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Anathema im Konzert (Köln, Juni 2010)

Begeisterung zu früher Stunde

Würde auch als Leadsänger eine gute Figur abgeben: Danny Cavanagh

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Normalerweise fängt der Headliner mit seiner Show erst um 22 Uhr an. In Köln ist zu dem Zeitpunkt schon alles gelaufen, denn Anathema haben um 21:45 Uhr bereits 135 Minuten lang gespielt. Einlass im Luxor um 18:30 Uhr, Beginn eine Stunde später, am Schluss ist es draußen sogar noch hell und die Besucher der anschließenden „Remmi Demmi Flirt Party“ warten schon vor den Toren.

Als die Band die Bühne pünktlich betritt, ist der Club gut gefüllt. Es herrscht kein Gedränge, aber im länglich aufgebauten Club stehen die Zuschauer bis hinten. Sänger und Gitarrist Vincent Cavanagh stellt schon ganz am Anfang ganz angetan fest, dass er die hinteren Reihen schon gar nicht mehr sehen kann. Alles andere wäre aber auch eine Überraschung gewesen: Die Fangemeinde der Band ist zwar nicht gigantisch groß, dafür aber treu – außerdem ist Samstag.

Natürlich macht „Thin Air“, der Opener des neulich veröffentlichten Albums „We're Here Because We're Here“ den Anfang. Die Band scheint gut bei Laune zu sein, Vincent nutzt den Raum, den ihm die Bühne bietet, voll aus. Und der ist begrenzt: Es stehen schließlich nicht nur bis zu sechs Musiker gleichzeitig auf der kleinen Bühne, sondern auch noch fünf Keyboards. Allein Synthie-Mann Les Smith benutzt drei, die anderen beiden werden zwischenzeitlich von Danny Cavanagh (Gitarre und Background-Gesang) und Vincent bespielt, letztes lediglich für die Vocoder-Vocals in „Closer“.

An Platz zwei der Setlist steht schon „Deep“ vom überirdischen „Judgement“-Album, das mit „Forgotten Hopes“ und „Destiny Is Dead“ so schnell auch nicht verlassen wird, bevor mit „Dreaming Light“ der Wechsel nach 2010 vollzogen wird. Lediglich mit dem Piano beginnend baut sich der Track langsam immer weiter auf, um dann in einem wahnsinnig großen Instrumentalteil zu gipfeln. Bei gutem Sound sorgt das für anhaltende Gänsehaut  - und der Klang im Luxor ist heute ganz ausgezeichnet.

Immer wieder erscheint als sechste Person Sängerin Lee Helen Douglas auf der Bühne, um als dritter Gesangspart für noch mehr Tiefe zu sorgen. Besonders zur Geltung kommt ihre hervorragende Stimme im Song „A Natural Disaster“, den sie bis auf die Background-Vocals am Schluss komplett solo singt. Darin allerdings brilliert auch Vincent, indem er in seinem Einsatz am Ende des Liedes live fast höher singt als die weibliche Hauptstimme. Ganz großes Kino und ein riesiges Stimmspektrum.

Beachtlich ist die Textsicherheit der Besucher. Nicht wenige scheinen so gut wie jedes Lied im Set auswendig zu kennen und beim überraschend gespielten Track „Lost Control“ vom „Alternative 4“-Album ist der Gesang aus den Boxen neben dem der Fans erstaunlich leise.

„Warum könnt ihr nicht spielen die Fußball?“, fragt Vincent in einer Pause zwischen zwei Songs in die Runde. Klar, das am Vortag verlorene WM-Spiel der deutschen Elf gegen Serbien liefert einem Engländer natürlich Kanonenfutter. Das nimmt ihm aber niemand übel, schließlich sieht es für den Lieblingsgegner der deutschen Nationalmannschaft noch weniger rosig aus. Und als ihm später am Abend in Form von „Weltmeister!“-Rufen Kontra geboten wird, quittiert er doch noch mit: “Du bist Weltmeister!”.

Obwohl die Titelauswahl insgesamt recht ruhig erscheint (wohl auch wegen des sehr differenzierten Sounds, der auch andere Instrumente als die Gitarren zulässt), dürfen Songs wie „Panic“ oder auch das vor Energie nur so strotzende „Empty“ nicht fehlen. In dem Zusammenhang muss natürlich auch „A Simple Mistake“ vom aktuellen Album genannt werden; ein Song, der wunderbar verträumt beginnt und schließlich in einem herrlichen Moshpart endet. Eine so geschickte Mischung aus Härte und sphärischer Melancholie wissen nur die allerwenigsten Bands zu erschaffen. Sowieso kann das Album sowohl konserviert auf CD als auch live gleichermaßen überzeugen: „Angels Walk Among Us“ mit seinem Ohrwurmcharakter und „Universal“ mit seinem fulminanten Ende sind zwei absolut grandiose Songs, deren Wirkungen sich auch live voll entfalten. Sehr schön ist auch, dass die Band „Hindsight“, spannend auch ohne Gesang, auf Konzerten spielt.

„So gute Reaktionen wie heute und auf den letzten beiden Gigs haben wir in Deutschland noch nie bekommen“, bedankt sich Sänger Vincent. „Seid ihr auch beim Summer Breeze am Start?“ – „Vielleicht“, stellt er verschmitzt fest, als nicht eine Person im Publikum antwortet, und verspricht dafür, im Herbst wiederzukommen – und zwar für mehr als drei Konzerte.

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