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Deep Purple, Gotthard im Konzert (Kiel, November 2008)

Deep Purple machen live immer noch Spaß
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Tja, der Kommerz macht nirgendwo halt. Als ich vor ungefähr zweieinhalb Jahren am selben Ort wie heute dieselbe Band wie heute erleben durfte, hieß das Gebäude noch „Ostseehalle“ – dieser hübsche Name jedoch musste mittlerweile der farblosen Bezeichnung „Sparkassen-Arena“ weichen.

Ansonsten jedoch hat sich nicht allzu viel verändert: Es ist immer noch faszinierend mit anzusehen, welch bunt gemischtes Publikum die lebende Legende zieht. Klar, es ist nicht zu übersehen, dass sich der Großteil der anwesenden Zuschauer jenseits der 50 befindet, aber es sind auch etliche junge Leute auszumachen und neben Altrockern auch Metaller in voller Montur mit Kutte und Nietenarmbändern, und sogar Punks.

Das letzte Album von Deep Purple, „Rapture Of The Deep“, kam zwar bereits vor drei Jahren heraus, aber das 40-jährige Bestehen der Band ist auch ohne neue Platte Anlass genug, eine Tournee zu starten. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen. Was für eine Setlist wird man spielen? Bekommen wir besonders viel altes Material zu hören?

Gotthard

Bevor jedoch diese Fragen beantwortet werden können, tritt erst einmal die Vorband Gotthard auf. Die Schweizer Hard Rocker sind stilistisch auf jeden Fall eine recht gute Wahl und auch mir nicht ganz unbekannt, wenngleich mir ihre Platten im Detail nicht wirklich geläufig sind.

Der Sound ist okay und das Sextett (man hat sich live mit einem Keyboarder verstärkt), weiß ganz gut Unterhaltung zu bieten; Stücke wie „Master Of Illusion“ vom aktuellen Album „Domino Effect“ oder auch „Mountain Mama“, „Top Of The World“ und der EM-Song „Lift U Up“ sind solider Hard Rock. Wenig spektakulär, auf Dauer etwas eindimensional, aber wie gesagt ganz unterhaltsam.

Zumindest herrscht reichlich Bewegung auf der Bühne: Sänger Steve Lee hat sämtliche Klischee-Posen im Gepäck und Gitarrist Leo Leoni (der ein bisschen wie Mat Sinner aussieht) offenbart akrobatische Fähigkeiten, indem er in bester Jimi-Hendrix-Manier seine Klampfe auch gerne mal auf dem Rücken spielt. Die Schweizer lassen nichts unversucht, das zurückhaltende Publikum zu animieren, bringen sogar solch peinliche Floskeln (um auf gaaanz toll elegante Art den Song „The Oscar Goes To You“ anzukündigen) wie: „Wenn es einen Oscar für das beste Publikum geben würde, ihr hättet ihn gewonnen.“ – Oh Mann, mal ganz was Originelles...

Deep Purple

Als dann Deep Purple nach erfreulicherweise relativ kurzer Umbauphase die Bühne entern, wird die Stimmung zwar etwas lebhafter, trotzdem haben meine beiden Begleiter/innen und ich den Eindruck, die einzigen zu sein, die einigermaßen abgehen, als die Briten mit „Pictures Of Home“ das Set eröffnen (witzigerweise der gleiche Opener wie damals, als ich 2006 hier war). Aber da eben wie erwähnt viele Fans jenseits der 50 sind, ist es natürlich verständlich, dass nicht gerade Riesenaction im Parkett ausbricht.

Dafür kann man seliges Lächeln in allen Augen ringsumher erkennen; kein Wunder, ist es doch immer wieder schön, die alten Klassiker wie „Into The Fire“, „Strange Kind Of Woman“ oder „Space Truckin’“ zu hören. Außerdem weiß man ja nie, wann es das letzte Mal ist, dass man diese Band live erleben darf – gerade, wenn man sieht, dass Ian Gillan inzwischen doch ganz schön zu kämpfen hat. Es wird jedes Jahr deutlicher, dass er mehr und mehr Probleme bekommt, die hohen Passagen bei „Strange Kind Of Woman“, „Knockin’ At Your Back Door“ oder „The Battle Rages On“ klingen manchmal ganz schön gepresst und zwischendurch ist der Gute ganz ordentlich außer Atem. Trotzdem ist und bleibt Gillan eine Legende, hat immer noch Charisma für drei und besitzt einen angeborenen Charme, der ihm auch mit über 60 Jahren noch anhaftet.

Die Band ist ansonsten auch sehr spielfreudig, liefert zum 40-Jährigen einen mehr als nur routinierten Gig ab und deckt wie erwartet sämtliche Phasen der Bandhistorie ab. An ihrer Energie (besonders Drummer Ian Paice beeindruckt ungemein) kann sich so manche junge Band eine Scheibe abschneiden.

