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Dream Theater im Konzert (Berlin, März 2016)

Solide, aber wenig leidenschaftliche Darbietung des Traumtheaters

Mit „The Astonishing“ sind Dream Theater erstmals seit längerem wieder aus ihrem Rhythmus, alle zwei Jahre eine neue Platte zu veröffentlichen, ausgebrochen. Nicht sonderlich überraschend, dass es diesmal etwas länger gedauert hat, wenn man sich den Aufwand anschaut, der für dieses Album betrieben wurde: Zwei CDs, insgesamt über zwei Stunden lang, eine Konzeptstory, Leitmotive, Orchesterarrangements – das Traumtheater hat sich nicht lumpen lassen, um den Vorwurf der Routiniertheit abzuschmettern, mit dem sie sich in den letzten Jahren immer mal wieder konfrontiert sahen. Dass man damit trotzdem – oder gerade deswegen – nicht die gesamte Fanbasis hinter sich versammeln konnte, liegt dabei in der Natur der Sache. Zu kitschig, zu wenig Härte, zu klischeebehaftete Lyrics und eine zu klischeehafte Geschichte – die Liste der Gegenargumente ist lang und sicherlich nicht komplett aus der Luft gegriffen.

Trotzdem kann man sich in „The Astonishing“ reinhören, das Album ist so etwas wie die Mutter aller Grower; die Ankündigung, auf der kommenden Tour lediglich diesen Doppeldecker in Gänze zu spielen, lässt dennoch logischerweise den Schluss zu, dass sich nur jene Anhänger einfinden, die die dreizehnte Studio-Full-length als gelungen ansehen. Wie zuletzt auch Steven Wilson hat sich die Band dazu entschlossen, in bestuhlten Arenen zu spielen, um der Angelegenheit ein wenig mehr Theaterflair zu verleihen. Stets ein zweischneidiges Schwert, denn dass die Stimmung gelöster und euphorischer ist, wenn die Fans stehen, ist schlichtergreifend Fakt, auf der anderen Seite ist das Zuhören beim Sitzen sicherlich konzentrierter.

In der deutschen Hauptstadt tritt der Fünfer im Friedrichstadtpalast auf; bedenkt man, dass dies ein ziemlich großes Gebäude ist, dessen Hauptsaal über 1800 Zuschauer fasst und unter den gegebenen Umständen (der umstrittenen Tatsache, nur das aktuelle Album aufzuführen) schon ein ehrgeiziges, um nicht zu sagen: gewagtes Unterfangen. Dennoch füllt sich die Halle ansehnlich, wenn auch etliche Plätze frei bleiben. Wer ganz außen links oder rechts sitzt, zahlt zwar weniger, muss sich allerdings damit begnügen, von der Seite auf die Bühne zu blicken und somit nur eingeschränkte Sicht auf die Musiker zu haben.

Zum Glück wirkt sich dies nicht allzu deutlich auf den Sound aus, der einigermaßen ausbalanciert ist. Aufgrund der Größe der Halle tönt er – besonders bei den härteren, volleren Stellen – zwar etwas breiig und hallgetränkt, zum Glück aber nicht so schlimm, dass man sich nicht damit arrangieren könnte. Trotz der nummerierten Sitzplätze kommt nur bedingt Theaterfeeling auf, denn die Band spielt im Prinzip so wie immer, lediglich Videoleinwandsequenzen mit Animationen, wie man sie bereits aus den Clips zu der Platte gesehen hat, untermalen die Geschichte. Die Amerikaner werden ihrem Ruf als „Stehgeiger“ leider einmal mehr gerecht; wenig Positionswechsel, wenig Headbangen oder sonstige Action, wenig Publikumsanimation. Von letzteren gibt es genauer gesagt sogar noch weniger als sonst. Sänger James LaBrie wirkt nicht unbedingt übermotiviert (lustlos wäre wohl etwas zu hart ausgedrückt), begrüßt die Fans nur einmal kurz („Good evening, Berlin“), und auch danach gibt es nur noch ganze zwei (!) Ansagen gegenüber den Zuschauern während des gesamten Konzerts.

