Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Dritte Wahl, Kotzreiz, Stattmatratzen im Konzert (Leipzig, April 2011)

"Alte Männer rosten nicht"
Zum Thema

Dritte Wahl

Frisch gelüftet geht es nun zur letzten Etappe des Abends.
Vom Veranstalter als eine der letzten wirklichen Punk-Bands angekündigt untergraben die Dritte Wahl rein optisch erst einmal  diesen Status. Brav im schwarzen Zwirn und mit Schlips versehen wirken sie eher wie eine Tanzkapelle, die bei der Kirmes aufspielen will. Im Unterschied zu vielen dieser Bands genügt hier das bloße Besteigen der Bühne, das eine Welle des Publikums hin zur Bühne ausgelöst wird. Die ersten Klänge ertönen und schnell zeigt sich, dass man auch in der Lage ist, mehr als drei Akkorde zu spielen. Von der ersten Sekunde an wird eine unglaubliche Energie versprüht, die keinen im nun randvollen Club ruhig stehen bleiben lässt.  Es wird gepogt, gewippt, gesprungen, die Bühne zum Stagediving erklommen und natürlich fleißig mitgesungen. 

Auf längere Ansagen wird durchgängig verzichtet, was zu sagen ist, hört man in den Texten. Diese sind bissig, politisch, halten der Gesellschaft den Spiegel vor und manchmal wird auch in Alltagsproblematiken abgetaucht. Positiver Nebeneffekt des Ganzen ist, dass ein paar Songs mehr gespielt werden. Die Titel des letzten Albums kommen dabei nicht zu kurz, so zum Beispiel das mahnende „Gib Acht!“, „Wo Ist Mein Preis“ oder „Ich Bin Dafür“. Bei Letzterem wird eindringlich dafür plädiert, Zivilcourage zu beweisen, den Mund aufzumachen und endlich wieder "seinen Arsch zu heben". Für derlei Texte werden die Rostocker vom Publikum geschätzt, gefeiert und vor allem von ihnen verstanden. Bester Beweis dafür ist ein Fan, der die Bühne erklimmt, blank zieht und mit Hinweis auf sein nacktes Hinterteil zeigt, was er vom Dienst an der Waffe hält.

Auch reichlich ältere Songs finden den Weg zu den Gehörgängen. Die „Resolution Der Kommunarden“ von Bert Brecht darf genauso wenig fehlen wie „Sklave“, „Rausch“, „Tobias“ oder „Auge Um Auge“. Das ganze Konzert scheint einem Best-Of zu gleichen und entsprechend euphorisch wird die Band bejubelt. Generell muss angemerkt werden, dass der Begriff „Publikumsnähe“  hier eine ganz neue Dimension erhält. Den gesamten Gig durch scheinen sich Publikum und Band zu vermischen. Manch einer steht dermaßen auf den liebevollen Tritt in den Allerwertesten, der ihn von der Bühne befördert,  dass er sich zum Dauergast auf der Bühne entwickelt. Mal um Mal wird sich ins Scheinwerferlicht begeben, um die Zuschauer selbst mit anzufeuern oder sich von der Masse tragen zu lassen. Wen wundert es also, dass sich auch Stefan hinunter begibt und ein Bad in der schweißdurchtränkten Menge nimmt.

Handwerklich können die Herren ebenfalls überzeugen. Immer wieder angetrieben vom starken Taktgeber Krel am Schlagzeug nehmen Gunnar an der Gitarre und Stefan am Bass die Energie auf und geben diese an das Publikum weiter, um des Öfteren auch noch mit Soli zu glänzen. Rhythmus- und Melodiewechsel innerhalb der Songs unterstützen weiterhin diesen positiven Eindruck. Musikalisch präsentieren sich die Nordlichter vielfältig, es wird zu „Bad K.“ gerappt, bei „Hash“ scheint der Geist von Bob Marley über der Bühne zu schweben und man glaubt ihnen sofort aufs Wort, dass sie nicht nur den Punk, sondern auch den Country erfunden haben. Mit „Auf Der Flucht“ werden ruhige Töne angeschlagen, welche vom Publikum genauso hingebungsvoll angenommen werden wie jedes andere Stück.

Mit „Zeit Bleib Stehen“ wird das Konzert beendet, um sich nach wenigen Sekunden zur Zugabe wieder einzufinden. Hier bringt die Dritte Wahl mit dem Klassiker „Schaum auf der Ostsee“ nochmals den Saal zum Kochen. Kurz nach 1 Uhr ist endgültig Schluss und es überkommt einen der Eindruck, dass das Konzert doch gerade erste begonnen hatte. Jeder, der dieses Gefühl kennt, pflichtet sicher bei, dass es sich um einen sehr guten Auftritt gehandelt hat. In diesem Sinne kann man nur seinen Respekt für die musikalische Qualität, die unbändige Energie der Band und die Tatsache, dass man trotz brütender Hitze immer noch den Schlips trug, aussprechen. Oder man sagt es kurz mit Kotzreiz' Worten: „Alte Männer rosten nicht“.

Seite
comments powered by Disqus

Neues Album und Tour im nächsten Jahr

Sieben Alpha-Hein-Mücks

Doomiges Live-Konzert in eine mögliche neue Normalität

Der Erstlingsroman des Musikers kann sich sehen lassen

Werkschau einer der größten und einflussreichsten Rockbands aller Zeiten

Wie mit einer Ex-Freundin

Willkommen in der Husumer Sauna

Von Jahr zu Jahr kommt man einfach immer mehr auf den Boden der Tatsachen