Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Big Day Out 2007

Zum Thema

Es ist 11 Uhr vormittags, die brutzelnde Sonne der Ostküste Australiens fängt mit Leichtigkeit ihre ersten Sonnenbrandopfer, 50.000 Menschen drängen sich teils vor den Toren, zum Teil auf dem Festivalgelände und 77 Acts warten nur darauf, die acht Bühnen mit den unterschiedlichsten Sounds entern zu dürfen. Vom harten Metal über Techno und traditionellem Hip Hop ist auf dem größten Musikfestival im ozeanischen Raum so ziemlich alles vertreten. Die Meute ist wild und die Bands hungrig – ein zwölfstündiger Erlebnismarathon steht bevor: Herzlich Willkommen zum Big Day Out!

 

 

 

Und um das spezielle Big Day Out-Feeling auch nur halbwegs rüberbringen zu können, werde ich schlicht meinen großen Tag Stück für Stück beschreiben. Wem dieser persönlichere Stil eines Festivalberichtes nicht gefällt, dem sei gesagt, dass das bloße Beschreiben der einzelnen Auftritte nicht annährend die Atmosphäre des wohl aufregendsten Tages eines jeden Musikfreundes in Australien vermitteln könnte.

 

Nach einer überraschend ruhigen und langen Nacht in der Backpacker-Unterkunft mache ich mich gegen 9 Uhr auf den Weg zur ersten Australienstation der Festivalreihe, welche zwei Tage vorher im neuseeländischen Auckland residierte und in den folgenden Tagen noch in Sydney, Melbourne, Adelaide und Perth die Musikfreunde befriedigen sollte. Nach einem halbstündigen Marsch zum Festivalgelände und dem Wahrnehmen der Menschenmassen, welche überwiegend per Bus aus dem nahen Surfers Paradise, dem Mallorca Australiens, angekarrt wurden, erreicht die Vorfreude auf einen gesonderten Presseeingang den Höhepunkt. Vorbei an Autos, Dixiklos, Schildern, die jeglisches Über-den-Zaun-Klettern verbieten, und den enormen Schlangen vor den vier Eingängen bahne ich mir meinen Weg zu einem kleinen Häuschen, ausgeschildert als Gäste-, Musiker- und Presseeingang. Kurzen Gesprächen mit den anderen Wartenden folgt das Empfangen der ersten Promo-CD des Tages. Ein Member der Brisbane Ska-Band Dead Riot, der einen Gästelistenplatz beim nationalen Kultradiosender Triple J gewonnen hatte, überreicht mir ebenjene kurz bevor gegen 10 Uhr die Tore geöffnet und damit der Startschuss zum ultimativen Musikmarathon gegeben wird. Also schnell das Presse- und Barbändchen geholt, welche den Zugang zu einer gesonderten Bar inklusive Toiletten und Essenstand gewähren. Wie gut diese nicht überfüllte Einrichtung mit ihren Bänken, Ventilatoren und Fernsehern, die das Treiben auf den zwei Hauptbühnen zeigen, sind, sollte sich später noch herausstellen. Jetzt ist es ersteinmal daran, das Festivalgelände mit seinen acht Bühnen, Merchandiseständen, Fressbuden, Bars, Fahrgeschäften, Promotionständen und allerlei unterhaltsamen Sachen zu erkunden. Zu letzterem gehört eindeutig Lilyworld, das neben einer Bühne auch noch einige merkwürdige und unbeschreibliche Kunstinstallationen vorzuweisen hat.

 

Nun war es aber an der Zeit, sich zu den zwei Hauptbühnen zu begeben, welche direkt nebeneinander gelegen einen reibungslosen Ablauf und genug Umbauzeit für die Bands garantieren sollen. Mit einem fünfzehnminütigen Aufwärmset versucht Afra & Incredible Beatbox Band die Menge auf die erste richtige Band heiß zu machen. Den Nerv des Publikums trifft das Trio beim Performen des größten Hits der letztjährigen Big Day Out-Headliner The White Stripes. “Seven Nation Army” animiert zum Mitmachen – Mission erfüllt.

