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Dream Theater im Konzert (Hamburg, Februar 2017)

Nostalgische Reise zurück ins Jahr 1992

Der sonst so zurückhaltende John Myung darf sich auch mal mit einem Basssolo hervortun.

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Für ihr letztes Studioalbum „The Astonishing“ haben Dream Theater viel Prügel einstecken müssen – allerdings auch viele lobende Worte genießen dürfen. Wie das eben so ist mit solch ambitionierten Projekten: Die eine Seite ist total begeistert, die andere findet es künstlich aufgeblasen, selbstverliebt und überladen. Ich stehe nach wie vor hinter den neun Punkten, denn musikalisch ist das einfach gut gemacht, allem zweifellos vorhandenen Kitsch und den cheesy Lyrics zum Trotz. Entsprechend dieses Zwiespaltes waren die Hallen bei der letzten Tour, als man ausschließlich jenes Album performte, bei weitem nicht ausverkauft.

Die Ankündigung, den 25. Geburtstag des Meilensteins „Images And Words“ mit einer Live-Komplettaufführung gebührend zu zelebrieren, dürfte nun allerdings auch wieder die Alteingesessenen hinter dem Ofen hervorgelockt haben; in Hamburg jedenfalls ist das relativ neue Mehr! Theater am Großmarkt gut gefüllt, die gesamte Kapazität von 3500 Zuschauern wird jedoch nicht erreicht. Die Band verzichtet bei dieser Tour offensichtlich auf Videoleinwände und ähnliche Sperenzchen und geht somit – dem nostalgischen Tourmotto entsprechend – wieder ein wenig back to the roots. Fünf Musiker, die auf der Bühne stehen und zocken, nicht mehr und nicht weniger; so kann man sich einfach nur auf die Musik konzentrieren ohne von anderen Dingen abgelenkt zu werden.

Pünktlich um 20 Uhr geht es mit „The Dark Eternal Night“ ziemlich brachial los – ein überraschender Opener und der Sound ist zunächst einmal äußerst suboptimal. Besonders wenn Keyboard und Gitarre zusammen solieren, wird es arg breiig, und man befürchtet schon, einen in klangtechnischer Hinsicht enttäuschenden Abend zu erleben, zumal derart große Hallen schon immer problematisch für Rock- und Metalformationen waren. Glücklicherweise bessert sich das Ganze im weiteren Verlauf merklich, trotzdem muss die Frage gestattet sein, wieso es da egal bei welcher Band und bei welchem Konzert ständig Anlaufschwierigkeiten gibt.

Sänger James LaBrie warnt das Publikum (das im Gegensatz zur letzten Tour wieder stehen darf) recht früh, dass er sich eine Erkältung eingefangen habe, aber er würde „alles geben, was ich habe“. Natürlich bibbert man beim Gedanken an die wahnsinnig schwer zu singenden „Images And Words“-Songs, die ja zweifellos noch kommen werden und wie das wohl nachher klingen mag, aber Fakt ist: LaBrie scheint dennoch gut gelaunt und erweist sich als sehr gesprächig, begrüßt am heutigen Valentinstag vor allem die (zahlenmäßig klar unterlegenen) Frauen unter den Fans. Auch animiert er das Publikum immer wieder, das im ersten Durchgang wesentlich zurückhaltender agiert als in der zweiten Hälfte. Doch wen wundert’s; obwohl der Fünfer mit Überraschungen wie dem selten gespielten Instrumental „Hell’s Kitchen“ glänzt, warten alle selbstverständlich sehnsüchtig auf die Darbietung von „Images And Words“.

Sicherlich kann man darüber streiten, ob vom selbstbetitelten (relativ schwachen) Album „The Bigger Picture“ sein muss und ob tatsächlich schon wieder Stücke von „The Astonishing“, das wie erwähnt erst auf der letzten Tour komplett gespielt wurde, in die Setlist gehören, aber zumindest wird man beim Traumtheater noch überrascht und es gibt diesbezüglich wirklich auf jeder Tour radikale Änderungen. Von „As I Am“ live mal wieder den Arsch versohlt zu bekommen, bringt zum Beispiel viel Spaß und gegen Ende kurz in den Refrain von „Enter Sandman“ überzugehen, ist ein gelungener und wirklich cooler Gimmick, den die Zuschauer wohlwollend absorbieren. Etwas Ähnliches haben DT übrigens schon einmal mit „Peruvian Skies“ angestellt, dies ist auch auf dem Doppeldecker „Once In A Livetime“ dokumentiert. Nett auch das diesem Nackenbrecher vorangehende Basssolo von John Myung, ein Cover des Jaco Pastorius-Stückes „Portrait Of Tracy“, eingeleitet von ein paar Worten James LaBries zu den Helden von Künstlern, ist Myung (wie wohl fast jeder Bassist auf der Welt) doch maßgeblich von Pastorius beeinflusst.

