Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Dream Theater im Konzert (Hamburg, Juli 2014)

In dieser Verfassung purer Genuss

Prächtig in Form: Dream Theater

Zum Thema

Das letzte Album von Dream Theater, das die Band nach sich selbst benannte, ist zwar nicht gerade ein großes Highlight in der Diskographie der New Yorker, aber offensichtlich sehr erfolgreich. Das Quintett ist kontinuierlich immer größer und größer geworden, hat sich den Erfolg durch konstantes Touren allerdings auch hart erarbeitet. Anscheinend ist die Tour Anfang des Jahres, als man sich schon einmal in Deutschland im Rahmen der „Along For The Ride“-Tour befand, sehr gut gelaufen, sodass man sich für ein paar Sommerdates noch einmal hier einfindet, nur diesmal natürlich andere Städte bereist. Dass die Jungs sich auch mal wieder in Hamburg blicken lassen, wurde wirklich allerhöchste Zeit, und mitten im Sommer ist die Stadtparkbühne sicherlich nicht die schlechteste Idee.

Bereits um 19 Uhr soll es an diesem Samstagabend losgehen, obwohl keine Vorband spielt – doch dies hängt mit den Lärmschutzgesetzen zusammen, denn schon um 22 Uhr muss hier Schicht im Schacht sein. So betritt der Fünfer die Bühne zu den Klängen des Intros denn auch überpünktlich wenige Minuten vor Sieben, um mit „The Enemy Inside“ in den Set zu starten. Dass es zu diesem Zeitpunkt proppevoll ist, kann man nicht wirklich behaupten; angesichts der Größe, die die Band mittlerweile erlangt hat, ist es sogar etwas enttäuschend, wie viele Lücken sich im Publikum zeigen, was sich im Laufe des Abends auch nicht noch großartig ändern wird. Klar, gute 50 Euro Eintritt sind nicht wenig (zum Vergleich: als meine Wenigkeit ihr erstes DT-Konzert – sogar noch mit Pain Of Salvation als exzellentem Support – 2002 besuchte, kostete das Ticket 24 Tacken), doch spielen Dream Theater immerhin sehr ausgiebige lange Shows, man bekommt also etwas geboten für seine Kohle. Auch die WM kann nicht unbedingt eine Erklärung sein, heute findet lediglich das Spiel um Platz drei statt, welches ja nun nicht gerade das größte Standing hat – das Finale unserer Jungs gegen Argentinien ist erst morgen.

Sei es, wie es will – wer die Band bereits im Februar gesehen hat, wird wenig begeistert sein zu bemerken, dass man die Setlist kein Stück verändert hat. Als Mike Portnoy noch dabei war, würfelte man sie ja praktisch jeden Abend durcheinander, nun aber ist man zum Standard der meisten Bands übergegangen, die Setlist auf einer Tour bei jedem Auftritt mehr oder weniger gleich zu halten, was zugegeben natürlich auch weit weniger anstrengend ist.

Für alle anderen jedenfalls wird Großartiges geboten: Die erste, gut 75-minütige Hälfte des Konzertes beinhaltet eher neueres Material; bis auf zwei Stücke werden nur Songs der letzten beiden Scheiben „Dream Theater“ und „A Dramatic Turn Of Events“ dargeboten, wobei hiervon definitiv das überragende und als letztes gespielte „Breaking All Illusions“ als absolutes Highlight durchgeht. Bei den erwähnten, aus dem Rahmen fallenden Stücken handelt es sich jedoch um zwei weitere große Highlights: Beim melancholischen Epos „Trial Of Tears“ (inklusive ausgedehntem Gitarrenintro) singt James LaBrie beim ersten Chorus „It’s raining in the streets of Hamburg City“ statt „New York City“ wie im Original, aber zum Glück provoziert er damit keinen tatsächlichen Regen, es bleibt schön und trocken. „The Shattered Fortress“ vom „Black Clouds And Silver Linings“-Album wiederum ist nach dem Opener „The Enemy Inside“ die erste richtige Achterbahnfahrt, wo das Traumtheater nach Herzenslust frickelt und wie so häufig für heruntergeklappte Kinnladen sorgt. Das gilt ebenso für das Instrumental „Enigma Machine“, bei dem man ein kurzes Drumsolo eingebaut hat, das von der Länge zum Glück nicht überstrapaziert wird.