 

Viertel nach 11 entern Sick Puppies die benachbarte Bühne. Ob nun das “Free Hugs”-Video ihren Song “All The Same” bekannt gemacht hat oder umgekehrt, ist nicht ganz klar. Aber mehr als sechs Millionen Hits dieses Musikvideos bei YouTube und diverse Shirts mit den Aufschriften “Free Hugs” und “Hugs Not Drugs” sprechen eine deutliche Sprache. Diese junge, dreiköpfige Combo ist sichtlich stolz, das inoffizielle Motto des diesjährigen Big Day Outs mitgeschaffen zu haben. Leider hilft das nicht über musiktechnische Schwächen hinweg. Was auf Platte mit mehreren Spuren wunderbar funktioniert, klappt live nicht ganz. Das Instrument der äußerst attraktiven Bassspielerin lauter zu drehen kann keine zweite Gitarre ersetzen. Sichtlich Spaß ihren Rock, der mich stilistisch an 12 Stones erinnert, herunterzuzocken haben die drei jedenfalls und spielen neben ihren Hits “All The Same” und “My World” auch noch eine verrockte Version des R’n’B-Klassikers “Say My Name”, welches bei den Zuschauern anerkennendes Gelächter hervorruft. Das Publikum will sich von der Agilität des Sängers nicht so ganz anstecken lassen und beschränkt sich auf leichtes Kopfnicken und gelegentliches Hüpfen.

 

12 Uhr – Lunchtime. Aber wer braucht schon Essen, wenn man die Möglichkeit hat, sich einen vielversprechenden Newcomer auf der Bühne für die lokalen Brisbane/Gold Coast-Bands anzusehen? Während ich mich also durch die Menschen von den Hauptbühnen wegdrängle, bekomme ich noch zwei Songs der Spazzys mit, welche am ehesten wohl als eine weibliche Version von The Offspring zu beschreiben wären. Ich erreiche etwas verspätet die kleinste der Bühnen und frage mich, ob ich nicht bei einer Indie Rock-Band gelandet bin. Zum Glück habe ich mich vom Outfit nicht abschrecken lassen und genieße eine extrem kraftvolle Show von Bowser. Musikalisch springen sie irgendwo zwischen System Of A Down und der Verrücktheit eines Mike Patton umher, somit nicht leicht zugänglich aber mit einer ungeheuren Menge an Groove und Professionalität. Diese Brisbane-Band sollte man unbedingt im Auge behalten, auch wenn fast nur der enge Fankreis für Stimmung vor der Bühne gesorgt hat. Diese Fans werden aber gut mit Kühlung versorgt, da nahe der Lokalbühne eine interessante Wassersprühinstallation zwischen den Bäumen angebracht ist. An den anderen Bühnen ist der Versuch, die Leute mit Wasser kühl zu halten, ein wenig schwieriger, aber doch sind die engagierten Leute mit Wassertank auf dem Rücken und Schlauch in der Hand gut organisiert.

 

Ich setze meine Reise durch die strömenden Mengen fort, um zeitig im als “Hot House” angekündigten Partyzelt zu sein. Auf dem Weg begegnen mir so einige Exemplare der Marken “D-Körbchen im Bikini” und “knackiger Waschbrettbauch”, es gibt also auch für jeden abseits der Bühnen etwas zu sehen. Im Zelt, welches glücklicherweise (noch) nicht überfüllt ist, baut That 1 Guy gerade sein Instrument auf, er nennt es “The Magic Pipe”. Und tatsächlich kommt es Zauberei nah, was der Herr mit dem Hut und den exorbitant großen Kotletten aus diesem merkwürdigen Gebilde für Töne zaubern kann. Bestückt mit nur einer Saite eröffnet die Röhre noch allerhand Percussionsmöglichkeiten. Ab und an werden Sounds geloopt und auch der Schuh des Musikers wird als Trommel benutzt, um Teil in diesem ganz und gar unglaublichen Soundgebilde zu sein. Titel wie “It’s Raining Meat” erschrecken schon gar nicht mehr, sondern die Menge tanzt ausgelassen zu dieser frischen beatorientierten Musik, welche mal funkig, mal progressiv daherkommt. Wer immer noch keine Vorstellung davon hat, wie das klingen könnte, sollte schnellstens sein Album “Songs In The Key Of Beotch” anchecken.

