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Muff Potter im Interview (Januar 2006)

"Ich würde gerne mal einen Leser von The-Pit sehen"
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Dennis über Hamburger Schule, "Du bist Deutschland" und wie Brahmi ihm in die Kloschüssel gereihert hat. Im Rahmen ihrer "Warm-up"-Gigs unter dem Banner der "Visions"-Parties für die nahende Tour war die Gelegenheit natürlich günstig, parallel zu dem Konzert noch ein Gespräch mit der Band in Form eines Interviews zu suchen. In ihrem Tourbus stand mir nun "Muff Potter"-Gitarrist Dennis Scheider Rede und Antwort.

The-Pit.de: Standardfrage zum Warmwerden: Wie gehts dir? 

Dennis: Ganz gut, also wir haben gestern in Bielefeld gespielt, im "Forum"; war super, hat Spass gemacht und es waren viele Leute da. Wir haben sogar den Bielefelder "Visions"-Party Rekord geschlagen von den Besucherzahlen; "Dredg" hatten 50 Leute weniger als wir gestern. Es war voll und so, aber gut; wir haben sogar ausgeschlafen. Ich wurde heute nacht von unserem Techniker, der bei mir im Zimmer gepennt hat, versehentlich begrabscht; der hat sich dann heute morgen entschuldigt. Das war alles ganz witzig, deswegen hatte ich eine ganz herrliche Nacht.

The-Pit.de: Fangen wir mit dem an, wo wir uns hier gerade befinden, du hast es ja schon angesprochen; die "Visions"-Parties bieten ein Forum für all Diejenigen, welche ein Interesse an alternativer Musikkultur abseits der Millionenmärkte und -publika pflegen. Ihr seid bei weitem kein seltener Gast bei diesen Parties, was fasziniert euch an diesem Format, was erwartet ihr, wo erkennt ihr Zielsetzungen und Möglichkeiten, wo eventuelle Schwächen? 

Dennis: Erstmal haben wir mittlerweile ein gutes und auch persönliches Verhältnis zu den Leuten, die bei "Visions" arbeiten. Wir freuen uns auch immer wenn wir bei "Visions"-Parties spielen, weil man dann immer diese Freaks, die das organisieren, sieht und mit denen Stunden am Tresen nach den Konzerten verbringt; das ist natürlich das Ding, was uns immer wieder freut. "Visions" ist natürlich auch ein wichtiges Heft, in der Musikszene und gerade im Indie Bereich, und deswegen ist es auch wichtig, da zu spielen. Das Coole ist auch, das es danach noch die Party gibt, und deswegen ist das ein netter, gut funktionierender Rahmen.

The-Pit.de: 2005 gehört nun der Vergangenheit an; ein aus meiner Sicht ungewöhnlich politisches Jahr, an dessen Ende wir einige, möglicherweise schmerzliche, Feststellungen zu machen hatten: Wir sind anscheinend Deutschland, Papst und wohl wieder reif für eine große Koalition. Was sind eure oder deine Impressionen, die ihr aufgegriffen habt, Erfahrungen, die euch wichtig erscheinen und in welcher Erinnerung behälst du dieses Jahr? 

Dennis: Oh, da fällt mir als Erstes ein, dass Brahmi an Sylvester in meine Kloschüssel gereihert hat, wenn ich an das Ende von 2005 denken muss. Das hat mich so am meisten berührt, weil ich das auch wegmachen musste. Klar, die große Koalition und so, das ist natürlich auch ein wichtiges, politisches Thema, aber nichts, was mich total berührt hat. Wir haben halt im letzten Jahr eine Super Tour gespielt haben und jetzt steht die nächste Tour an. Eigentlich denke ich auch nicht so in diesen Jahrabschnitten. Was hattest du noch gesagt?

The-Pit.de: Wir sind Papst und wir sind Deutschland... 

Dennis: Ja, ganz schlimm, wir sind Deutschland. Wir sind Papst, eigentlich auch egal, finde ich.

