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Avantasia im Konzert (Hamburg, April 2019)

Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann

„Höha, schnella, weita“ – das war 1996 ein Song der Hip-Hop-Band Rödelheim Hartreim Projekt, falls sich jemand daran erinnern sollte. Dieses Motto scheint auch für Avantasia zu gelten, sprach Tobias Sammet doch im Vorfeld bereits davon, dass die „Moonglow“-Welttour die „größte Show, die Avantasia je auf die Bühne gebracht haben“ auffahren würde. Angekündigt war sie bereits im Mai des letzten Jahres; schon da war Tobi von dem Material so überzeugt wie noch nie und bezeichnete das achte Album des Allstar-Projekts als das „aufwendigste meiner Karriere“.

Aber sein Instinkt trog ihn anscheinend nicht, landete „Moonglow“ doch auf Platz 1 der deutschen Albumcharts und wurde von Presse und Fans gleichermaßen abgefeiert. Der Erfolg der ursprünglich als kleines Just-for-fun-Nebenprojekt geplanten Band sucht seinesgleichen, ist aber aufgrund harter Arbeit auch absolut verdient. Die Hallen, in denen Sammet mit seiner Entourage auftritt, werden dementsprechend immer größer – in Hamburg ist es daher nun auch das Mehr! Theater, denn die Markthalle zum Beispiel verfügt längst nicht mehr über ausreichende Kapazitäten. Auf eine Vorband wird verzichtet, denn man darf sich auf eine über drei Stunden lange Show gefasst machen, so wie es Avantasia die letzten Male ebenfalls handhabten.

Mit leichter Verspätung um kurz nach acht Uhr geht es endlich los, Beethovens „Ode an die Freude“ aus seiner neunten Symphonie tönt aus den Boxen, bevor „Ghost In The Moon“ ein furioses Konzert einleitet. Die Bühne ist stilvoll dekoriert mit Scherenschnitt-artigen Aufstellern und Laternen, während auf der Leinwand im Hintergrund abwechselnd zum jeweiligen Song passende Bilder eingeblendet werden. Hinten befindet sich außerdem ein Podest, auf dem sich zumeist die drei Backing-Sänger/innen Adrienne Cowan, Ina Morgan und Herbie Langhans positionieren, das aber auch über einen Aufgang verfügt, von dem aus die Gast-Leadsänger sehr wirkungsvoll wie Phönix aus der Asche bei ihren jeweiligen Beiträgen emporsteigen.

Hiervon sind im Übrigen fünf auf der Tour mit dabei – Ex-Queensrÿche-Fronter Geoff Tate, Mr. Big-Sänger Eric Martin, Ronnie Atkins von den Pretty Maids, Bob Catley von Magnum („mein Lieblings-Brite“, wie Tobi Sammet später zu Protokoll gibt) und – natürlich, möchte man fast sagen – der einzigartige Jørn Lande. Michael Kiske ist diesmal nicht dabei, tatsächlich beinhaltet das Set gefühlt aber auch eher weniger typische Uptempo-Nummern im Stile von Helloween. Ansonsten hilft hier Gitarrist Oliver Hartmann aus, der sich dabei sehr achtbar schlägt.

Trotzdem kündigt Sammet, nachdem er den Opener noch allein bestreitet und gleich zeigt, dass er gesanglich gut in Form ist (das extrem hohe „Yeah“ in der Mitte des Songs kriegt er problemlos), ein Set an, in dem „wir alles spielen: neuen Scheiß, alten Scheiß, schnellen Scheiß, langsamen Scheiß, progressiven Scheiß, interessanten Scheiß, langweiligen Scheiß“. Hier sorgt er gleich für die ersten Lacher und beweist bei allem berechtigten Stolz auf sein Schaffen sofort seinen angenehmen Sinn für Selbstironie. Dies kommt auch später wieder zum Vorschein, als er feststellt, dass er fast alle Songs auf der Setlist geschrieben habe, den Rest hätte er „bei Helloween geklaut“.

Ganz sicher ist er sich, dass es ein „richtig geiler Abend“ wird, denn Hamburg sei das erste Konzert gewesen, das schon Ende des letzten Jahres ausverkauft war (!) und bei so viel Euphorie könne das ja nur gut werden. In diesem Zusammenhang verlangt er von den Zuschauern, dass „ihr jedes Mal, wenn ich das Wort ,Hamburg‘ sage, Krach macht“. Tatsächlich klappt dies ziemlich gut, die Stimmung könnte, insbesondere im Parkett, wo die Leute stehen, kaum besser sein. Bis ganz nach hinten ziehen die Fans mit, klatschen, rufen und brüllen, headbangen und singen.

Die ersten vier Songs sind allesamt der aktuellen Platte entnommen, die natürlich hier im Mittelpunkt steht – bis auf zwei Stücke (oder drei, wenn man den Bonustrack „Heart“ dazuzählen möchte) wird die gesamte Tracklist dargeboten. Bei „Book Of Shallows“ übernimmt die vielseitige Sängerin Adrienne Cowan (Tobi: „Sie kann alles: singen, growlen, schreien“) den Part von Mille Petrozza (später dann außerdem den von Candice Night beim „Moonglow“-Titeltrack, was sie solide macht, ohne deren Leichtigkeit zu erreichen), und bevor Jørn Lande danach seinen ersten Auftritt hat, erklärt Tobi, dass die Plattenfirma ihm gesagt hätte, nachdem er ihnen damals das „Moonglow“-Material erstmals gezeigt hatte, dass das zwar alles richtig geil klingen würde, doch man habe mit der ausgewählten Single ein Problem – diese sei mit zwölf Minuten ein wenig lang geraten.

Es folgt ein deutliches Statement gegen sogenannte „Radiotauglichkeit“, was das Publikum natürlich gehörig abfeiert. „Viermal drei Minuten geile Musik sind doch besser als einmal drei Minuten geile Musik“, argumentiert der Meister. „Ist doch scheißegal, ob ein Song drei Minuten, sechs Minuten, neun Minuten oder zwölf Minuten dauert, wenn er geil ist.“ Wo er recht hat, hat er recht, das sieht auch der Großteil der Zuschauer so und bejubelt diese Aussagen, was Sammet zu der provokanten These „In ein paar Jahren gibt es keine Musikindustrie mehr“ verleitet. Ob man das bei Nuclear Blast gerne hört?

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