Überhaupt wirkt er nicht hundertprozentig fit, könnte sich etwas mehr Mühe geben, die Stimme beim Interpretieren der verschiedenen Charaktere des Albums zu verstellen, und hat hin und wieder Schwierigkeiten mit hohen Gesangspassagen. Quasi jede kleine Pause nutzt der Frontmann, um etwas zu trinken – wahrscheinlich ist da eine Erkältung im Spiel.

Auch sonst wird der Gig recht routiniert heruntergespielt; leidenschaftlich ist jedenfalls etwas anderes. Die Orchesterelemente kommen erwartungsgemäß vom Band und Raum zum Improvisieren ist wenig bis gar nicht vorhanden, einzig bei John Petruccis göttlichem Gitarrensolo am Ende von „A New Beginning“, das im Original ausgefadet wird, kommt ein Hauch von Jamcharakter auf. Hier werden auch die Zuschauer am lautesten und kredenzen dem Gitarrero Standing Ovations; einige bemühen sich ohnehin, mittels Schreien und Klatschen den Stimmungsbarometer trotz Sitzens so gut es geht oben zu halten und immerhin steigert sich der Applaus zwischen den Stücken nach und nach.

Trotzdem ist das Ganze doch sehr distanziert und unpersönlich; meiner Meinung nach sollte man dieses Sitzen-bei-Metalkonzerten, an dem anscheinend ja immer mehr Bands Gefallen finden, bitte wieder ganz schnell ad acta legen. Wenn ich in die Oper oder ins Theater gehen will, gehe ich in die Oper oder ins Theater, wenn ich auf ein Rock- oder Metalkonzert gehen will, gehe ich auf ein Rock- oder Metalkonzert. So einfach ist das. Außerdem ist es einfach nur dumm, nach der zwanzigminütigen Pause nach dem ersten Akt (sprich: der ersten CD) gnadenlos das Licht zu löschen und die Combo beginnen zu lassen, obwohl noch längst nicht alle ihre Plätze eingenommen haben und gezwungen sind, im Dunkeln zu suchen. Völlig übertrieben auch das komplette Fotoverbot. Sicher, die Leute, die permanent fotografieren und filmen, nerven nicht unerheblich, aber dass gleich die Security angedackelt kommt und mit blitzenden Augen droht, sobald jemand mal ein einziges lumpiges Erinnerungsfoto macht, steht einfach in keinem Verhältnis.

Schon das überirdische technische Niveau der Protagonisten sorgt aber dafür, dass der Ausflug in die Hauptstadt keineswegs als Reinfall bezeichnet werden muss, es lohnt sich trotzdem immer, ein Dream-Theater-Konzert zu besuchen, allein um den Herren Musikern voller Bewunderung auf die Flitzefinger zu gucken. Und wenn sich ein Mister Petrucci am akustischen Anfang von „Losing Faythe“ tatsächlich dann doch mal heftig verspielt, sodass es für jeden hörbar ist, hat man zumindest das Gefühl, etwas Außergewöhnliches erlebt zu haben.

Nur der Überraschungsfaktor geht halt gen Null; die einzige Zugabe bildet „Astonishing“, Titelsong und letzte Nummer der „Rockoper“, und sich dafür extra noch mal auf die Bühne bitten zu lassen, ist schon ziemlich albern. Die Zuschauer sind trotzdem zufrieden und bejubeln das Quintett ausgiebig. Wie viele Leute anschließend eines der maßlos teuren T-Shirts am Merchstand abgriffen (35 Euro und aufwärts!), ist jedoch nicht bekannt.

Setlist:

Act I:
Descent Of The NOMACS

Dystopian Overture
The Gift Of Music

The Answer

A Better Life

Lord Nafaryus

A Savior In The Square

When Your Time Has Come

Act Of Faythe

Three Days

The Hovering Sojourn

Brother, Can You Hear Me?

A Life Left Behind

Ravenskill

Chosen

A Tempting Offer

Digital Discord

The X Aspect

A New Beginning

The Road To Revolution

---Pause---

Act II:
2285 Entr'acte

Moment Of Betrayal

Heaven’s Cove

Begin Again

The Path That Divides

Machine Chatter

The Walking Shadow

My Last Farewell

Losing Faythe

Whispers In The Wind

Hymn Of A Thousand Voices

Our New World

Power Down
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Astonishing

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Fantastischer Abend, der viel zu schnell zu Ende ging