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Ayreon im Konzert (Rotterdam, September 2015)

Grandiose Theater-Adaption von „The Human Equation“

Nach der Show versammelten sich sämtliche Mitwirkende, um sich den verdienten Applaus abzuholen.

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Für viele Ayreon-Fans gilt „The Human Equation“ aus dem Jahre 2004 wohl als das beste und schlüssigste, weil songschreiberisch stärkstes und von der Storyline am einfachsten nachvollziehbares Album. Die Idee, dass ein Mann nach einem Autounfall ins Koma fällt und dabei von seinen Emotionen (dargestellt von verschiedenen, sorgsam passend ausgewählten Sängern) und seiner Vergangenheit heimgesucht wird, ist ebenso simpel wie genial. Ursprünglich sollte „The Theater Equation“, wie man das Projekt passend nannte, ein von Fans gemachtes Unterfangen werden, da aber viele der Originalsänger Interesse bekundeten, entschied man sich, das Ganze professionell aufzuziehen, sodass am Ende drei Aufführungstage mit vier Konzerten vom 18. bis zum 20. September im modernen, eleganten Nieuwe Luxor in Rotterdam, das für etwa 1000 Besucher Platz findet, zu Buche standen.

Arjen Anthony Lucassen, der kreative Kopf hinter Ayreon, weigerte sich stets konsequent, live aufzutreten, sodass er auch hier nicht die Rolle des „Best Friend“ verkörpert – diese Rolle gibt Jermain van der Bogt, der sonst vor allem im Hip-Hop-Bereich zu Hause ist (!). Leider mussten aus Zeitgründen auch Opeth-Boss Mikael Åkerfeldt („Fear“) und Devin Townsend („Rage“) ihre Teilnahme absagen, während Ex-Shadow Gallery-Fronter Mike Baker, auf dem Album der Vater, bekanntlich bedauerlicherweise 2008 im Alter von nur 45 Jahren verstarb. Für „Fear“ holte Lucassen daher mit seiner Lieblingssängerin Anneke van Giersbergen interessanterweise eine Frau für jene Rolle ins Boot, während Mike Mills (auf der letzten Ayreon-Scheibe „The Theory Of Everything“ witzigerweise ebenfalls als Vater vertreten) nicht nur sowohl den Vater als auch „Rage“ übernimmt, sondern außerdem die Growl-Parts von „Fear“ zum Besten gibt.

Von den Instrumentalisten sind mit Ayreon-Dauerdrummer Ed Warby (hauptsächlich Schlagwerker bei Hail Of Bullets und früher Gorefest) und Holzbläser Jeroen Goossens zwei Originalmusiker dabei – für die Saitenfraktion und die Keyboards zeichnete, bis auf ein paar Gastsoli, hier ohnehin ausschließlich Lucassen verantwortlich. Natürlich wurde auch in diesem Bereich für hervorragenden Ersatz gesorgt, was genauso für die Position von Violine (fantastisch: Ben Mathot) und Cello gilt. Ein Chor, augenzwinkernd „Epic Rock Choir“ getauft, sorgt zudem für zusätzliche Vocal-Power.

Da es sich schon dem Titel nach um eine Theateraufführung handelt, wenn auch komplett gesungen und mit Musik unterlegt, war klar, dass die Angelegenheit für die Zuschauer mit Sitzplätzen verbunden sein würde. Wie zu erwarten war, sind die Vorstellungen allesamt ausverkauft – zu solch einem speziellen Event sind dementsprechend auch Menschen aus aller Herren Länder angereist, wie man anhand verschiedenster gesprochener Sprachen unschwer erkennen kann. Die Anreise aus Hamburg ist im Vergleich zu Fans, die beispielsweise extra aus Mexiko hergeflogen sind, noch geradezu ein Klacks. Auch in Sachen Alter und Szenezugehörigkeit ist das Publikum bunt gemischt.

Bereits nach wenigen Tönen wird klar, dass sich der Trip in jedem Fall gelohnt hat: Perfekt ausbalancierter Sound in genau richtig angemessener Lautstärke, eine tolle Akustik und eine Sängerriege in absoluter Topform. Etwaige Bedenken, die Vokalakrobaten könnten Schwierigkeiten mit der Dynamik bekommen, da sie alle ein Headsetmikrofon tragen, um sich freier bewegen zu können, werden von Beginn an weggefegt. Die Bühne ist mit einem zerbeulten Mercedes, dem Grund für das Koma der Hauptfigur, in der Mitte im Vordergrund ausgestattet, während auf einer höheren Ebene ein Krankenhausbett platziert wurde, verbunden sind die beiden Plattformen mit mehreren Treppen. An den Seiten steht außerdem jeweils ein Tisch mit ein paar Stühlen, an dem sich Nebenhandlungen aus der Vergangenheit von „Me“ zutragen, wie beispielsweise seine Büroarbeit, wegen der er seine Frau vernachlässigte. Ganz hinten, aber immer noch gut sichtbar, agieren Chor und Instrumentalfraktion.

