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Apocalyptica, Livingston im Konzert (Hamburg, Oktober 2010)

Die Cello-Metaller sind live nach wie vor ein Erlebnis

Apocalyptica erstaunen immer wieder mit ihren sagenhaften technischen Fähigkeiten

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Dieser Aufreger ist jedoch spätestens dann erst mal wieder vergessen, als der Headliner die Szenerie betritt. Apocalyptica verzichten auf dieser Tour offenbar auf ihre riesigen Stühle, die wie Throne anmuteten, und haben dieses Mal auf konventionellere Sitzgelegenheiten zurückgegriffen. Die meiste Zeit des Konzerts werden sie aber ohnehin stehen – jeder, der die Jungs schon mal live gesehen hat, weiß, mit was für unglaublicher Energie sie zu Werke gehen und dass sie weder sich noch ihre Instrumente schonen. Klar, jedem Klassikpuristen und normalem Orchestercellisten würden die Haare zu Berge stehen, wenn er sehen würde, wie wenig zärtlich Eicca Toppinen, Perttu Kivilaakso und Paavo Lötjönen mit ihren Spielgeräten umgehen – da wird gesägt, das Cello in die Lüfte geschwungen, seitlich gespielt, mit der Keule durch die Gegend gesprungen –, aber was die Herren an Technik drauf haben ist immer wieder unfassbar und ein Erlebnis. Da merkt man den hohen Standard der Ausbildung an der Sibelius-Akademie und ob man das nun toll findet oder mit dem Kopf darüber schüttelt – es ist schlichtweg faszinierend.

Das Quartett startet bei gutem Sound rabiat mit einem Doppelschlag der neuen Scheibe: dem mit dem klangvollen Titel versehenen Song „On The Rooftop With Quasimodo“, sowie mit „2010“, bei dem in der Studioversion mit Slayers Drummer Dave Lombardo ein alter Bekannter als Gaststar auftaucht; Lombardo war bereits bei „Last Hope“ vom „Worlds Collide“-Album (2007) und „Betrayal/Forgiveness“ vom selbstbetitelten 2005er Werk am Start.

Der Fokus liegt ganz eindeutig auf dem neuesten Longplayer – gleich sieben Stücke hiervon tauchen in der Setlist auf, ganz altes Material von „Cult“ oder „Reflections“ findet leider fast gar keine Beachtung (Ausnahme: die letzte Zugabe); von den beiden ersten Scheiben gibt es hingegen einiges Material zu hören, wobei man da ja noch hauptsächlich coverte – doch natürlich gibt es keine Apocalyptica-Show ohne Metallica- oder Sepultura-Cover. „Master Of Puppets“ und „Seek And Destroy“ kann wohl jeder im Publikum mitsingen (Eicca: „So you like Metallica music? – Yeah, we do as well.“), „Refuse/Resist“ klingt mindestens so böse wie das Original, da Perttu die Gesangslinie mittels Spielen unter dem Steg simuliert, was seinem Instrument einen fies knurrenden, kratzenden Ton entlockt, und bei „Inquisition Symphony“ beeindruckt in erster Linie Eicca mit seiner Springbogentechnik. Alle, die mal ein Streichinstrument gespielt haben, werden wissen, dass eben jene Technik wahnsinnig schwer ist, doch der 35-Jährige beherrscht diese im Schlaf und meistert den entsprechenden Part mit perfektem Timing.

Nicht umsonst aber gilt das Cello in der klassischen Musik als eines der wärmsten und schönsten Instrumente und so verzaubern die Finnen mit ihren ruhigen Stücken mindestens genauso, wie sie die Leute mit ihren harten Sachen zum Headbangen bringen. Etwa in der Mitte des Sets steht der entspannte Teil des Abends an, den Eicca auf seine liebenswert finnisch-kauzige Art ankündigt. Er habe einen „feuchten Traum“ gehabt, in dem Drummer Mikko ebenfalls Cello spielen würde, was „sehr sexy“ ausgesehen habe, und es sei nun an der Zeit, diesen Traum wahr werden zu lassen. Es folgt ein Balladen-Dreierpack bestehend aus „Beautiful“ und „Sacra“ vom neuen Album, sowie „Bittersweet“, das man seinerzeit mit Ville Valo von HIM aufnahm, welches aber ohne Gesang eigentlich noch besser funktioniert, da es weniger schnulzig, sondern einfach nur wunderschön herüberkommt. Bei „Beautiful“ bekommt Mikko tatsächlich ein Cello in die Hand gedrückt – und obwohl er erwartungsgemäß nur einige leichte Pizzicato-Töne darauf fabriziert, zeigt sich das Publikum begeistert, schließlich zählt die Geste –, während er seine drei Kollegen bei „Sacra“ mit dezent eingesetzten rituellen Trommelschlägen unterstützt.

