehört.

Mit sicht- und hörbarer Leidenschaft soliert er sich wie entfesselt durch den Abend (und das in eine Lederjacke gekleidet, da schwitzt man schon beim Zusehen), während Jonas Ekdahl hinter seinem Kit mit ebenso viel Präzision wie Finesse zu Werke geht, Johan Niemann mit kraftvollem Bassspiel souveräne Basisarbeit leistet und Keyboarder Rikard Zander für die atmosphärische Komponente zuständig ist (herrlicher Pianoübergang von „Leave It Behind Us“ zu „Black Undertow“) – man darf guten Gewissens behaupten, dass die Schweden derzeit mit dem vielleicht stärksten Line-Up ihrer Geschichte aufwarten.   

Zudem offenbart ein toll singender Tom erneut beste Entertainer-Qualitäten, die für jede Menge Lacher sorgen. Als auch er feststellt, dass es nach elf Alben nicht leichter wird, eine Setlist zusammenzustellen, man müsse „ungefähr 120 Songs, die jeder hören möchte, unberücksichtigt lassen“, deswegen solle man nicht nach dem Konzert zu ihm kommen und fragen, „wieso habt ihr das und das nicht gespielt – ich will ‚The Masterplan‘ hören!“

Allein beim Nennen dieses Titels brandet naturgemäß sofort Jubel auf und ein Teil der Band beginnt mit dem Auftaktriffs jenes Klassikers, was jedoch von Englund mit den Worten unterbrochen wird: „Die sind nie zur Schule gegangen und wissen nicht, wann sie die Fresse halten sollten.“ Und weiter: „Sie wollen ,The Masterplan‘ spielen, ich aber einen anderen Song. Ich will ,Sweet Home Alabama‘ spielen.“ Außerdem versichert er, sie würden gern alle Songs spielen, die sie haben, aber „wir können hier nicht sieben fucking Tage bleiben“. Sehr unterhaltsam – doch schon fies, einen Klassiker anzustimmen, aber ihn dann nicht zu bringen.

Als sich das Quintett dann bereits nach dem neunten Song „All I Have“ vorläufig verabschiedet, blickt man zunächst ein wenig ungläubig auf die Uhr, doch lassen sich die Herren zum Glück nicht lange bitten – eine Stunde Spielzeit wäre auch tatsächlich äußerst dürftig gewesen. Das mächtige „The Grand Collapse“ bildet wuchtig den Auftakt zur letzten halben Stunde, in der mit „Recreation Day“ und „A Touch Of Blessing“ zumindest noch zwei ältere Nummern hervorgekramt werden, die das Prädikat „Klassiker“ verdienen. Ob hingegen das Keyboard- und Gitarrensolo unbedingt nötig gewesen wären, sei dahingestellt – noch ein weiterer alter Hit oder eine Nummer des grandiosen neuen Albums (beispielsweise „Departure“ oder „End Of Silence“ hätten sich live sicher prächtig gemacht) hätten wohl nicht geschadet.

Dennoch dürften die Fans nach einer anderthalbstündigen intensiven Performance zufrieden sein; Tom weist noch darauf hin, dass man die Band auch beim diesjährigen Wacken sehen kann und bedankt sich für den Support und Respekt über all die Jahre, bevor „King Of Errors“ die Zuschauer in die Nacht entlässt. In dieser Form kann man sich Evergrey immer wieder ansehen und muss sich nicht grämen, dass man das am heutigen Abend zeitgleich in der Markthalle stattfindende Konzert von The Neal Morse Band nicht wahrnehmen konnte.

Setlist:

A Silent Arc
Weightless
Distance
Passing Through
The Fire
Leave It Behind Us
Black Undertow
My Allied Ocean
All I Have

The Grand Collapse
Recreation Day
Keyboard/Guitar Solo
A Touch Of Blessing
King Of Errors

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Fantastischer Abend, der viel zu schnell zu Ende ging

Trotz eher kurzem Set des Headliners ein schöner Konzertabend