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Epica, Vuur & Myrath im Konzert (Hamburg, November 2017)

„Bisschen Bier, bisschen Headbangen, bisschen Metal“

Epica

Nach einer recht langen Umbaupause ist es bereits ungefähr zehn Uhr, als der Hauptact die Bühne betritt. Die Niederländer waren schon im Januar hier, als sie mit Powerwolf zusammen auf Tour gingen – damals im Mehr! Theater am Großmarkt. Heute dürfen sie selbst als Headliner in der kleineren Markthalle ran und haben mit der starken „The Solace System“-EP ja sogar noch neues Material im Gepäck. Das Publikum ist durch den starken Support gut angeheizt und zahlreich vertreten, ein fettes „Ausverkauft!“-Schild kann sich der Club allerdings nicht an die Tür backen.

Dennoch ist die Stimmung von Anfang an fantastisch, Jubel und zahlreiche Pommesgabeln in der Luft branden sofort auf, als die Bandmitglieder nach und nach während des Intros „Eidola“ an ihre Positionen gehen. Der Sound ist glücklicherweise exzellent; bei der vielschichtigen und komplexen Musik des Sextetts keine leichte Aufgabe für den Soundmann, einen ausgewogenen Mix zu kreieren, doch heute Abend gelingt dies bestens. „Edge Of The Blade“ leitet als Eröffnungstrack des großartigen aktuellen Albums „The Holographic Principle“ nicht sonderlich überraschend eine Machtdemonstration, wer die Nummer eins in Sachen Female Fronted Symphonic Metal ist, ein.

Logisch, dass die 2016er Scheibe am stärksten vertreten ist, insgesamt fünf Songs bieten Epica auf, hinzu kommt mit „Wheel Of Destiny“ eine Nummer der neuen EP. Die Auswahl ist nachvollziehbar und gut getroffen, höchstens „Divide And Conquer“ hätte gerne noch auf der Liste stehen können. Die anderen Zuschauer jedenfalls sind von dem Album offensichtlich genauso begeistert wie der Rezensent, denn ob es nun neue Stücke sind oder ältere – man frisst den Holländern aus der Hand und macht Party nach allen Regeln der Kunst. Und das, obwohl die ganze Angelegenheit an einem Montagabend stattfindet.

Doch da weiß die Band Abhilfe zu schaffen, indem sie die Leute dazu auffordert, einfach so zu tun, als sei es Samstag. Als Animateure geben die Dame und die Herren ohnehin eine gute Figur ab; Simone Simons flötet ihre Ansagen in perfektem, akzentfreiem Deutsch und ist natürlich schon immer der Charme in Person gewesen. Ihr Credo „Bisschen Bier, bisschen Headbangen, bisschen Metal“ mag nicht sehr originell sein, fasst einen solchen Abend aber nun mal gut zusammen. Und wenn sie von den Fans verlangt: „Pommesgabeln hoch!“, wird dem umgehend nachgekommen (schön auch, dass ihr dieses umgangssprachliche Wort bekannt ist), genau wie alles gegeben wird, wenn Co-Sänger und Rhythmusgitarrist Mark Jansen an die Leute appelliert, so laut zu schreien wie es geht (und zwar genau aus dem Grund, weil der nächste Song „The Essence Of Silence“ heißt – Ironie und so weiter…).

Alles geben tut schließlich auch die Band, man spürt in jedem Augenblick, dass sie richtig Bock haben; genau wie Anneke van Giersbergen zuvor sitzen bei Simone alle Töne, die Saitenfraktion wechselt immer mal wieder die Positionen – und sogar Keyboarder Coen Janssen, Jordan Rudess-like mit einem um 360 Grad drehbaren Instrument ausgestattet, macht mächtig Alarm und spornt das Publikum stetig an. Beim wunderschön entspannten, mit orientalischen Elementen versehenen „Dancing In A Hurricane“ wagt er sich mit einem tragbaren Keyboard in Bogenform (man denkt sofort an Lindsay Schoolcrafts ähnliches Instrument bei Cradle Of Filth) an den Bühnenrand und später sogar in den Graben für den direkten Kontakt mit den Fans – sehr coole Aktion! Für ihr Engagement wird die Formation mit immer wieder aufkommenden „Epica!“-Sprechchören belohnt; Simone Simons dazu lächelnd: „Ich mag das Epica-Lied!“.

Kaum zu glauben, dass der unverzichtbare Klassiker „Cry For The Moon“ vom Debüt „The Phantom Agony“ bereits die letzte Nummer vor den Zugaben markiert – doch schnell ist der Sechser zurück auf den Brettern und schiebt noch den Dreierpack „Sancta Terra“/„Beyond The Matrix“/„Consign To Oblivion“ hinterher. Ganz ehrlich: Ohne „Beyond The Matrix“ hätte ich den Saal auch nicht verlassen. Ein unfassbarer Ohrwurm, bei dem Simone erfolgreich von den Fans fordert (plötzlich doch auf Englisch), beim Refrain zu hüpfen. Kommt man sich als Mittdreißiger albern dabei vor? Nö, überhaupt nicht, dazu ist der Spaßfaktor viel zu hoch.

Ob man beim finalen „Consign To Oblivion“ dann tatsächlich die erbetene Wall of Death bzw. einen Circlepit starten muss und das trotz aller Härte und Aggressivität der Musik zu der Band passt, sei dahingestellt, aber auch hier stehen die Leute Gewehr bei Fuß und kitzeln noch mal die letzten Energiereserven aus sich heraus. Schade, dass der Zauber nach dieser Nummer und zahlreichen Liebesbekundungen seitens der Band (inklusive aus den Händen geformte Herzen) nach etwa 95 Minuten vorbei ist, meinetwegen hätten sie auch noch Stunden weiterspielen können. Der Ärger über den zu frühen Beginn jedoch ist angesichts dieser Performance glatt wieder vergessen – auch (oder gerade) die neuen Songs haben erwartungsgemäß auch live bombenmäßig gezündet. Wie geil es erst wäre, noch Chor und Orchester vor Ort zu haben und nicht aus der Konserve zu hören, wagt man sich da kaum auszumalen!

Zwei nette Anekdoten seien noch erwähnt: Zwischendurch segelt ein Textil auf die Bühne, von dem Simone annimmt, es handele sich um „muffige alte Boxershorts“, das sich am Ende allerdings doch als schwarzes T-Shirt entpuppt, was naturgemäß für einige Lacher sorgt. Außerdem erklärt sie nostalgisch, dass man vor 15 Jahren ebenfalls hier im kleineren Marx gespielt habe, „vor ungefähr 16 Leuten“ und es sei schön, dass „die Familie sich so vergrößert hat“. Den heutigen Erfolg hat sich die Truppe allerdings auch redlich verdient.

Setlist:

Eidola (Intro)
Edge Of The Blade
Unleashed
Wheel Of Destiny
The Essence Of Silence
Universal Death Squad
The Obsessive Devotion
Ascension – Dream State Armageddon
Dancing In A Hurricane
Unchain Utopia
Cry For The Moon
--------------------------------------
Sancta Terra
Beyond The Matrix
Consign To Oblivion

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