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Soul Demise im Interview (September 2017)

Den Metal mit der Muttermilch aufgenommen

The-Pit.de: Es ist immer schade, wenn einem Album gleich von vornherein vom Hörer keine Chance gegeben wird.

Roman: Ja klar, es gibt genug Scheiben, die erst zünden, nachdem man sie fünf Mal gehört hat. Oft sind es dann auch noch die interessanteren Platten, die man dann länger hören kann, weil sie nicht so flach sind.

Andi: Wir hatten mit diesem Problem schon immer zu kämpfen. Wir haben schon immer versucht, keine Songs oder gar CDs zu schreiben, die gleich sofort zünden, sich aber innerhalb kürzester Zeit totlaufen. Da stellen wir an uns schon hohe Ansprüche. Ein großer Teil der Musikhörer scheint aber lieber die eingängige, leicht zu hörende Musik zu bevorzugen.

The-Pit.de: Die Frage ist, wie viel Aufmerksamkeit der Durchschnittshörer überhaupt noch für Musik opfern kann oder will. Dazu kommt ein riesiges Angebot, welches unmöglich vom einzelnen gehört, bewertet und selektiert werden kann.

Roman: Man wird mit so viel Scheiße zugeschissen, dass einem ganz schlecht werden könnte.

Alex: Man merkt ja an sich selber, dass es nicht mehr machbar ist, den Dschungel an Musik zu durchforsten. Nicht selten ertappt man sich dabei, dass man in genau die eben beschriebenen Muster verfällt.

Jan: Es ist schon auch wichtig, dass Songs eingängig sind. Wenn man keinen Zugang findet, dann kann man sich das Ding noch so oft in den Gehörgang hämmern, aber man wird nie Spaß haben. Deswegen sehe ich die große Herausforderung darin, dass man die Gratwanderung zwischen Wiedererkennbarkeit der Band, technischem Anspruch und guter Hörbarkeit in ein vernünftiges Gleichgewicht rückt. Dabei sollte man allerdings auch nicht zu akkurat vorgehen, denn immerhin reden wir hier von der Kunstform Musik, und die lebt wie jede Kunst auch von der Vielfalt und von der Andersartigkeit, dem Abweichen von der Norm.

The-Pit.de: Das führt uns jetzt fast zwangsläufig zu der Frage, welche Musik ihr selbst denn privat hört.

Alex: Zu 90% dürfte das bei mir Death Metal sein.

The-Pit.de: Ist das bei euch allen so?

Alle außer Alex: Nö.

Alex: Nicht oft, aber ab und an mag ich auch mal so Trip Hop-Sachen.

The-Pit.de: Das ist aber schon ein weiter Weg vom Death Metal bis dahin...

Alex: Ja, das stimmt. Aber die Musik ist ziemlich entspannt. Johnny Cash oder ähnliches kann ich mir auch ab und an mal geben. Die große Mehrheit ist aber Death Metal.

Roman: Ich glaube, daheim höre ich weniger Death Metal als andere Musik. Bei uns laufen eher so Sludge-Sachen und sowas.

Dennis: Ich bin da recht breit aufgestellt. Bei mir wechselt das phasenweise. Ich habe ein paar Favoriten aus dem Death- und Black-Spektrum, aber ich höre auch gerne Sachen aus dem Post Rock-, oder Post Metal-Bereich. Manchmal darf es aber auch Blues oder sowas sein.

Jan: Ich höre daheim eigentlich gar keinen Metal. Meine momentane Playlist besteht aus Toto, Gaslight Anthem oder beim Autofahren gerne auch ganz viel Pop. Durchaus auch ganz gewöhnlichen Radiopop. Für die anderen ist das manchmal ganz schlimm. (allgemeines Gelächter).

Andi: Wenn Jans Handy am Radio steckt, dann kommt immer irgendwoher die Ansage an den Beifahrer: „Leg doch bitte mal Musik auf, von der man keinen Ohrenkrebs bekommt!“ Worauf dann regelmäßig die Antwort kommt: „Sorry, gibt es hier nicht.“

The-Pit.de: Andi, was läuft bei dir daheim?

Andi: Ich höre schon relativ viel Metal. Ich kann aber auch mit Nu Metal wie zum Beispiel Korn. Hauptsächlich groovige Sachen. Außerdem stehe ich der Radiomusik nicht so feindlich gegenüber. Hier interessieren mich aber eher alte Sachen wie Beatles oder die Woodstock-Zeit. Es ist ziemlich stimmungsabhängig. Außerdem kann man gut in den Zeilen der alten Meister lesen. Oft höre ich Musik, bei der ich mir dann denke, dass diese mit anderem Sound durchaus auch schon kräftig Arsch treten könnte. Man kann da schon viel mitnehmen.

The-Pit.de: Die Frage ist inzwischen sehr abgedroschen, aber einer Band wie euch muss ich sie stellen. Ihr seid nun so lange authentisch unterwegs, dass ihr mit Sicherheit einen weiten Blick über das Feld habt. Es geht um die Frage, für wie gesund und aktiv ihr die Szene im Moment haltet.