 

Laut Running Order bleiben mir 15 Minuten zwuschen dem Auftritt von That 1 Guy und den Metallern von Trivium. Eine gute Möglichkeit also um der ausgetrockneten Kehle einen Gefallen zu tun. Dass sich der Weg zur Bar durch lästiges Gutscheinkaufen schwieriger gestaltet als angenommen, endet mit dem Zuspätkommen zu Trivium auf der Converse Essential Stage. Der erste mir durch den Kopf schießende Gedanke ist “die waren aber auch schon mal härter”. Hatte ich sie 2005 als Arch Enemy-Toursupport schon einmal im Berliner Columbiaclub gesehen, haben sie zwar an einem differenzierteren und eingängigeren Sound gewonnen, doch deutlich Härte und Aggressivität eingebüßt. Den Anwesenden hat der allererste Australienauftritt der Amerikaner sichtlich gefallen. Tausende Pommesgabeln strecken sich gen Zeltdecke und ein lebhafter Moshpit ist vor der Bühne zu finden. Für den von der Band gewünschten Circle Pit lassen sich allerdings nicht genug Verrückte finden. Die Tatsache, dass sie auf eine harte Weise versuchen Metallica zu kopieren statt sich ihren vielversprechenden Modern Metal/Metalcore-Anfängen zu widmen, ist wohl mit ein Grund, dass kaum ein Zuschauer den Sinn für einen Circle Pit sieht.

 

 

 

Dass die Kombination wenig Flüssigkeit, extreme Hitze und exzessives Headbangen nicht wirklich das Gelbe vom Ei ist, erfahre ich während der Wanderung vom Trivium-Gig zum Boiler Room, der im Grunde das Acid-Zelt ist. Entgegen der sonst beherbergten Elektromusik soll das britische Popsternchen mit der schönen Stimme und den grausamen Texten die Bühne entern. Die Rede ist von Lily Allen. Dummerweise zwingt mein Körper mich nach oben beschriebenen Strapazen dazu, ersteinmal mit einem Fish-Burger Energie zu tanken. Auf einem Hügel vor dem Boiler Room sitzend und meinen Burger essend, stelle ich zwei essentielle Dinge fest: Erstens, die Zelte erfüllen ihren Zweck, außerhalb hört man nur leisen Soundbrei. Zweitens, Lily Allen hat mit ihren drei Singles “Smile”, “LDN” und “Alfie” eine Menge Anhänger gefunden, ein Durchdringen der Menschenmassen ist nahezu unmöglich. Immer noch angeschlagen mache ich mich auf den Weg ans andere Ende des Geländes, um dort in der wunderbar ausgestatteten Gästebar zu verweilen und ein wenig Wasser zu tanken, um den in dreißig Minuten folgenden Auftritt der gefeierten Emohelden My Chemical Romance wieder genießen zu können. Währenddessen höre ich einen sehr basslastigen Soundmatsch, der wohl von Scribe auf einer der Hauptbühnen stamen muss.

