Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Eisregen im Konzert (Bochum 2006)

Zum Thema

"Als Pressefotze hat man es nicht immer leicht" wäre ein Paradigma, um das Folgende recht treffend auf einen Punkt zu bringen, aber zunächst einmal Eins nach dem Anderen:

Bei meiner Ankunft an der Bochumer "Matrix" und der damit verbundenen Einreihung in eine bürokratisch korrekte Warteschlange ließ man zeittotschlagend den Blick umherschweifen auf das illustre Metalpublikum; ein Sammelsurium netter Freaks, die alle zuviel "Doom" gespielt haben.

Es fing glücklicherweise erst nach dem geplanten Einlass um 19 Uhr an, unangenehmst zu regnen; unglücklicherweise wurde eben selbiger um eine halbe Stunde nach hinten verlegt.

Aber der wahre Metaller beschwert sich ja nur darüber, dass es nicht noch doller regnet, also spare auch ich mir das erstmal für später auf, schließlich geben "Eisregen" stilgetreu hier den zweiten Auftritt ihrer "Prostatour", von manchen auch "Wundamputation Tour 2" genannt, da sind sich die Leute etwas uneins.

Am Eingang, dessen Organisation dermaßen lausig ablief, dass ich auch ohne Weiteres umsonst und ohne Presseakkreditierung hereingekommen wäre, musste ich erst durch intensivstes Nachfragen erzwingen, dass sich die Betreffende zu einem Blick auf die Gästeliste bequemt; kein Problem soweit - das öffentlichkeitsunfreundliche Konzept der "Matrix" geht wunderbar auf - aber was ich dann auf jeden Fall noch nachholen müsste, wäre, mir bei einem Verantwortlichen unten einen Fotopass zu organisieren, weil der enorm wichtig sei.

Besagter, zuständiger Kerl, der sich nicht nur vorbildlich unfreundlich gab, sondern mich auch offenbar für dumm verkaufen wollte ("Junge, was ist dein Problem, wenn ich dir sage, dass hier keine Fotopässe sind? Welchen verdammten Teil verstehst du davon nicht?"), machte keinen großen Hehl daraus, zu zeigen, wie sehr ihn Typen wie mich annervten.

Was will uns der Autor also mit diesen Worten sagen? "Es gibt keine Fotopässe?"

Obwohl sie doch so bedeutsam zu sein schienen, "gibt" oder gab es nie welche (überaus klug gewähltes Verb übrigens, an "brauchen" gar nicht erst zu denken), weder für mich noch für irgendjemand anderen, dennoch dürfen aber alle fotografieren, weswegen mir also gleich jemand hätte sagen können, dass ich keinen "brauche".

Wenigstens vergisst dieses liebenswerte Subjekt kompetenterweise nicht, mich im Anschluss noch schnell an meine natürlich verdrängten, journalistischen Pflichten mit Nachdruck zu erinnern und wie man da denn eigentlich genau verfährt, mit dem Fotografieren auch ohne schnieken Pass.

Ich beschloss, ihm nicht noch mehr kostbare Zeit zu stehlen; wilde Hirnkonstrukte meinerseits, ob ein Fotopass überhaupt rein technisch zum Fotografieren an sich nötig sei, da ein Fehlen die Menschen ja noch nie davon abgehalten hat, Fotos zu machen, zumal es ja auch keine notwendige Komponente beim Bau einer Kamera ist (highly astonishing, isn't it?), sollen bis auf Weiteres gedankliche Onanie bleiben.

 

Anderes Thema, mir stieg die Galle zu sehr: Überpünktlich um 20 Uhr begann die im Vorfeld nie angekündigte Band "Taste of Blood" loszulegen und ließ schon fast Hoffnung aufkommen, dass die beachtliche Inkompetenz des Veranstalters nicht als böses Omen in den Annalen der "Tube" genannten Halle verhallt.

Die fünf Jungs präsentierten einen ansprechenden Mix aus vermeindlich Metal-nahen Elementen wie Hardcore, Emo, Prog und der ach so modernen Metalcore-Masche auf einem Fundament aus erdigem Death Metal, der durch experimentierfreudige Ansätze aufgelockert wurde und auch Stumpfmetalphoben wie mir das ein oder andere catchige Riff schmackhaft machen konnten. Etwas im Stile allzu populärer Metallieblinge wie "In Flames".