Von dem Kontrast zerbrechlich/heavy leben die Konzerte von Apocalyptica und so erscheint es bei „Last Hope“, das auf den besinnlichen Part folgt und bei dem es wieder ordentlich zur Sache geht, fast surreal, dass diese Männer, die eben noch ganz still dasaßen und die Fans mit zu Tränen rührenden, melancholischen Perlen in andere Sphären entführten, plötzlich wieder wild headbangend und propellerkreisend mitsamt ihren Instrumenten durch die Gegend springen. Dass Eicca für ein Solo bei diesem Song ein Wah-Wah-Pedal benutzt, ist ebenfalls eine ziemlich coole Randnotiz – wenn man aus einem Cello schon E-Gitarren-ähnliche Sounds herausholen kann, warum soll man dann nicht auch Effekte dafür benutzen?

Da die Band inzwischen eine ganze Reihe Tracks mit Gesang in ihrem Backkatalog hat, aber schlecht jeden einzelnen Künstler mit auf Tour nehmen kann, hat sie sich entschlossen, mit einem Sänger im Schlepptau zu reisen, der die jeweiligen Vocalparts allesamt übernimmt. Bei „End Of Me“ ist es das erste Mal, dass Tipe Johnson von den Leningrad Cowboys sich das Mikro schnappt, später betritt er dann – in wechselnden Outfits – bei „I’m Not Jesus“ (inzwischen ein fester Bestandteil der Apocalyptica-Setlist), „Bring Them To Light“ (auf dem Album von Gojiras Joe Duplantier eingebrüllt) und „I Don’t Care“ erneut die Bühne, wo er jeweils eine solide, wenn auch nicht überragende Performance abliefert.

Das, wie man der Zusammenarbeit mit Duplantier entnehmen kann, recht heftige „Bring Them To Light“ ist wirklich ein gelungenes und kompromissloses Stück mit Gesang, aber ansonsten brauchen Apocalyptica zumindest meiner Meinung nach eigentlich überhaupt keine Tracks mit Vocals. Eine banale Popnummer wie „Broken Pieces“ auf der neuen Scheibe, eingeträllert von Flyleaf-Heulboje Lacey Mosley, ist jedenfalls pure Berechnung, um auch den US-Markt zu erobern. In Europa jedoch braucht man derartigen Kommerzmist nicht und so wird denn zum Glück heute abend auf solch seichtes Gedudel verzichtet. Dass es auch komplett ohne Gesang geht oder gehen würde, haben schließlich nicht zuletzt die im Gegensatz zu den Originalen ohne Sänger eingespielten Coversongs bewiesen. Außerdem ist es derart atemberaubend und für Normalsterbliche kaum nachvollziehbar, wie und was die Jungs auf ihren Instrumenten zocken, dass Vocals fast schon wie ein unnötiger Ballast erscheinen. Und neben ihren überragenden technischen und musikalischen Fähigkeiten sind die Finnen auch noch urkomisch: Wenn Perttu mit knuffigem finnischen Akzent seine Deutschkenntnisse zum Besten gibt („Scheiße!“, „wunderbar!“, „Guten Tag Hamburg, ich begrüße dir“) gibt es kein Halten – supersympathisch und einfach köstlich.

Nach „Inquisition Symphony“ ist vorerst Schluss, aber natürlich kommt das Kleeblatt für drei weitere Songs noch einmal zurück und spielt unter großem Jubel „At The Gates Of Manala“ (den vielschichtigen Opener von „7th Symphony“), das bereits erwähnte „I Don’t Care“ (eine eher mittelmäßige Nummer, „Path“ oder auch „Life Burns“ zum Beispiel wäre schöner gewesen) und – logisch – den ewigen Rausschmeißer „Hall Of The Mountain King“ von Edvard Grieg, der auch aus dem Publikum mit seinem stetig steigenden Tempo noch mal die letzten Kraftreserven herauskitzelt.

Klares Fazit: Diese Band ist und bleibt live ein Erlebnis. Die 90 Minuten sind wie im Flug vergangen und bei der unglaublichen Energie, die die Metallica-Verehrer jedesmal aufbringen, kann man mehr als anderthalb Stunden auch gar nicht verlangen. In Sachen Setlist hätte man gerne noch mehr altes Material berücksichtigen dürfen, doch schon wegen des extremen Kontrasts hart/sanft wirkt alles dennoch sehr ausgeglichen. Sowohl optisch als auch akustisch ein Leckerbissen – Hammer, Hammer, Hammer!

Setlist:

On The Rooftop With Quasimodo
2010
Grace
Master Of Puppets
End Of Me
I’m Not Jesus
Refuse/Resist
Beautiful
Sacra
Bittersweet
Last Hope
Bring Them To Light
Seek And Destroy
Inquisition Symphony
------------------------------
At The Gates Of Manala
I Don’t Care
Hall Of The Mountain King

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