The-Pit.de: Du sagtest es bereits, eine Tour und dazu das passende Album; ich kann dir zunächst mal zu einem äußerst gelungenen Werk gratulieren, wie ich finde; eine Verbesserung um 300%, wenn man den verhältnismäßig eher schlecht abgemischten Vorgänger "Hier wird gewonnen, bitte" berücksichtigt. "Von Wegen" ist eine hervorragende Produktion, der man den Major Label Status, den ihr nun mit Universal innehabt, positiv anmerkt. Wie reagierte die Öffentlichkeit auf das Album und wie kam das Material auf der Tour an? 

Dennis: Durchweg positiv, muss ich jetzt leider so standartmäßig antworten, hast du warscheinlich erwartet, aber es ist wirklich so. Gerade noch gestern haben wir in Bielefeld darüber gesprochen, dass es uns freut, dass die Leute die neuen Lieder halt alle kennen und mitsingen und eigentlich schon fast der Trend dahin geht, dass die neuen Lieder gekannt werden und die Alten nicht mehr so richtig.

The-Pit.de: Wird viel von dem neuen Material gespielt? 

Dennis: Ja, wir spielen viel neues, aber auch ein guter Durchschnitt alle Platten durch, hier und da mal 'nen Song, das behalten wir auch bei. Natürlich freut es uns, wenn nicht immer nach den alten Kamellen verlangt wird, sondern auch mal nach dem neuen Kram so, das fordert uns natürlich als Band, weil wir die alten schon ewig spielen.

The-Pit.de: Was waren so eure generellen oder vielleicht auch speziellen Tourerlebnisse? Ihr wart ja mit "Spitting Off Tall Buildings" auf Tour... 

Dennis: Ja! Genau, mit "Spitting Off Tall Buildings" haben wir letztes Jahr gespielt, spielen wir auch die Tour ein Paar Konzerte; dann haben wir mit "Queens Of The Stoneage" gespielt, die Deutschlandtour mit denen begleitet, was zwar nur drei Tagen waren, uns aber trotzdem total geflasht und beeindruckt hat. Das war so das Highlight von den Bands, obwohl das auch nicht so total wichtig ist, mit wem man spielt, weil man ja im Gründe immer noch Muff Potter ist und sein Set spielt.

The-Pit.de: Ihr werdet immer wieder gerne im Punksektor angesiedelt, obwohl man auch größere spielerische Ambitionen heraushören kann. Ist Punk für euch mehr als nur ein musikalisches Subgenre, gehört zwangsläufig eine Ideologie dahinter, oder wie eng fasst ihr den Begriff? 

Dennis: Man kann es mittlerweile gar nicht mehr als musikalisches Genre begreifen, da ja alles unter Punk gehandelt wird. Wenn bei H&M Nitengürtel hängen, sagen manche Leute, das ist Punkrock. Musikalisch kann man das nicht vereinfachen, was Punkrock ist und nicht, ideologisch kann ich auch mit Sicherheit nicht alles teilen. Früher sagten wir immer, wir wären in der Punkszene; wir haben immer noch ein paar Kanäle, die man noch nutzt und die uns sehr helfen. Da war man immer schnell dabei, wenn man sagt, man wäre Punkrock, weil man halt nichts mit dem seichten Kram, der gerade läuft, zu tun haben möchte. Was richtig Greifbares ist Punk, obwohl es sehr umfassend ist, nicht. Wie immer man das szenemäßig begreifen will, das Spielen in vielen Clubs wird ermöglicht durch eine Punkszene und aus dem Gesichtspunkt haben wir sehr davon profitiert.

The-Pit.de: Auch wenn ihr in eurer Wahlheimat Münster lebt, siedelt euch die Presse ideologisch und soundmäßig immer wieder gerne ein paar Kilometer nördlicher an. Wie steht ihr zu diesem Vergleich mit der "Hamburger Schule"? 

