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Saltatio Mortis im Interview (Mai 2011)

Die Spielleute plaudern über Erfolg, harte Arbeit und den alltäglichen Wahnsinn

Lasterbalk erweist sich als freundlicher Interviewpartner

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The-Pit.de: Warum kommen bei euch immer Märchen- oder Fantasiegestalten zum Tragen?

Lasterbalk: Das war eigentlich ein Unfall. Anders kann man es gar nicht sagen. Das erste Märchen, das wir vertont hatten, war auf „Des Königs Henker“. Der Anfang des Songs enthielt letztendlich dieses „Tritt ein“, und bei der Diskussion über den Inhalt des Songs stellte sich heraus, dass die Fackel damals genau dieses Märchen im Kopf hatte. Das war die erste Platte, die wir zusammen mit dem Thomas Heimann-Trosien gemacht haben. Trosi hat dann gemeint: „Naja, Freunde, also wenn das ein Märchen ist, dann macht doch einen Märchentext daraus!“ Und so habe ich mich abends hingesetzt und einen Entwurf gemacht, wie man dieses Märchen in Strophenform packen kann. Das ist gar nicht so trivial, wie es sich anhört. Märchen sind ohne Platzbegrenzung und Songtexte in diesem Genre dürfen nur eine gewisse Länge haben. Das war sozusagen mein erster Versuch, eine Reduktion von einem Märchen auf einen Songtext zu machen. Das konnte man mit heutigem Songwriting nicht vergleichen. Wir waren damals in einer Jugendbegegnungsstätte in Frankreich, die wir für uns angemietet hatten. Ich schrieb damals noch mit Magister Flux am ersten Text und nach langem Hin und Her stand am Ende „Tritt Ein“. Daraufhin gab es zwei Fangruppen, die das total großartig fanden. Eine ist ungefähr 1,60 m groß, hat einen rot gefärbten Schopf und singt bei uns. Die andere hört Märchen gern und sagt auch häufig, dass sie die immer wieder gern hört. Relevant ist aber in diesem Fall die erstere, denn die nervt seitdem bei jeder Platte, dass ich gefälligst Märchen zu vertonen habe. Und da war mir schon bei „Aus der Asche“ klar, dass ich darum nicht mehr herum komme.

The-Pit.de: Hat das eigentlich etwas auszusagen, dass bei euren Märchen immer die Frauen sterben?

Lasterbalk: Das ist gar nicht meine Idee! Das war so! Das hat sich früher schon bewährt gehabt, deswegen haben es die Gebrüder Grimm schon so gemacht.

The-Pit.de: Nun, in der Version von „Sieben Raben“, die ich kenne, stirbt die Frau nicht.

Lasterbalk: „Sieben Raben“ ist auch eine Mischung aus zwei verschiedenen Grimm-Märchen, die ich unlauter und illegal zusammengeworfen habe. Das muss ich hier eingestehen. Wenn man sich aus der Songwriterperspektive einer solchen großen Geschichte nähert, ist man auf Grund der Zeitbegrenzung dazu gezwungen, zu komprimieren. Ich habe das bei „Daedalus“ damals nicht als Zwang begriffen, sondern als Chance, denn letztendlich hat mich die Notwendigkeit der Überarbeitung dazu gebracht, die Geschichte nochmals zu hinterfragen. Und gerade bei „Daedalus“ geht es genau um dieses Freiheitsthema. Dieses: „Ich kann höher fliegen, ich will höher fliegen, auch wenn es mein Leben kostet“. Sobald sich einem der Kernpunkt einer Geschichte erschließt, schreibt sich der Text von allein. Dann ist man aber auch gezwungen, die Geschichte teilweise dieser Perspektive unterzuordnen. Und so ähnlich war es bei „Sieben Raben“ auch. Ich fand diese Wendung, die eigentlich aus einem anderen Märchen kommt, viel viel spannender als die Originalwendung. Und deshalb war klar: Alles muss auf diese Wendung hin ausgerichtet werden. Dann ist es künstlerische Freiheit, alles so zu drehen, dass es einen Sinn ergibt. Man darf nicht vergessen: Es ist ein Song. Es ist kein Märchenbuch.