 

Sind bisher alle von mir gesehenen Bands mit einem für Festivals erstaunlich guten Sound bedacht worden, merke ich bei den Popstars von My Chemical Romance nach dem ersten Song, dass der Mixer wohl auch schon einen kleinen Sonnenstich hat. Aber dass ich die meisten Songs nur anhanddessen, was der Herr mit den mittlerweile wieder schwarzen Haaren ins Mikro brüllt, erkenne, spricht auch nicht unbedingt für die Livequalitäten der Band. Die Emos, die sich trotz Presenz von “Emo Police”- und “Australia Against Emos”-Shirts nicht haben abschrecken lassen, hüpfen und moshen fröhlich in ihren MCR-Shirts und schwarz-rot gestreiften Kniestrümpfen durch die Gegend. My Chemical Romance-Shirtträger stellen nach Trivium- und der Übermacht an Tool-Shirts die drittgrößte erkennbare Gruppe da. Emo ist Pop, definitiv. Dies macht sich bemerkbar, wenn so ziemlich jeder Durchschnittsradiohörer bei “Welcome To The Black Parade” den Refrain mitgröhlt. So gut die CDs auch sein mögen, live sind die Jungs ein klarer Reinfall.

 

Da sich der Körper immer noch von der Dummheit früher am Tag angegriffen fühlt, harre ich etwa das letzte Drittel des Gigs im sonnengeschützten Pressebereich aus, um mir dann nach einer halben Stunde dort den Weg in den eingezäunten Bereich vor der Bühne zu bahnen, damit ich noch einen guten Platz für das folgende John Butler Trio erwische. Ebenjener Zaun ist zur Sicherheit, da vor einigen Jahren eine Person im Moshpit gestorben ist. Also teilt man die Menge auf und lässt etwa ein- bis zweitausend Besucher in den limitierten Platz direkt vor den Bühnen. Eskimo Joe liefert eine souveräne Show und zum Ende des Sets auch den Song ab, auf den alle gewartet haben. “Black Fingernails, Red Wine” gewann im letzten Jahr einen ARIA-Award, den wichtigsten Preis in der australischen Musikbranche, und die Menschen toben. Obwohl es einfach nur softer Rock mit schönen Melodien ist, sind die Aussies ganz aus dem Häuschen. Während des letzten Liedes werden die Instrumente vom John Butler Trio auf die Nachbarbühne gebracht: Schlagzeug, Kontrabass und allerhand Saiteninstrumente, worunter sich auch eine zwölfsaitige Akustikgitarre befindet. Nicht wirklich verwunderlich ist das große Plakat “Yes to a nuclear free Australia” an der hinteren Bühnenwand, ist der Multiinstrumentalist und Sänger John Butler doch hinreichend für sein Engagement in Sachen Naturschutz bekannt. Nun tritt auch ebenjener dreadgelockte Mastermind auf die Bühne und alles jubelt in Erwartung auf ein tanzbares Konzert voll von Funk, Roots und Saitenspielerei. Die Anhänger sollen nicht enttäuscht werden und die Band fängt mit dem 2004er Hit “Something’s Gotta Give” an. Gefolgt vom Opener “Treat Yo Mama” des Erfolgsalbums “Sunrise Over Sea” verwandelt er den abgesperrten Bereich vor der Bühne in ein einziges Fest voll von tanzenden Hippies und welchen, die es werden wollen. Dass Herr Butler das ganze Programm im Sitzen spielt, tut der Stimmung keinen Abbruch. Hits wie “Zebra” und die neue, famose Single “Funky Tonight” werden frenetisch gefeiert, während von der Bühne Ansagen kommen, unbedingt später im Jahr wählen zu gehen, um gegen die Atomkraftwerkpläne John Howards stimmen zu können. Des Tanzens wegen schwitzend und eine Sitzmöglichkeit suchend bin ich mit der souveränen Leistung des John Butler Trios vollends zufrieden und erwarte sehnsüchtig das bald erscheinende Album, von welchem auch ein Song mit einer Reggae/Roots-Basis im Liveset war.