Dennis: Also ich würde 'mal behaupten, dass wir mit "Hamburger Schule" eigentlich nichts am Hut haben.

The-Pit.de: In keinster Weise? 

Dennis: Eigentlich würde ich fast sagen, in keinster Weise; es gibt halt viele Bands, die deutlich "Hamburger Schule" beeinflusst sind, die auch gute Musik machen und wir gut finden. Als diese Welle aufkam, haben wir uns erstmal gefragt: Was ist das überhaupt? Wir haben aber nie wirklich gedacht, dass wir dazugehören. Den Begriff haben für mich eigentlich "Tocotronic" geprägt. Auch wenns 'ne gute Band ist und so haben wir damit "Muff Potter"-mäßig nichts mit zu tun, also musikalisch.

The-Pit.de: Die social marketing Kampagne "Du bist Deutschland" hat einen recht tiefen Keil in die deutsche Musiklandschaft getrieben; es gibt jene, die ihre Musik bewusst national empfinden als auch solche, die keinerlei positiven Deutschlandbezug aufweisen und die Nationalismuskritik aufbringen. Ihr habt relativ deutlich Flagge gezeigt, indem ihr den Song "Punkt 9" auf dem Tonträger "I can't relax in Deutschland" veröffentlicht habt. Wie steht ihr zu dieser bereits fast zwanzig Jahre andauernden Debatte und dieser Neuinterpretation und wie ordnet ihr euch zwischen den Extremen nationalistisch und pro-Deutschquote und fast paranoider Antinationale ein? 

Dennis: Wir sind auf jeden Fall total froh, dass wir das gemacht haben mit dem Sampler, weil er auch in seiner ganzen Art sehr sympathisch ist; er bedient nicht diese typische Antihaltung und ist einfach intelligent, weswegen das ne Supersache für uns ist. Dass wir da mitgemacht haben, ist eigentlich zu der Zeit entstanden, als wir die Platte aufgenommen haben; dann kam die Anfrage, ob wir nicht einen Song beizusteuern hätten.

The-Pit.de: Also ging das von denen aus? 

Dennis: Ja, der Typ hat mich sogar angerufen oder angemailt und da hab' ich gesagt, dass wir im Studio sind und eine neue Platte aufnehmen und einen Song dabei haben, der das Thema irgendwie treffen könnte und das ist eben "Punkt 9". Wir wollten unbedingt zu diesem Thema Stellung beziehen, weil uns diese ganze Deutschtümelei und Deutschquote total auf den Geist gegangen ist. Wir haben uns einfach gesagt: Machen wir doch wieder einen Thementext und haben das erste Mal seit Jahren zu ein bestimmtes Thema mit einem Text verarbeitet.

The-Pit.de: Apropos Themen; was mir bei Euch auffällt ist, wenn wir nochmal zum Vergleich zur "Hamburger Schule" zurückkehren, dass die Texte wesentlich alltagstauglicher sind... 

Dennis: Alltagstauglicher?

The-Pit.de: Alltagstauglicher; wenn ich jetzt ein beliebiges "Hamburger Schule"-Lied betrachte, habe ich oft das Gefühl, dass es von Möchtegernelitären stammt, die intelligent wirken wollen, indem sie möglichst abstrakte Texte konstruieren und verwenden. 

Dennis: Ja, das ist genau die Sache, die mir bei dieser ganzen "Hamburger Schule"-Sache tierisch auf den Geist geht. Deswegen finde ich diese Bands vielleicht ganz gut und nett, aber sie sind einfach nicht greifbar und dadurch ist es nicht, wie du halt sagst, alltagstauglich. Zumindest erlebe ich den Alltag nicht wie in diesen abstrakten Texten [Rückkehr zum Thema "Du bist Deutschland", Anm. der Redaktion]. Ich finde es ziemlich absurd, Kunst daran zu bemessen, ob sie aus Deutschland kommt oder nicht. Diese Deutschquote im Radio, bei der man sagt, dass unbedingt soundsoviel Prozent deutsche Musik im Radio gespielt werden muss, hätte ja eigentlich zum Hintergrund, dass es zuwenig deutsche Musik gibt. Den Eindruck hat man ja gar nicht, man wird ja zugemüllt von genau diesen Texten, von denen du gerade geredet hast. Da wird halt so eine "Wir lassen uns nicht unterbuttern, wir müssen zusammenhalten"-Haltung suggeriert, da werden ganz komische Ressentiments bedient. Das ist einfach absurd und da wollen wir gegen vorgehen.