Dass die Protagonisten alle keine ausgebildeten Schauspieler sind, zeigt sich naturgemäß, aber sie geben ihr Bestes und sind stimmlich so überzeugend, dass dies überhaupt nicht ins Gewicht fällt. Insbesondere Marcela Bovio als „Wife“ zeigt eine überragende Leistung, bei der einem ein Gänsehautschauer nach dem anderen über den Rücken jagt. Heather Findlay als „Love“ und Irene Jansen als „Passion“ stehen dem jedoch in kaum etwas nach und Anneke van Giersbergen als „Fear“ ist mit ihrer glockenhellen Stimme zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, war man mit Åkerfeldt von der Platte her doch einen männlichen Sänger gewohnt, aber die Ex-The Gathering-Chanteuse meistert ihre Aufgabe letztlich doch souverän.

Bei den Männern tut sich vor allem Magnus Ekwall als „Pride“ mit unglaublicher Power hervor, James LaBrie als „Me“ und Devon Graves als „Agony“ zeigen sich solide, während Eric Clayton mit seiner edlen Stimme nach wie vor eine wahrlich passende Wahl als „Reason“ darstellt, manchmal in der Tiefe allerdings etwas unverständlich agiert. Mike Mills wiederum darf wie erwähnt gleich in einer Doppelrolle als „Rage“ und „Father“ ran. Einen Devin Townsend kann man wie auch einen Mikael Åkerfeldt zwar nicht einfach so ersetzen, aber Mills hat sichtlich Spaß an seiner Rolle und interpretiert „Loser“ in sehr eigener Variante. Man darf das gerne Over-acting und Deklamieren nennen, doch der Unterhaltungswert ist zweifellos enorm hoch.

Apropos Interpretation: Einige Parts werden öfter als auf der Platte wiederholt, so bekommt auch der Arzt ein paar Gesangslinien, die Mutter des Hauptcharakters tritt als gebrochene Frau auf, und der Chor zeigt sich zweimal am Bühnenrand und trägt aufwendig arrangierte Kanon-artige Passagen vor, die das Publikum zurecht mit großem Extraapplaus honoriert. Überhaupt scheinen die Zuschauer wie gebannt und hören artig zu – wobei allein durch die Sitzplätze logischerweise eine gänzlich andere Atmosphäre als bei einem konventionellen Rockkonzert herrscht –, klatschen und johlen aber zwischen den Songs enthusiastisch. Besonders das bereits genannte „Loser“ kommt sehr gut an und wird frenetisch bejubelt.

Eine etwa zwanzigminütige Pause zwischen den beiden Akten erhöht noch das Theater-Feeling und schon hier ist zu spüren, wie begeistert die Leute von der Umsetzung und der Aufführung an sich sind. Den größten Applaus kriegt wenig verwunderlich Arjen Lucassen selbst ab, der sich nach dem Finale doch noch einmal kurz seinen Fans zeigt, indem er aus dem extra auf der Bühne platzierten, zunächst verdeckten „Dream Sequencer“ steigt. Und dass am Merchandisestand 30 Euro teure T-Shirts und Programmhefte für 15 Euro (!) weggehen wie warme Semmeln, sagt eigentlich alles. „The Theater Equation“ dürfte ein voller Erfolg gewesen sein und es kann eigentlich niemand unzufrieden nach Hause gehen. Nun kann man nur noch hoffen, dass bald eine DVD/Blu-ray-Aufzeichnung des Ganzen herauskommt.
 
Setlist:

Act I:
Day One: Vigil
Overture
Day Two: Isolation
Day Three: Pain
Day Four: Mystery
Day Five: Voices
Pain II
Day Six: Childhood
Day Seven: Hope
Day Eight: School
Childhood II
Day Nine: Playground
Day Ten: Memories
Pain III
Day Eleven: Love

----Intermission----

Act II:
Overture II
Day Twelve: Trauma
Day Thirteen: Sign
Day Fourteen: Pride
Vigil II
Day Fifteen: Betrayal
School II
Day Sixteen: Loser
Day Seventeen: Accident?
Pain IV
Day Eighteen: Realization
Trauma II
Day Nineteen: Disclosure
Day Twenty: Confrontation
Finale

PS: Sorry vielmals für die schlechte Bildqualität, aber eine vernünftige Kamera stand mir leider nicht zur Verfügung, außerdem musste ich vom Rang aus fotografieren.

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