Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Devin Townsend Project, Aeon Zen im Konzert (Hamburg, März 2011)

Genie und Wahnsinn liegen so dicht beieinander...

Devin Townsend Project

Im Folgenden füllt sich das Grünspan merklich, wenngleich man vom Terminus „ausverkauft“ immer noch klar entfernt ist. Dass als musikalische Untermalung zum Umbau Techno- und Dancetracks laufen – zum Beispiel das unsägliche „Barbie Girl“ von Aqua, in den Neunzigern ein Riesenhit – wird bei einem Exzentriker wie Devin Townsend mit Humor genommen, jeder Umstehende sagt sich verschmitzt: „Tja, das ist halt Devin“.
Um die Zeit zu verkürzen, erscheint auf den Leinwänden seitlich der Bühne außerdem schließlich Ziltoid, die lustige außerirdische Handpuppe, und verzapft allerlei Blödsinn über Kaffee, Titten und Penisse. Kurzweilig ja, aber irgendwann erwischt man sich dabei, wie man denkt, dass es langsam reicht und nun doch mal losgehen könnte.

Über eine halbe Stunde dauert das ganze Brimborium inklusive Umbau und Ziltoid-Albernheiten, dann betreten Mister Townsend und seine drei Mitstreiter die Bretter, um mit „Addicted!“ den Opener und Titeltrack der aktuellen Platte als ersten Hit in die gierige Meute zu feuern. Und auch wenn der kanadische Tausendsassa sich in puncto Weirdness etwas gezügelt haben mag, so wäre er doch nicht Devin Townsend, wenn er nicht mit seinem verschrobenen, oft albernen, und trotzdem witzigen Humor aufwarten würde. Es wundert einen keineswegs, dass er an Adrenalinüberproduktion leidet, wogegen er sogar Medikamente nehmen musste, wenn man sieht, wie er auf der Bühne herumspringt, post und die verrücktesten Grimassen schneidet.

Devin ist super gut gelaunt, sucht immer wieder Blickkontakt mit einzelnen Zuschauern, spricht diese auch direkt an, reißt Sprüche und hat ganz offenbar mächtig Bock darauf, endlich wieder auf der Bühne zu stehen – einen fannäheren Musiker (zumindest was solche angeht, die sich etwas mehr als nur lokaler Bekanntheit erfreuen) habe ich selten erleben dürfen. Mit seinen kultigen Ansagen allein könnte man den Bericht außerdem schon füllen. So bekräftigt er einmal, er liebe seine Fans und das Publikum in Hamburg, „except the guy in the background there – fuck you! – No just kidding, I like you, too“. Ein anderes Mal wiederum organisiert er sich von jemandem in einer der vorderen Reihen eine der beiden Krücken, auf die dieser Fan angewiesen ist, und fuchtelt grinsend damit herum, dann lässt er es sich nicht nehmen, mit laszivem Blick den Zeigefinger in den Mund zu stecken und anschließend über eine enthüllte Brustwarze fahren zu lassen, und einmal dreht er sich sogar mit dem Rücken zum Publikum, hält das Mikro an seinen Allerwertesten und lässt, auf diese Weise akustisch verstärkt, gepflegt einen fahren.

Aber ehe wir’s vergessen: Musik wurde übrigens auch gespielt. Der Fokus liegt auf dem aktuellen „Addicted“-Album sowie auf „Ziltoid The Omniscient“, die mit je drei Songs bedacht werden, ansonsten spielt man von den älteren Werken jeweils einen oder zwei Songs – das ruhigere „Ki“ hingegen findet keine Berücksichtigung (übrigens auch keine SYL-Stücke). Hätte wahrscheinlich auch nicht so richtig gepasst, denn auch wenn sich natürlich sanftere, entspannte Momente in den dargebotenen Stücken wiederfinden, bildet das ganze Konzert eine Einheit, die wie aus einem Guss kommt. Der Soundwall, den Townsend und seine Sidekicks kreieren, ist beeindruckend und wirkt wie eine lange, psychedelische Traumreise – man kann zu dieser Musik sowohl bangen und total abgehen, als auch einfach die Augen schließen und sich treiben lassen. Nur wenige Musiker sind in der Lage, ein solches Gefühl beim Hörer zu erzeugen – keine Frage, dass diese Art Songwriting und Arrangements mit Devins Synästhesie zusammenhängen müssen. Die Bilder auf den Leinwänden liefern die passende Optik zu diesem musikalischen Abenteuer.

Zwei Kritikpunkte müssen dann aber doch erlaubt sein: Das Schlagzeug ist über den gesamten Gig hinweg viel zu laut (auch wenn es gerade bei den „Ziltoid“-Stücken – hierbei handelt es sich um „By Your Command“, „Color Your World“ und „The Greys“ – schön ist, echte Drums zu hören, im Gegensatz zur Studioversion) und nächstes Mal sollten die Jungs sich außerdem mal einen Keyboarder ins Line-Up holen, da kommt ein bisschen zu viel vom Band.

Dennoch ein auf seine Weise einzigartiger Auftritt mit einem witzigen, supersympathischen und fannahen Devin Townsend, der in der „Pause“ (um eine wirkliche Pause handelt es sich de facto nicht, nur um die standardmäßigen paar Minuten Publikumsjubel kurz vor den Encores) in den Graben springt und jedem in der ersten Reihe die Hand gibt und kurz anschnackt – ein vorbildliches Verhalten völlig abseits jeglicher Rockstar-Klischees, da können sich viele Kollegen ein Beispiel dran nehmen. Der Kanadier setzt am Ende aber sogar noch einen drauf, als er für die letzte Zugabe fordert, dass die Leute jetzt bitteschön mal auf die Bühne kommen sollen. Nach einigem Zögern („...haben wir das richtig vernommen? Wir sollen auf die Bühne?!“) trauen sich schließlich eine Handvoll Fans und feiern zusammen mit dem Meister „Bend It Like Bender!“ (wohl einer der kultigsten Songtitel aller Zeiten) ab. Hierbei lässt dieser sich samt Gitarre sogar von einem Fan Huckepack nehmen. Einfach geil, was hier abgeht! Ein Konzert der etwas anderen Art, das nicht nur musikalisch überzeugt, sondern definitiv auch darüber hinaus großes Entertainment geboten hat.

Setlist (ohne Garantie für hundertprozentige Richtigkeit):

Addicted!
Supercrush!
Kingdom
Deadhead
Truth
OM
By Your Command
Life
Earth Day
Bad Devil
-------------------
Color Your World
The Greys
Deep Peace
-------------------
Bend It Like Bender!

Seite
  • 1
  • 2
comments powered by Disqus