Ein recht vielseitiges und facettenreiches Programm wurde dargeboten, clean wie verzerrt, melodiös wie gegrowlt, aber mit knapp 20 Minuten war es einfach zu kurz, um eine klare Empfehlung oder Warnung meinerseits abzugeben.

Die Wartezeit wurde mit verunstalteten Klassikern der Musikgeschichte aus der Dose überbrückt, verbrecherische Schlagerverballhornungen von "Paranoid" oder "Yellow Submarine" um dem Kind mal einen Namen zu geben; für einen nicht unerheblichen Teil des Publikums genau das Richtige, um den Kopf schonmal für "Pungent Stench" zumachen zu können.

 

"Pungent Stench", die selbsternannten "Eisregen aus Wien" boten einen Auftritt, der so lächerlich und grauenhaft schlecht umgesetzt war, dass ich hart mit mir kämpfen musste, überhaupt etwas zu dieser Band zu schreiben.

Fast kreativ wirkende und einigermaßen technische Ansätze wurden von der doch ansonsten armseligen, einstündigen Gesamtperformance gnadenlos zunichte gemacht. Überaus lachhaft war auch der enorm konstruierte und gezwungene, österreichische Akzent bei Songansagen des Fronters mit seiner leicht deplazierten "Telecaster" (nebenbei bemerkt wäre er auch mit jeder anderen Gitarre unterqualifiziert gewesen), der wohl krampfhaft versuchte, irgendwie witzig zu sein.

Um etwas konkreter zu sagen, was mir spielerisch bei der Band nicht gefallen hat, kann ich nur erwähnen, dass man die Ausdrücke "Soundmatsch", "Kompositionsschwäche" und "Leute, denen es offenbar zu gut geht" lexikatauglich unter "Pungent Stench" nachschlagen könnte.

An der zunehmenden Stupidität des musikalischen Gesamteindruckes nahmen sich auch einige Fans ein Beispiel; bisweilen zurückgebliebenste Stumpfmenschen ließen viel Raum, um an Darwins Evolutionstheorie zu zweifeln, denn die Intelligenzbestien schubsten, schlugen, spuckten grölend und traten ohne Rücksicht auf Verluste oder seine Mitmenschen, geradezu eine Beleidigung des Wortes "Pogo": Wenn einer hinfiel, wurde schonmal gerne nachgetreten.

Ob diese Aggressivität am Alkohol lag oder an der durch diesen materialisierten Witz der Woche auf der Bühne besonders aufgeheizten Stimmung, kann ich nicht beurteilen, aber einmal brach ich mir fast die Nase, als ein besonders cleveres Exemplar auf die Idee kam, seinen Kopf dazu einzusetzen, um andere Besucher damit zu schlagen, wortwörtlich; Neuinterpretation des Begriffes "Headbanging"?

Ein Auftritt, der seine Spuren hinterlässt; nicht nur die Qualität der Fotos, sondern auch die Ohren des Pressekörpers nahmen enorme Schäden.

Die letzte Umbaupause und der Linecheck um viertel vor zehn wurden nochmal hinreichend von einigen Leuten genutzt, das Hirn mal wieder auszuschalten; ich bin ja viel gewohnt, aber so ein asoziales Verhalten ist mir bisher noch nicht untergekommen: Unbegreiflich, warum manche Menschen ein Konzert nur besuchen, um Stress zu verursachen und Streit zu suchen.

Außerdem galt durch eine quasiklug agierende Minderheit in den vorderen Reihen Geschubse nonstop, da diese Personen dermaßen betrunken waren, dass sie, mehr umfallend als stehend, nur noch die Kollision mit den Besuchern suchte, die von den "Pogo"- und "Headbanging"-Neudefineuren bisher verschont geblieben waren.

Ernstzunehmende Schlägereien blieben aber bis zu dem eigentlichen "Eisregen"-Auftritt noch aus.

 

Stammtischtauglich angestimmt mit Opas alten SS-Liedchen und Schlagermusik wird dem Erscheinen der Band entgegengefeiert; als diese dann antreten, freut man sich und streckt den rechten Arm in die Höhe, der zusammen mit der klassischen "Pommesgabel" ein harmonisches Bild ergibt.

