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Devildriver, 36 Crazyfists, Breed 77, Vengince im Konzert (Karlsruhe, November 2010)

Ein kalifornischer Abend mit ordentlich Groove und einem überzeugenden Headliner

36 Crazyfists waren explosiv wie immer, spielten aber leider keine Zugabe; hier in der Kölner Essigfabrik

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36 Crazyfists

Ein bisschen fröstelt man in der Umbaupause in der zugigen Halle, aber so ein wenig frische Luft hat noch niemandem geschadet und ist um Längen angenehmer als der Körpergeruchs-Mief, dem man normalerweise auf Konzerten ausgesetzt ist. Als die Metalcore-Ausnahmemusiker 36 Crazyfists um halb neun endlich die Bühne entern, ist das Hallo natürlich groß und die Temperatur steigt gleich um ein paar Grad. Die Combo aus Alaska treibt ihren unvergleichlichen Stil seit inzwischen 17 Jahren auf die Spitze – noch auf der laufenden Tour konnte Geburtstag gefeiert werden - und auch auf ihrem neuen Album „Collisions And Castaways“ wird die Mischung aus Metalcore und epischen Melodien wieder perfekt verwurstet.

Völlig unerwartet wird auch gleich mit dem Opener der aktuellen Scheibe, „In The Midnights“, losgelegt und wie die Stimme von Sänger Brock losknallt, ist kaum zu fassen! Bei der letztjährigen Tour schwächelte der Sänger zeitweise ein klein wenig und musste von Gitarrist Steve Holt schreitechnisch unterstützt werden, aber heute scheint der Hüne im Holzfällerhemd guter Dinge zu sein.

Überhaupt ist die Band ordentlich motiviert, Steve post wie ein Weltmeister, obwohl er durch seinen Platz am Mikro einigermaßen logistisch festgelegt ist, Drummer T hat sich schon beim Soundcheck warm spielen können und drischt jetzt auf seine Felle ein, als gäbe es kein Morgen, und der für Buzzard ersatzmäßig rekrutierte Basser schwingt seine blonde Mähne, als hinge sein Leben davon ab. Lustig ist auch, mit anzusehen, wie der Tieftöner ganze Songs mit dem Rücken zum Publikum spielt und stattdessen lieber seinen Verstärker im Auge behält. Ob da kleptomanische Crewmitglieder ein Trauma losgetreten haben?

Spätestens bei „At The End Of August“ wird deutlich: Die Fists halten es wie letztes Jahr und feuern ihre energiegeladenen Songs mit doppelter Geschwindigkeit ins Publikum. Beim Mitsingen stört das ein wenig, aber so kann die Combo wenigstens sicher sein, dass vor der Bühne immer Bewegung herrscht. Und sie werden nicht enttäuscht: Da fliegen Arme, Beine, Haare und was man sonst noch so entbehren kann in trauter Einheit, es wird gemosht bis zum Gehtnichtmehr und die ersten Reihen verteilen ihre sterbende Kopfbehaarung auf der Bühne.

Ab dem Dauerbrenner „I’ll Go Until My Heart Stops“ scheint sich die Technik ein bisschen zickig zu gestalten – Brocks klarer Gesang in höheren Tonlagen ist kaum noch zu hören, also verlagert der Sänger die cleanen Vocals einfach um schlappe zwei Oktaven nach unten und brummt immer noch grinsend ins Mikro. Schön ist, dass hier nicht extra für technische Spielereien unterbrochen wird, zumal der Sound immer noch gut und der Text immer noch zu verstehen ist. Mit „Death Renames The Light“ und „Whitewater“ werden gegen Ende noch zwei Tracks der neuen Scheibe rausgehauen – Schade, denn danach ist auch schon Schluss und zwar ganz ohne Zugabe. Man hätte zumindest erwartet, dass die Jungs für das grandiose „Slit Wrist Theory“ noch einmal auf die Bühne kommen, aber die bleibt bis zur Ankunft von Devildriver leer.

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Devildriver

Wenn man schon das Gedrängel vor der Bühne bei den Fists als unangenehm empfunden hatte, dann ist das Warten auf den Auftritt von Devildriver die Hölle. Die ohnehin relativ kleine Halle füllt sich bis unters Dach mit hauptsächlich spät pubertierenden Jungs in passenden Bandshirts, die ihrer Freundin und/oder Angebeteten im Mosh zeigen wollen, wie hart sie eigentlich sind - auweia. Das kann ein Abend werden. Die Umbaupause gestaltet sich hier natürlich etwas länger, zumal ein monströses Banner angebracht werden muss. Da die Verfasserin dieses Berichts die Combo noch nie live gesehen hat, steigt die Spannung um ein Vielfaches, zumal Sänger Dez Fafara früher bei der Chaos-Combo Coal Chamber eine verdammt gute Figur abgegeben hat. Mal sehen, was der portugiesisch-italienische Schreihals heute reißen kann.