 

 

 

Ohne große Verschnaufpause kehre ich den Hauptbühnen den Rücken zu und versuche irgendwie einen Weg den Hügel hinauf zur Bühne mit den Lokalbands zu finden. Mittlerweile ist es 6 Uhr nachmittags. Dass sich dieses Unterfangen schwieriger gestaltet als angenommen, zeigt das gezwungende Anhören zweier Songs von The Killers, welche direct nach dem John Butler Trio die Hauptbühnen bearbeiten. Unter diesen zwei Liedern befindet sich auch die schon fast totgespielte Radiosingle “Somebody Told Me”, zu dem alles, was nicht gerade alkoholbedingt aufnahmeunfähig ist, zu tanzen und mitzusingen scheint. Dankbar bemerke ich den ausbleibenden Besucheransturm an der Lokalbühne, welche Repeat Offender einige Minuten eher enterte. Kaum eines der Emokids vom frühen Nachmittag ist vor der Bühne zu finden. Traurig in Anbetracht der Tatsache, dass hier gerade die besseren My Chemical Romance auf der Bühne stehen. Die Brissy-Boys lassen die Amerikaner mit kreativen Melodieläufen, ehrlichen Softiepassagen und kontrollierten Aggressionssausbrüchen ziemlich alt aussehen. Einzig an Tempo mangelt es einigen Songs, was aber auch durch den Einsatz von drei Sängern, von denen zwei noch Instrumente zu bedienen haben, begründet sein könnte. Nach dem Gig werden promotechnisch noch kostenlose Silberlinge verteilt, von denen ich mir selbstverständlich gleich einen sichere.

 

Bei einem kurzen Rundgang über das restliche Festivalgelände stelle ich fest, dass weder Something For Kate, noch Snowman groß Beachtung geschenkt wird. Alles scheint sich auf die zwei Hauptbühnen zu konzentrieren. Mangels Durchhaltevermögen tue ich es dem Mob gleich und will in der Bararea ein wenig ausruhen - der Anblick des Meeres aus Haaren und Strohhüten verdirbt mir die Lust, sich dort hindurchzudrängeln und so verfolge Ich aus einiger Entfernung mit erstaunlich gutem Sound den Auftritt von Jet. Diese australischen Retro-Rocker sind in Deutschland vorrangig für den Hit “Are You Gonna Be My Girl” bekannt, welcher einige Zeit auch für die Vodafone-TV-Werbung herhalten musste. Da die Jungs wissen, was ihre Fans wollen, spielen sie eine Extended Version des genannten Songs, die es auf bestimmt sieben oder acht Minuten bringt. Der Rest des Programms wird zwar routiniert heruntergezockt und dem Publikum scheint dieser Sonnenuntergangssoundtrack auch zu gefallen, aber für mich hört sich das alles zu gleichförmig und wenig mitreißend an. Der Gedanke “besser spät als nie” schießt während der letzten Songs von Jet durch den Kopf und ich starte eine Odyssee durch einen Ozean voller stolzer Australier, von denen viele des in wenigen Tagem stattfindenden Australia Days wegen australische Flaggen oder Shirts mit dem Southern Cross tragen, um mir noch einen halbwegs guten Platz für den Auftritt der phänomenalen Tool sichern zu können.

 

Den Weg zur Bar ist überwunden und der damit verbundene Wasservorrat ist gesichert. Ich schiebe mich während des Auftrittes von Muse immer tiefer in den Hexenkessel, vorbei an Unmengen von verschwitzten Oberkörpern immer mittiger zur Bühne. An einem bestimmten Punkt gibt es kein Durchkommen mehr und so mache ich es mir etwa 30 Grad links von der Bühne und etwa zehn Reihen hinter dem speziell abgetrennten Bereich gemütlich. Umgeben von Tool-Fanatikern, die von Minute zu Minute aufgeregter werden, lausche ich den Klängen von Muse und frage mich, warum ich das vorher noch nie ausgiebig getan hatte. Mir ist die Rockcombo als Weichspülermusik im Gedächtnis, was sich als fataler Irrglaube entpuppt; Muse rocken. Und das tun sie nicht nur plump, sondern progressiv, experimentell und mit einer Nase für Spannungsbögen. Leider wissen viele diesen wirklich interessanten Auftritt inklusive gut arrangierter Lightshow und großartigen Feuerfontänen nicht zu schätzen und starten stattdessen lieber Sprechchöre für die folgende Band, welcher zu der Zeit gerade die Videoleinwände angepasst werden.

