Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Letzte Instanz im Interview (April 2007)

“Wir” heißt: Wir und die Anderen nicht!
Zum Thema

Am 2. März hatten wir noch einen Termin in Bielefeld. Denn bevor es am Abend ins Forum und damit zur Show ging, stand noch ein Interview aus, das wir mit Gitarrist und Zweitstimme Holly d. führten, der dem altmodischen Diktiergerät mit Kassette so gar nicht vertraute.

 

The-Pit.de: Hallo erst mal. Da wir schon im Tourbus sind: Es hieß das neue Album “Wir sind Gold” sei im Tourbus entstanden?

 

Holly d: Hallo erst mal. Naja, das stimmt ja nun nicht ganz. Ein Album kannst Du nicht im Tourbus machen. Als wir zur Herbsttour letztes Jahr gegangen sind, waren Schlagzeug, Gitarre, Streicher, Bässe alles aufgenommen und wir hatten dann einen Studiorechner mit im Nightliner, der stand dann sozusagen hier, und haben dann das ganze Editing, die Chöre setzen und noch mal die Arrangements verändern, die Loops programmieren, im Tourbus gemacht. War sehr geil weil die Band dabei eben sehr eng beieinander war. Sonst ist’s ja so, dass der Schlagzeuger irgendwann ins Studio geht und die Sachen hört, wenns denn dann mal irgendwann fertig ist und fragt sich dann: “Äh, was haben die jetzt bitte alle gespielt?”. Und so war’s halt klasse weil wir alle noch 14 oder 16 Tage noch mal an dem Material arbeiten konnten und so ist’s dann halt viel mehr unser Ding geworden weil jeder noch mal mitreden konnte.

 

The-Pit.de: Also habt Ihr das jetzt nur deswegen so aufgenommen?

 

Holly d.: Wir wollten die Zeit nutzen. Ich meine, wir sind eh eine Band, die von den Mitgliedern her weit gestreut ist, wir haben drei Bayern, drei Sachen und einen Berliner und es ist immer ein großer Aufwand uns alle an einen Punkt zu bringen. Und wenn man halt auf Tour ist gibt’s halt auch ne ganze Menge Leerräume. Ich meine, man kann sich abends natürlich die Birne zusaufen und bis vier Uhr nachmittags schlafen nur das geht 16 Tage lang sowieso nie und das macht auf wenig Sinn. Und wir haben gesagt: Okay, wir sind jetzt 16 Tage beieinander, wir müssen die Zeit nutzen und wollen das auch und haben das auch gemacht und das war halt richtig cool weil man halt jeden Tag noch richtig was zu tun hatte.

 

The-Pit.de: Okay. Ihr habt das Album “Wir sind Gold” genannt. In welchem Kontext steht das zu den Liedern bzw. hat es damit überhaupt zu tun?

 

Holly d.: Das hat ganz ganz viel damit zu tun. Also wir suchen ja immer nach Titeln, die so ein bisschen über dem gesamten Eindruck stehen, das war bei “Ins Licht” so, das war auch ein bisschen ungewollt bei “Götter auf Abruf” so, weil die Band ja dann auseinandergebrochen ist, auch bei “Kalter Glanz”, das im Vergleich zu “Das Spiel” vorher ein super kaltes Album gewesen ist, und “Wir sind Gold” war jetzt so für uns. Zum einen haben wir uns musikalisch wahnsinnig viel Mühe gegeben, viel mehr als je zuvor. Die Songs sind alle extrem groß komponiert, teilweise auch sehr komplex geworden aber da steckt schon ganz viel Inhalt dahinter und genauso auch textlich. Dieses “Wir sind Gold” ist eigentlich auch so ein Wortspiel. Das assoziiert ja eigentlich nur vordergründig diesen Vergleich mit, was weiß ich, “Wir sind Papst”. Das Problem ist einfach, dass man in Deutschland sehr gerne diesen Wir-Begriff aufgrenzend benutzt. “Wir” heißt: Wir und die Anderen nicht! Und wir heißt eigentlich alle.

Das Album geht los mit “Du und Ich”, das ist die kleinste Einheit von “wir” und das auch gleichzeitig, es geht nicht um uns. Wir alle sind Gold. Und die Tour heißt ja auch “Ihr seid Gold”-Tour und nicht “Wir sind Gold”-Tour, insofern ist der Begriff also recht weitzufassen.

 

The-Pit.de: Du hast jetzt die Lieder schon angesprochen. Sehr auffällig war ja auch zum Beispiel “Mein Ton”, der einfach “nur” gesprochen wurde. Wie kam der jetzt aufs Album?