Im zweiten Teil nach einer rund zwanzigminütigen Pause, der mit vom Band laufenden Schnipseln aus Songs des Jahres ’92 gestartet wird, die unterstreichen, dass der Erfolg des zweiten Albums der New Yorker umso sensationeller war, da diese Art Musik in der Grunge-Zeit eigentlich kein Schwein interessierte, zeigt sich James noch kommunikativer, gibt einige amüsante Anekdoten aus der damaligen Zeit zum Besten und ist angesichts der Umstände auch gesanglich relativ gut drauf. Sicher, der Soundmann unterstützt ihn nach bestem Wissen und Gewissen mit allerlei wirkungsvollen Effekten und hier und da muss er ein paar Gesangslinien in tiefere Regionen verlagern, aber wenn man bedenkt, dass der Kanadier dieses Jahr auch schon 54 Jahre alt wird, geht das in Ordnung.

Das Publikum ist natürlich glückselig und singt die alten Gassenhauer kräftig mit, sodass die folgende Stunde wie im Flug vergeht. Als überflüssig erweist sich einzig das in der Mitte von „Metropolis“ platzierte Schlagzeugsolo – mal abgesehen davon, dass es jegliche Dynamik des Songs abtötet, braucht dieses prätentiöse Technik-Gewichse kein Mensch. Überhaupt: So überragend Mike Mangini handwerklich auch ist, man vermisst immer noch Mike Portnoy, dem Mangini in puncto Ausstrahlung zu keiner Sekunde das Wasser reichen kann.

Schöner ist da Jordan Rudess’ Keyboardsolo, welches als Intro zu „Wait For Sleep“ fungiert und das „jedes Mal anders ist“, wie James LaBrie versichert und bekräftigend fügt er noch hinzu, was eh schon alle wissen: dass Rudess nicht von diesem „fucking planet“ stammen könne, er müsse „ein Alien“ sein. Ansonsten betont er außerdem, wie sehr er „Wait For Sleep“ lieben würde, und das nicht nur, weil es der einzige Song des Albums ist, bei dem er nicht in der „fucking stratosphere“ singen müsse.

Obwohl er sich anschließend noch durch „Learning To Live“ im wahrsten Sinne des Wortes kämpfen muss, kommt als Encore tatsächlich noch das gesamte „A Change Of Seasons“ – unfassbar. Nicht nur LaBrie muss hier noch mal alle Reserven mobilisieren, dem Publikum geht es nach über zweieinhalb Stunden nicht anders. Was für eine hammermäßige Zugabe, die den Abend bestens abrundet und alle DT-Supporter glücklich nach Hause gehen lassen dürfte. Was man in der letzten Zeit immer so hört und liest von übersättigten Rockstars, Lustlosigkeit und unterkühlter Routine – heute Abend war davon erfreulicherweise nichts zu spüren. Und 160 Minuten netto Musik ist bei den mittlerweile stolzen Eintrittspreisen definitiv value for money. Nur das Merchandise mit 35 Euro für ein Shirt und 50 (!) für ein Longsleeve bleibt nach wie vor ziemlich unverschämt.

Setlist:

The Dark Eternal Night
The Bigger Picture
Hell’s Kitchen
The Gift Of Music
Our New World
Portrait Of Tracy (Jaco Pastorius-Cover)
As I Am
Breaking All Illusions

---Pause---

Pull Me Under
Another Day
Take The Time
Surrounded
Metropolis Part 1: The Miracle And The Sleeper (inkl. Drumsolo)
Under A Glass Moon
Wait For Sleep (inkl. Keyboardsolo)
Learning To Live

A Change Of Seasons Parts 1 – 7

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