„Things I Never Said“, ein Bonustrack aus der limitierten Auflage von „Rapture Of The Deep“, folgt auf den erwähnten Klassiker „Pictures Of Home“; danach bekommen wir mit „Into The Fire“ ganz altes Material von „In Rock“, dem ersten Album mit Roger Glover und Ian Gillan, zu hören, sowie „Strange Kind Of Woman“, in das in den Siebziger Jahren live immer ein Duett zwischen Ritchie Blackmore an der Gitarre und Ian Gillan am Mikro eingebaut wurde. Auch wenn Ians Stimme solche Spielchen nicht mehr mitmacht, handelt es sich dabei immer noch um einen herrlichen Abrock-Ohrwurm.

Bei den neueren Stücken „Rapture Of The Deep“ und „Kiss Tomorrow Goodbye“ wird es dann erwartungsgemäß wieder etwas verhaltener; erst als Ian Gillan das Instrumental „Contact Lost“ einem befreundeten, kürzlich verstorbenem Fotografen widmet, der Purple lange Zeit begleitete, gibt es Applaus, und als Steve Morse dann bei eben jenem Stück, sowie dem ohne Unterbrechung folgenden „Well-Dressed Guitar“ seine unglaublichen Fähigkeiten an der Gitarre präsentiert, brandet Jubel auf. Der Kerl hat aber auch Flitzefinger und eine Alternate-Picking-Technik, dass jedem anwesenden Amateur-Gitarristen die Augen übergehen...

Und weiter geht’s bunt gemischt: Mit „Knockin’ At Your Back Door“, dessen Titel bereits gewisse sexuelle Anspielungen suggeriert und dem mittels eines spektakulären Keyboard-Solos von Don Airey eingeleiteten, unverzichtbaren „Perfect Strangers“ gibt’s was aus den Achtzigern; mit der wunderschönen Ballade „Sometimes I Feel Like Screaming“, sowie dem kompromisslosen „The Battle Rages On“ Stoff aus den Neunzigern (letzteres stammt vom gleichnamigen Album, der letzten Platte mit Ritchie Blackmore); und mit dem Uralt-Instrumental „Wring That Neck“ sogar Material aus den Sechzigern, als die Band noch mehr eine Psychedelic-, denn eine Hard-Rock-Band war.

Gegen Ende erklingen dann die absolut unverzichtbaren Klassiker: „Space Truckin’“ (in den Siebzigern, garniert durch Fragmente aus „Fools“ und „Mandrake Root“ gerne mal über zwanzig Minuten lang), „Highway Star“ (das auch nach hundert Mal hören noch rockt wie Sau) und selbstverständlich „Smoke On Th Water“, bei dem alle, auch die älteren Herrschaften, aus voller Kehle mitsingen.

Als Zugaben hat man für die Fans dann noch das nicht tot zu kriegende „Hush“ (die allererste Single von 1968!) und „Black Night“ am Start, welches ebenfalls so gut wie nie in der Setlist von Deep Purple fehlt.

Nach gut eindreiviertel Stunden ist dann Schicht im Schacht. Deep Purple bringen immer noch eine Menge Spaß auf der Bühne, Ian Gillans leichte Defizite muss man verzeihen können: Eine Stimme nutzt sich im Laufe der Jahre im Gegensatz zu einer Gitarre, wo man einfach neue Saiten aufziehen kann, nun mal ab.

In der Setlist habe ich zwar „Speed King“ und „Woman From Tokyo“ etwas vermisst (von „Child In Time“ will ich gar nicht reden, das wird schon seit über zehn Jahren nicht mehr gespielt und wenn ihr euch mal die Purple-Live-Aufnahmen von 1993 anhört mit der letzten Performance dieses Songs, wisst ihr warum...), aber letztlich hat diese Ausnahmeband so viele Klassiker geschrieben, dass sie auch vier Stunden hätte spielen können und es wären noch nicht alle zufrieden gewesen.

Mit 105 Minuten kann man leben, ebenso mit dem Sound, auch wenn die Halle eigentlich ungeeignet ist für Konzerte. Die Akustik ist schlicht und einfach beschissen, aber das gilt im Prinzip für sämtliche Sporthallen, die allerdings nun mal als solche und nicht als Locations für Konzerte konzipiert wurden.

Unverschämt allerdings sind einmal mehr die Merchandise-Preise: Zehn Euro für ein Schweißband oder für signierte Drumsticks und 25 Steine für ein T-Shirt sind einfach eine Frechheit.

Also verzichten wir – wieder mal – leider auf T-Shirts, machen uns aber trotzdem zufrieden auf den Heimweg: Deep Purple – immer wieder gerne, so lange es noch geht...

Setlist:

Pictures Of Home
Things I Never Said
Into The Fire
Strange Kind Of Woman
Rapture Of The Deep
Kiss Tomorrow Goodbye
Contact Lost
The Well-Dressed Guitar
Knockin’ At Your Back Door
Sometimes I Feel Like Screaming
Wring That Neck
The Battle Rages On
Keyboard Solo
Perfect Strangers
Space Truckin’
Highway Star
Smoke On The Water
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Hush (incl. Drum solo)
Bass Solo
Black Night

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