 

Holly d.: Ja, der ist ja nur auf der Limited Edition drauf, als Bonustrack, wie “Meine innere Stimme II”. Das fing damit aus so einem Spaß heraus an. Wir haben irgendwann einmal diskutiert, wir eigentlich Musik entsteht. Also jetzt nicht: Ich nehme mir die Gitarre, klampf drei Akkorde, mach einen Song daraus. Das ist ja doch ein bisschen komplexer bei uns. Und wie entsteht das? Wo kommt der Moment her, wo ist weiß: Ich will jetzt genau das spielen! oder: Genau das passt jetzt dazu! oder diese Melodiefolge oder diese Harmonie. Und ja wir haben da so ein bisschen rumgesponnen und sind auch auf eine metaphysische Ebene gekommen, wie entsteht so was in Dir? Und Holly fand die Idee so lustig, dass er sich hingesetzt und einen Text daraus gemacht hat. Ja und wir fanden den eben gut und da haben wir gesagt: Der gehört aufs Album!

Das Album ist das intimste, was wir je gemacht haben, was einfach daran liegt, dass wir wahnsinnig viel Zeit miteinander verbacht haben und einfach auch nah beieinander waren. Wenn man so eine Atmosphäre des Vertrauens in der Band hat, dann gibt man auch viel mehr von sich preis und da sticht “Mein Ton” hervor, also Holly lässt da schon ganz tief in sich reingucken. Finde ich cool, also passt super aufs Album.

 

The-Pit.de: Stimmt. Du hast es selbst schon angesprochen, “wir sind gold” im Sinne von “wir alle”. Wie passt da “Morgenrot”, das ich persönlich im Sinne von sterbender Hoffnung interpretiert habe, denn der Dornenbusch erblüht ja - und stirbt dann. Ist der Track vielleicht auch etwas religionskritisch?

 

Holly d.: Also religionskritisch würde ich noch gar nicht sagen, es ist kirchenkritisch. Der Text sagt ja, dass die Menschheit mit dem, und es sei dahingestellt, ob es Gott, die Natur oder sonst eine Kraft ist, falsch umgeht. Die Konsequenz davon ist, dass irgendwann mal alles kaputt geht. Darum geht’s in dem Text. Das ist sehr lustig, wir merken das auch am Feedback im Forum, dass der Text so extrem religionsfeindlich aufgefasst wird, was er überhaupt nicht ist, wenn man sich den genau anguckt. Selbst in der Bibel steht drinne, dass hier irgendwann mal alles den Bach runtergeht weil wir nämlich nicht in der Lage sind, zu erkennen, was wirklich wichtig ist.

Insofern keine Religionskritik, vielleicht an der Kirche als Institution, aber an Religion auf keinen Fall.

 

The-Pit.de: Für “Wir sind Gold” habt Ihr näher zusammengearbeitet als bei der Produktion von “Ins Licht”. Seid Ihr sonst noch anders vorgegangen?

 

Holly d.: Ja, ganz klar, wir haben zum ersten Mal ein Album selber aufgenommen. Wir hatten einen Ingenieur dabei aber produziert haben wir dieses Mal selber. Es gab keinen Externen, der da irgendetwas zu sagen hatte. Und das war auch gut! Wir hatten bisher immer einen Produzenten mit im Boot, was Vorteile hat, wenn man noch unsicher und auf der Suche ist, sich in der Band streitet. Dann brauchst Du jemanden der sagt: ”So wird’s gemacht!”. Das hatten wir diesmal gar nicht, diesmal haben wir alles selber produziert, meistenteils Oli, unser Gitarrist und sind dadurch auch viel mehr ins Detail gegangen und haben, sagen wir mal, sehr viel selbstverliebter an bestimmten Sachen gearbeitet, wo ein Produzent hat: “Jungs, ist jetzt mal gut.”

Das fühlt sich für uns sehr viel besser an, denn wir sind dieses mal eben keine Kompromisse eingegangen und haben das halt so oft gemacht, bis wir gesagt haben, so ist’s genau richtig. Anderes Thema, wir haben halt früher bei den Streichern immer geguckt, was zum Song passt, es gab Songs, die haben einfach Solostreicherlinien und Songs, da haben wir fünfzig Streicher eingespielt und so ein Orchester simuliert und wir haben diesmal gesagt, das wollen wir nicht, wir wollen eine Streicherästhetik für die gesamte Platte und haben alles als klassisches Kammerorchester eingespielt: Zwei Geigen, eine Bratsche und ein Cello. Alle Songs haben nur diese Streicherlinien und alles, was sonst noch an Stützen da ist, ist elektronisch, einfach um diese ganz klare Ästhetik hinzubekommen und das hat gut funktioniert, hat sehr viel Spaß gemacht.

Jetzt mussten wir da live natürlich was ändern, weil wir eben nur zwei Streicher dabeihaben aber für die Platte ist es eine sehr klare Message, weil diese veränderten Hörgewohnheiten Song für Song wegfallen. Das ist eben alles aus einem Guss auch wenn die Stiles der Songs und die Stimmung immer extrem unterschiedlich ist, der Streichersound ist immer derselbe.