Um Viertel vor zehn gehen die Lichter aus und ohrenbetäubende Begeisterungsschreie machen sich im Substage breit. Die erste Gänsehaut kriecht die Arme und Beine hoch, erst recht, als Mr. Fafara himself nach seinen Kollegen die Bühne besteigt – ja, besteigt, denn sonderlich groß ist der Mann einfach nicht, da fallen die Schritte schon größer aus. Nach den kleinen Sound-Unstimmigkeiten zuvor, darf man nun doppelt gespannt sein, wie das Mikro mit Dez’ doch reichlich deftigem Gesangsstil klarkommt. Großartig ist die Stimmung schon beim Opener „I Could Care Less“, bei dem ordentlich in der Mottenkiste gekramt wurde, stammt der Track doch vom selbstbetitelten 2003er Erstling, und als dann auch noch der Überhit „Hold Back The Day“ folgt, gibt es kaum mehr ein Halten: Die Circlepits nehmen gar kein Ende, es wird gemosht bis zur Selbstaufgabe und wo es bei den vorherigen Bands noch still war, ist jetzt die Hölle los – die ersten Stagediver des Abends entern die Bretter, werden von Dez persönlich mit Handschlag begrüßt und allzu hartnäckige Zeitgenossen werden ebenso persönlich und mit breitem Grinsen des Sängers zurück in die Menge gefördert. Tatsächlich nimmt sich der Mann sogar die Zeit, jedem vorbeirauschenden Crowdsurfer rasch die Hand zu geben oder auf die Schulter zu klopfen – Respekt!

Überhaupt scheint der sonst eher als etwas zickig geltende Sänger bester Laune zu sein – sichtlich begeistert ist er vom Engagement seiner Jünger, nur die weniger bewegungsfreudigen Fans scheinen ihm auf die Nerven zu gehen; mehrfach hält er die „pussies holding their girlfriend’s hand or their fucking drink“ an, doch endlich den Mosh zu entern oder gleich die Halle zu verlassen („You can fucking go!“). Das nenne ich sizilianischen Charme. Nach drei oder vier Songs hat man zwar so ein bisschen das Gefühl, die Stimme würde langsam den Geist aufgeben, aber schon kurz darauf überrascht Dez bei „Clouds Over California“ wieder mit astreinem, wenn nicht sogar noch kraftvollerem Geschrei. Wahnsinn, was aus dem Mann so alles rauskommt!

Ersatz-Bassist Aaron Patrick, der als Tourmanager der Band tätig ist und früher bei Bury Your Dead am Tieftöner stand, füllt den Platz von Jon Miller, der wegen eines familiären Notfalls die Tour unterbrechen musste (wir berichteten) zwar musikalisch gut aus, passt aber mit seinen kurzen Haaren optisch so gar nicht ins Bild und hält sich während des gesamten Gigs in der sicheren Nähe von Drummer John Boecklin auf. Wer weiß, vielleicht hätte er von Herrn Fafara sonst eine vor den Latz geknallt bekommen. Der kleine Mann mit der großen Gestik und dem leicht irren Blick hat währenddessen die Fans komplett im Griff. Wo bei Breed 77 auch nach mehrmaligem Auffordern nur wenige Pommesgabeln auftauchten, schneiden hier beim geringsten Anzeichen des Meisters schon Hunderte Teufelshörner die Luft - was für ein Bild! Dez genießt die Aufmerksamkeit deutlich und macht einmal mehr klar, dass er ein wahrer Entertainer ist, auch wenn sein Sinn für Humor ein bisschen abstrus anmutet. Mit breitem Grinsen ruft er zum „Zombie-Circlepit“ auf: Das Publikum teilt sich wie bei einer Wall Of Death, nur statt wildem Geboxe wanken die Anwesenden nun gar gruselig aufeinander zu und starten einen Rundlauf, der sich erst langsam aufheizt. Die Band ist sichtlich begeistert und haut der tanzenden Meute „Before The Hangman’s Noose“ um die Ohren.

Man könnte meinen, die Leute hätten genug, aber weit gefehlt: Zu Band-Klassikern wie „Nothing’s Wrong?“ werden noch einmal alle Reserven mobilisiert, die Crowdsurfer fallen wie die Fliegen und auch bei „End Of The Line“ ist noch lange kein Ende in Sicht. Im Gegensatz zu den 36 CF kommen Devildriver nach einer ewig lang erscheinenden Pause noch einmal auf die Bühne zurück, um für „These Fighting Words“ vom Album „The Last Kind Words“ die komplette Bühne mit begeisterten Fans zu füllen, die mit ihrem Herrn und Meister headbangen dürfen. Aus der Empore sieht man nichts als fliegende Matten auf der Bühne und Menschengulasch davor - ein großartiges Bild und ein perfekter Abschluss für einen Abend mit zwei guten, wenn auch nicht richtig beachteten Vorbands, gut aufgelegten 36 Crazyfists, die ihr Set leider zu schnell beendeten und einem zu sarkastischen Scherzen aufgelegten Dez Fafara.

Setlist:

I Could Care Less

Hold Back The Day

Pray For Villains

Head On The Heartache (Let Them Rot)

Clouds Over California

Fate Stepped In

Before The Hangman’s Noose

Not All Who Wander Are Lost

It’s In The Cards

Nothing’s Wrong?

Impending Disaster

End Of The Line

Meet The Wretched

 

Guitar Solo

These Fighting Words

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