Dennis: Ich halte die Situation momentan für sehr problematisch. Für mich stellt sie sich so dar, dass einfach fast niemand mehr für ein Konzert von der Couch aufsteht. Das betrifft auch nicht nur übersättigte Märkte wie in Großstädten, an denen jeden Tag mehrere Konzerte stattfinden, sondern auch nicht so überlaufene Gegenden.

Andi: Es ist aber schon auch die Menge der Konzerte ein Problem. In Ballungszentren kann man halt wirklich jeden Tag auf drei Konzerte, wenn man will. Für junge Leute wird das alleine finanziell schnell zum Problem. In ländlichen Gebieten ist die Situation widersprüchlich. Dort wird andauernd mehr Kultur gefordert, wenn dann aber mal etwas stattfindet, geht keiner hin. Außerdem haben wir noch die Situation, dass der Hörer sich nicht mehr mit allen für ihn potentiell interessanten Bands auseinandersetzen kann. Das Angebot ist so unüberschaubar, dass man sich zwangsweise auf auf irgendwelche Hinweise aus dem Bekanntenkreis, in Magazinen oder auch durch geschaltete Werbeanzeigen beeinflussen lassen muss. Das trifft natürlich vor allem auf gehypte Gruppen zu, in die viel Geld investiert wird, um später mit ihnen noch viel mehr Geld zu verdienen. Als wir Jugendliche waren, haben wir noch gemeinsam vor dem Plattenspieler gesessen und uns mit der Musik befasst. Damals war ja noch nicht diese riesige Auswahl vorhanden.

Jan: Wir leben in einer Konsumgesellschaft, die sich immer schneller dreht. Dieser Trend macht auch vor der Musik nicht halt. Gerade das richtige Marketing entscheidet immer mehr, ob eine Band kommerziell erfolgreich ist oder nicht. Die eigentliche Kunst wird dabei immer unwichtiger.

Roman: Hinzu erschweren die großen Platzhirsche ja auch noch die Möglichkeiten für kleinere Bands, ganz nach oben zu kommen, da sie ja die Plätze im Olymp nach wie vor fest im Griff haben. Wenn ich mir heute zum Beispiel Coverseiten der Magazine ansehe, dann sind dort nicht wenige Bands zu finden, die vor 15 Jahren auch schon dort abgebildet waren. Neue, kleinere Bands kommen irgendwo hinten in einer Spalte vor. Ob überhaupt alle die Magazine so ausgiebig lesen, dass sie bis dahin kommen, ist schon fragwürdig.

Jan: Diese Größen setzen auch die Maßstäbe für die kleineren Formationen. Wenn man alleine nur mal die Lichtshows vergleicht, dann wird schnell klar, wie weit hier die Dimensionen auseinanderliegen.

Andi: Am meisten nervt mich eigentlich, dass man bei manchen Sachen, die wirklich nur Brechreiz verursachen, genau weiß, dass der Erfolg nur von der Werbung kommt und sonst nichts, aber auch gar nichts dahinter ist. Hier schließt sich aber auch wieder der Kreis zu dem, was ich vorhin schon meinte. Als Hörer hat man kaum eine Chance, sich eine unabhängige eigene Meinung zu bilden, weil man von allen Ecken und Enden so vollgeballert wird, dass man gewisse Namen einfach zwangsweise verinnerlicht. Ob man will oder nicht. Was mich persönlich betrifft, ich interessiere mich schon immer nicht mehr für eine Gruppe, wenn ich merke, dass da gerade ein großer Hype abgeht. Dann fühle ich mich eher schon genervt und wende mich ab.

The-Pit.de: Da kann man sich als Musiker schon mal fragen, ob es nicht Sinn machen würde, die eigene Musik ein bisschen zumindest so auszurichten, dass sie ein breiteres Publikum anspricht oder potentiell erfolgreicher wäre. Gab es solche Überlegungen bei euch schon? Immerhin sind einige von euch schon um die zwanzig Jahre im Geschäft.

Roman: Definitiv nicht.

Alex: Hört sich die neue Scheibe etwa so an, oder wie?

The-Pit.de: Nein! Ich hatte jetzt auch als Antwort kein Ja erwartet.

Andi: Wir hatten das Problem schon einmal. Ein Label meinte mal, wir sollten uns Masken aufsetzen oder irgendwas, um uns besser abzuheben. Das haben wir natürlich nicht gemacht, denn dann wären wir ja genau in der Schiene, die wir immer kritisieren. Wir wollen als Musiker wahrgenommen werden, nicht als Clowns. Ich, und da denke ich, spreche ich für alle, werde mich nicht irgendeinem Trend oder Gag ergeben, nur damit wir kommerziell vielleicht mehr Erfolg haben könnten.

The-Pit.de: Das kann man als finales Statement stehen lassen. Vielen Dank für eure Zeit und viel Erfolg mit „Thin Red Line“!

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