Die Zuschauer allerdings brauchen eine ganze Weile, um aufzuwachen. Anfangs stehen die meisten nur da, nicht einmal Headbanger sind zu sehen, was schon ein bisschen armselig ist. Aber James LaBrie gibt sein Bestes, um die Meute etwas aus der Lethargie zu holen, indem er immer wieder auf den Laufsteg in der Mitte rennt und von dort die Leute zum Mitsingen und Mitklatschen animiert. Es gibt ja so Konzerte, wo die Fans etwas brauchen, um in Stimmung zu kommen und das ist heute zweifellos der Fall.

Beim zweiten Set, das nach einer 15-minütigen Pause startet, sind die Zuschauer auf jeden Fall schneller mit Leidenschaft dabei. Was Wunder auch, da nun älteres Material folgt: Der Oberkracher „The Mirror“ mit seinem wunderbar Headbang-kompatiblen Mainriff lässt die Fans gleich ausflippen und bildet den Anfang eines „Awake“-Blocks, bei dem quasi die komplette zweite Hälfte gespielt wird, es folgen also noch „Lie“, die Gottballade „Lifting Shadows Off A Dream“ (diese Harmoniegesänge sind immer wieder ein Traum!) sowie das Epos „Scarred“ und „Space-Dye Vest“, das man vor dieser Tour noch nie live zum Besten gegeben hatte. „Awake“ feiert in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum, weswegen man sich dieses Bonbon ausgedacht hat, und wer freut sich nicht darüber, dieses grandiose Vermächtnis von Kevin Moore endlich mal live auf die Ohren zu bekommen. Zwischendurch gibt es noch ein Ständchen für Gitarrist John Petrucci, der am heutigen Tag seinen 47. Geburtstag feiert, auch wenn James LaBrie von 22 Jahren spricht – sehr schmeichelhaft für Petrucci, der seinerseits scherzhaft meint, er sei 75 geworden.

Kurz kehrt man schließlich in Form des über 20 Minuten währenden Mammutstücks „Illumination Theory“ zur aktuellen Platte zurück, bevor als Zugabe ein weiterer, wenn auch etwas kürzerer Albumblock folgt. „Overture 1928“ und „Strange Deja-Vu“ von „Scenes From A Memory“ werden ausgepackt und an den Songs dieses Jahrhundertalbums wird man sich wohl nie satt hören können. Außerdem werden mit dem halsbrecherischen „Dance Of Eternity“ ein weiteres Instrumental sowie das Albumfinale „Finally Free“ kredenzt.

Manch einem mag der eine oder andere Track von „Images And Words“ gefehlt haben, aber an sich können keine Wünsche übrig bleiben. Zumindest für alle, die Dream Theater heute zum ersten Mal in diesem Jahr live sehen, war es mit Sicherheit eine originelle und interessante Setlist. Punkt 22 Uhr ist die Band fertig und hat mit 165 Minuten Nettospielzeit allein quantitativ jede Menge geboten. Doch auch in qualitativer Hinsicht gibt es nichts zu meckern: Spieltechnisch braucht man wohl nicht großartig Worte verlieren, der Sound war ebenfalls gut abgemischt und James LaBrie bestens in Form und immer bereit, die Zuschauer zu motivieren. In dieser Verfassung sind Dream Theater einfach nur purer Genuss und unschlagbar. Kuriose Randnotiz außerdem: Laut LaBrie waren die Amis das letzte Mal auf der Stadtparkbühne vor 14 Jahren – auf den Tag genau…

Setlist:

Set 1:
Intro: False Awakening Suite
The Enemy Inside
The Shattered Fortress
On The Backs Of Angels
The Looking Glass
Trial Of Tears
Enigma Machine (inkl. Drumsolo)
Along For The Ride
Breaking All Illusions

Set 2:
The Mirror
Lie
Lifting Shadows Off A Dream
Scarred
Space-Dye Vest
Illumination Theory
----------------------------------------
Overture 1928
Strange Deja-Vu
The Dance Of Eternity
Finally Free

comments powered by Disqus

Erneut eine eindrucksvolle Bewerbung um den Titel „Konzert des Jahres“

Vom pinkfarbenen Cover hin zum Boxen

Das Wandern ist des Metallers Lust

Refuge, Teutonic Slaughter und Kadaverficker beim Saunafest