The-Pit.de: Sehr oft verweist ihr, wie soeben auch, auf Freiheit. Das ist ein sehr großes Attribut bei Saltatio Mortis. Versucht ihr, das selber auch zu verkörpern, zu leben? Nicht alle Zwänge anzunehmen, soweit möglich?

Frank: Also ich nicht! Das gestattet man mir in der Band nicht.

Lasterbalk: Freiheit ist ein wunderschönes Thema. Wir können frei leben und unser freies Leben genießen, weil wir Bruder Frank haben. Also ist der Preis unserer Freiheit seine Unfreiheit.

Frank: Existenz!

Lasterbalk: Nein, jetzt mal im Ernst. Natürlich ist es für uns ein wichtiges Thema. Wir sind den schwierigen Weg von modernen Spielleuten gegangen. Und wir sind ihn wirklich gegangen. Man trifft heute auf Märkten auch immer wieder auf junge Dudelsackgruppen, die von Freiheit und Reisen und weiß der Henker was erzählen. Und dann schau ich in deren Gesichter und denke „Jungs, geht doch ein bisschen auf der Straße spielen“. Und das ist gar nicht abwertend gemeint, denn da haben wir angefangen, wir haben mit der Straßenmusik an der Ecke angefangen. Letztendlich haben einige von uns gute Jobs, Karrieren oder Chancen auf eine Karriere sein gelassen, weil sie diesen Weg gehen wollten. Sie haben ganz bewusst einen Verzicht gewählt, um etwas anderes zu bekommen. Und das ist freies Leben. Wir sind unser eigener Herr. Wir machen das, was wir wollen und was wir können. Wir haben es schon mehr als einmal in der Bandgeschichte gehabt, dass wir Schwierigkeiten unterschiedlichster Natur hatten. Dann haben wir uns auf den Weihnachtsmarkt gestellt, Straßenmusik gemacht und damit zwei drei Monate überlebt. Das geht! Wenn man das einmal erlebt und durchlebt hat, dann weiß man um seinen Weg. Und das macht einen auch wieder frei! Für mich ist Freiheit auf jeden Fall ein ganz wichtiges Thema.

The-Pit.de: Ihr werdet fortlaufend bekannter. „Des Königs Henker“ erreichte Platz 54 und „Wer Wind säht“ kam in die Top Ten. Setzt es euch unter Druck, diesen Standard zu erhalten?

Lasterbalk: Mich nicht, aber Frank!

Frank: Ja, denn ich bekomme Ärger! Schläge! Und Konventionalstrafen! Letztendlich geht es darum, sich zu verbessern. Eine Verbesserung geht nicht zwingend einher mit einer Chartplatzierung, aber man kann daraus schon ein Stück weit ablesen, wie das Album ankommt. Daraus lässt sich dann wieder ableiten, dass man auch mit Märchen viele Menschen erreichen kann. Die Fans können gerne auf unsere Musik tanzen, uns gerne besuchen und natürlich dürfen sie auch gerne limitierte DVD-Auflagen restlos aufkaufen. Daran erkennen wir, dass das, was wir machen, gar nicht so falsch sein kann. Natürlich freuen wir uns auch, wenn unsere Hörer unsere Musik kaufen, um sie auf den Weg in die Arbeit oder sonst wo zu hören.

Lasterbalk: Natürlich verspürt man einen gewissen Druck, wenn man ein Album veröffentlicht und das Vorgängeralbum eine Top-Ten-Chartplatzierung hatte. Man will schließlich auch, dass das Album erfolgreich wird. Die eigentliche Frage ist, wie man mit dem Druck umgeht. Bei uns ist es so, dass wir, wenn es wirklich hart auf hart käme, auch kein Problem damit hätten, wieder auf der Straße zu spielen. Wir müssen uns also nicht dem Druck von außen beugen, da wir einfach unseren Weg gehen können. Wir sind deswegen nicht unbelehrbar, aber letztendlich entscheiden wir selbst, wohin der Weg uns führt. Das ist auch eine Form von Freiheit. Der Druck von außen ist aber gar nicht der ausschlaggebende. Der Druck, den man sich selber macht, der kann einen schon viel mehr aufreiben. Man ist auch ehrgeizig. Doch wir sind lange genug im Geschäft, um zu wissen, wie wichtig Chartplatzierungen sind - nämlich gar nicht.

 

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