Eines vorweg: Eisregen haben in Teilen wirklich brauchbare Livequalitäten, ihre zuweilen anteilnahmslose Akzeptanz einiger brauner Konzertteilnehmer lässt sie aber in meinen Augen überaus kritikfähig erscheinen und ist geradezu Wasser auf den Mühlen derer, die "Eisregen" stets als rechtsrockende Band zweiter Generation empfanden.

Dem Männchenmachen ist der Deutsche also nach wie vor nicht zu faul.

Die Bühnenshow von "Eisregen" wirkte spartanisch, um nicht zu sagen minimalistisch; bis auf den publikumszugewandten Sänger Michael "Blutkehle" Roth hat sich, meiner Beobachtungsgabe nach, keiner der restlichen Bandmitglieder auch nur ein einziges Mal von der Stelle bewegt.

Yeah, right: "Prostitution ist eine schlechte Sache, geht lieber nach Hause und liebt eure Frau oder Freundin oder euer Haustier"; mit gewaltig rollendem "R" und typischem "Eisregen"-Schwarzhumor sagt Michael "1000 tote Nutten" an, eines der Lieder vom neuesten Release "Hexenhaus", welches wie fast alle anderen neuen Lieder gespielt wurde.

Die meisten Songs über wurde frenetisch gefeiert, als besonderes "Bonbon" wurde das namentlich leicht abgewandelte Lied "meine tote, schwedische Freundin" präsentiert, das es in seiner grenzenlosen "Trueness" sogar geschafft hat, im Original auf dem Index zu landen.

Der Sound an sich war angemessen ausgepegelt und kam druckvoll herüber, was meine Befürchtungen im positiven Sinne falsifizierte, den gesamten Auftritt hindurch gab es jedoch Probleme mit der desaströsen, beschädigten PA des Veranstalters, die bis zum Hörsturz gekratzt und gefeedbackt hat; mehrmals versuchte der Toni vergeblich durch Master Out und kurze Neuabnahmen zu deeskalieren.

Als Zugaben nach einer guten Stunde Spielzeit wurden "Elektrohexe" und "Thüringen" gespielt, wobei sich besonders bei "Elektrohexe" die Menge geradezu vor Euphorie zu vergessen schien.

Man bekam kaum den Fuß auf den Boden vor lauter Moshpits und Durchgeknallter, auch die ein oder andere Prügelei, die aufgrund der extremen Enge eine unfreiwillig lächerliche Dimension annahm, blieb nicht aus. Eine bedrückende Athmosphäre.

Eisregen ließen sich gegen Ende ihrer ca. 75-minütigen Show mit einem selbstbeweihräucherndem Finale feiern, die Person vor mir schob zum Abschied noch schnell 'nen Hitlergruß ein, um nochmal zu untermauern, was von Meinungsfreiheit zu halten ist und der Veranstalter stellt sich auf den anschließenden Diskobetrieb um, bei dem ich selbstverständlich fernblieb.

"Eisregen" waren subsummierend fast schon Balsam für meine Ohren und ein, von manchen sogenannten Fans mal abgesehen, durchaus erträglicher Abschluss für einen völlig kaputten Abend, bei dem "Eisregens" Anteil an dem "Gesamtwerk" noch verschwindend gering erschien.

 

Was bleibt noch zu sagen, höchstens:

Falls noch irgendwelche Unklarheiten oder Beschwerden in diesem, immer mit leichtem Subtext zu lesenden, Bericht bezüglich der nicht hundertprozentig gewährleisteten Akzeptanz matrix-mäßiger Kompetenz bestehen, so solle dem Redakteur dies bitte mitgeteilt werden, aber möglichst in schriftlicher Form, denn der Redakteur hört nicht mehr so gut.

comments powered by Disqus

Sieben Alpha-Hein-Mücks

Doomiges Live-Konzert in eine mögliche neue Normalität

Der Erstlingsroman des Musikers kann sich sehen lassen

Werkschau einer der größten und einflussreichsten Rockbands aller Zeiten

Wie mit einer Ex-Freundin

Willkommen in der Husumer Sauna

Von Jahr zu Jahr kommt man einfach immer mehr auf den Boden der Tatsachen