The-Pit.de: Also schwingt da keine antinationale oder extremlinke Gesinnung mit? 

Dennis: Das wäre ja auch schon wieder bescheuert, wir wollten auch dieses Statement abgeben und deswegen dieser Sampler, weil er nicht meiner Meinung nach total antideutsch ist, Hauptsache wir müssen irgendwas haben, wo wir uns beschweren können. Dann bietet man genau den Leuten eine Angriffsfläche, die behaupten, das sind nur so Möchtegernpolitniks, die mal wieder Anti sein wollen. Das ist das Gefährliche an so Liedern wie "Hundert Pflastersteine auf hundert Bullenschweine"; genau ist dann, was man sagt, Deutschpunk und das ist halt hohl. Das ist von der Intention vermeindlich "gut" gemeint, aber es geht kaputt, da es in die Antirichtung geht.

The-Pit.de: Eine Antihaltung der Antihaltung willen zu suggerieren, nur um herrschende Verhältnisse anzugreifen, ist immer abzulehnen, egal auf welchem Niveau. 

Dennis: Ja, ganz genau.

The-Pit.de: Was ist mit eurem Equipment; 400 Gigs aufwärts stellen eine enorme Belastung an musikalische Ausrüstung, da spreche ich aus Erfahrung als Musiker. Habt ihr irgendwelche Endorsementdeals oder Equipment, dem ihr viel verdankt, was spielt ihr? 

Dennis: An alle Leute, die uns Instrumente schenken wollen: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Wir sind bis heute nicht dazu gekommen, einen Endorsementdeal auf die Kette zu bekommen, den wir sehr gerne wollten. Wir kriegen aber keinen, weil wir nicht die nötige Zeit haben, uns darum vernünftig zu kümmern. Wir mussten heute noch vorm Konzert für Nagel einen neuen Verstärker organisieren, weil so so einen Verschleiß mit unserem Scheißequipment haben. Ich hätte gerne einen Gibson- oder Marshall-Endorsementdeal und ich weiß auch, dass es nicht so schwer ist, so einen zu bekommen.

The-Pit.de: Also im Prinzip Standardsachen, keine exotischen Amps oder uralte Fender Twins? 

Dennis: Auch gerne, aber dann im Studio. Live dann eher einfach und funktionierend.

The-Pit.de: Wir stehen gerade noch am Anfang von 2006, was sind eure Prognosen, möglicherweise Hoffnungen mit Blick auf die Zukunft? Was habt ihr euch vorgenommen, was wollt ihr erreichen? 

Dennis: Erstmal können wir nicht weiterdenken, als die Tour, die jetzt ansteht, auf die freuen wir uns schon sehr. Wir fangen jetzt gerade damit an, wieder neue Songs zu schreiben, aber was da passiert, steht noch in den Sternen.

The-Pit.de: Ich bedanke mich schon einmal recht herzlich für die Gesprächszeit, hast du noch irgendwelche letzten Aussagen oder Worte für unsere Leser von "The-Pit.de"? 

Dennis: Ich würde gerne mal ein paar Leser von "The-Pit" sehen.

The-Pit.de: Ich habe bisher auch noch keinen gesehen, da das Format ja online ist. 

Dennis: Dann hoffe ich, dass wir mal "The-Pit" Leser sehen, wir beide.

Wir bedanken uns bei Dennis Scheider und Moff Potter für das informative Interview.

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