 

So klischeehaft es sich anhören mag, aber schon während der kurzen Pause zwischen Muse und Tool liegt ein stark an Marihuana erinnernder Geruch in der Luft. Doch dann geht das Licht aus und Musiker betreten die Bühne, als letztes erscheint der wortkarge aber omnipräsente Maynard und los geht die Reise ins Wunderland. Nach den ersten Gitarrenanschlägen höre ich kaum noch die Musik, geschweige denn den Gesang Maynards, der der mit frischem Mohawk auf der Bühne zwischen und nicht wie bei vielen anderen Bands vor den Instrumentalisten steht. Alles um mich herum singt, hüpft und mosht. Ganz ohne Drogen falle auch ich in einen tranceähnlichen Zustand und folge dem Dargebotenen. Dass solch eine Show einen audivisuellen Orgasmus hervorrufen kann, hätte ich nicht gedacht, aber der lebende Beweis springt und tanzt ekstatisch, fast schon rituell, mit etwa 30 Jahren und blonden Dreads vor mir herum. Keine Zeile, die er nicht kennt, und keine Basslinie, die nicht schon fest im Herzen eingebrannt ist. Klar dass Songs wie “Schism”, “Lateralus”, “Opiate” und “The Pot” mit zum Besten gehören, was die heutige Alternativmusiklandschaft zu bieten hat, aber solch eine Hingabe eines Fans zur Musik habe ich noch nicht erlebt. Unterstützt werden diese Songs und viele andere vom 2006er Album “10,000 Days” durch die drei Videoleinwände und die Lasershow. Ein Tool-Auftritt ist ein Fest für alle Sinne. Man hört das kontrollierte Chaos, man sieht Licht und Laser, man schmeckt das Salz des eigenen Schweißes, man riecht den unverwechselbaren Duft von Pot und fühlen tut man ganz einfach die Dichte des Moments. Und selbst, wenn einige Besucher nicht alle Sinne haben befriedigen können, so haben sie doch letzteren Punkt auf jeden Fall spüren können, denn die Atmosphäre ließ niemanden kalt.

 

Tool verlassen nach einer etwa neunzigminütigen Show um zehn Uhr die Bühne. Nach einer Zugabe wird nicht verlangt, nach diesem finalen Spektakel ist der gemeine Festivalbesucher so erschöpft, dass das heimische Bett dem Paradies gleichkommt. Obwohl noch einige DJs dem Boiler Room zweckmäßig zum Kochen bringen, entscheidet sich der Großteil der Besucher den kostenlosen Bustransfer nach Surfers Paradise oder Brisbane in Anspruch zu nehmen oder wie ich den Heimweg zu Fuß anzutreten und hinterlässt auf dem Festivalgelände ein Schlachtfeld sondergleichen. Vorrangig Getränkedosen und Wasserflaschen aber auch Strohhüte sind zurückgelassen worden. Immer noch in Trance und eine John Butler Trio-Single reicher schaffe ich den Marsch in 20 Minuten, falle ohne größere Unannehmlichkeiten in mein Bett und freue mich auf den folgenden Sonnenbrand.

 

 

 

Das war ein Big fuckin’ Day Out. Zwölf Bands in elf Stunden auf dem größten Event, dass der ozeanische Raum in Sachen Musik zu bieten hat. Es ist ein tolles Gefühl, Besucher dieses super organisierten Festivals gewesen zu sein. Mehr als die Hälfte der von mir gesehenen Bands stammt aus Australien und die Fans auf diesem wunderbaren Kontinent wissen definitiv wie man Musik und viel Spaß verbindet.

Zu meinen persönlichen Highlights an diesem Tag zählen Bowser, That 1 Guy, John Butler Trio und Tool.

comments powered by Disqus