War das jetzt zu ausführlich?

 

The-Pit.de: Nein, ist super, ich darf das alles abschreiben.

 

Holly d.: (lacht) Ich weiß.

 

 

The-Pit.de: Ihr hattet ja dieses mal auch stimmliche Unterstützung von der Christiane...

 

Holly d.: Ja, na ja, wir haben auch schon auf “Das Spiel...” und auf “Kalter Glanz” mit Opernsängern gearbeitet, “Medusa” als Klassiker oder “Mein Todestag”, und der Ausgangspunkt war diesmal einfach “Worte brennen gut”. Da ist ja dieser Kanon drin und wir haben den selber gesungen und gedacht: Das klingt irgendwie albern, das muss viel schriller sein. Herr Stolz, unser Geiger, kannte sie schon und da haben wir uns die eben ins Studio geholt und sie hat dann noch da gesungen, wo es passte. “Meine innere Stimme”, glaube ich und diese lustige Stimme bei “Maskenball” im Refrain mit den tonalen Sprüngen, was wie die Zauberflöte klingt oder so. Und wenn die Leute im Studio sind, lässt man die halt machen. Die Frau, die ist ein Shootingstar in der Opernszene, die war in Salzburg und hatte ein Arrangement in Hamburg an der Oper. Da holt man sich halt solche Leute ran. Muss ja nicht immer Eric Fish sein.

 

The-Pit.de: Also das Einsingen sah jetzt nicht so aus, dass Ihr gesagt habt: “Sing mal so und so”, sondern da war Eigeninitiative drin?

 

Holly d.: Nein, das sind Profis. Die haben keine Eigeninitiative, die machen genau das, was Du willst. Das war schon so gedacht und sollte genau so aussehen wie es jetzt aussieht. Da ist jetzt auch nicht so viel Freiraum, ich meine, die Melodien waren klar, sie hat jetzt unter einem super Druck gesungen, da ist schon wichtig, dass die Interpretation steht.

 

The-Pit.de: Okay. Ihr habt jetzt sechs Jahre nach “Kopfkino” wieder ein Video zu “Wir sind allein” gemacht. Wieso erst jetzt?

 

Holly d.: Ja, das ist relativ schnell erzählt. Erst einmal ist es in unsere Szene relativ schwer, überhaupt ein Video zu platzieren, weil es einfach nirgends läuft. Was soll ich einen Haufen Geld für ein Video ausgeben, nur damit ich mich irgendwie selber toll finde. Ich meine, Viva2 gibt’s nicht mehr und Viva und MTV sind Datingshows, da kommt kaum noch Musik und wer setzt sich denn noch drei Stunden vor MTV und guckt sich jeden Dreck an, nur damit irgendwann mal ein Song kommt, den er cool findet? So etwas ist weg, das ist alle! Jetzt gibt es eben neue Formate durch myspace und youtube, weil halt viel mehr Leute sich Musik im Internet anhören. Dadurch gibt es eine neue Plattform, das zeigt auch, dass wir wahnsinnig viele Zugriffe auf den Link mit dem Video haben. Damit lohnt sich das wieder, dazu kommt auch noch, wir selber, dass wir Poservideos relativ albern finden. Es gibt Bands, zu denen das passt und zu uns passt das einfach nicht. Ich muss mich jetzt nicht mit einem Instrument in den Regen stellen und so tun, als ob ich tierisch abgehe, hey das mach ich auf der Bühne. Und insofern ist bei Videos eh immer eine gespaltene Einstellung da.

Nun war halt der Fall, dass die Plattenfirma gesagt hat, hey Album läuft gut an, jetzt brauchen wir auch ein Video. Es läuft auch auf ein paar Musikkanälen, bei Premiere eine Rotation, in Österreich läufts auch, was sehr lustig ist. Es gibt halt immer so Sachen, irgendwelche Stadtkanäle, die eigene Musikprogramme haben, aber das ist halt weniger. Es läuft und es gucken sich viele Leute im Netz an und für uns war es eben wichtig, um die Nummer noch ein bisschen aufzuwerten, um dasnoch einmal in die richtige Richtung zu drücken. Wir interpretieren ungern unsere eigenen Songs und “Wir sind allein” ist eigentlich nicht falsch zu verstehen, man kann es aber in den falschen Hals kriegen und das Video zeigt einfach genau worum es in dem Song geht. Der Song thematisiert Einsamkeit in unserer Gesellschaft und das muss eben nicht sein. Das ist sehr kitschig, deshalb sagt man es halt mit lyrischen Texten und Musik und das Video unterstreicht das eben. Und außerdem wollte Hollys Tochter mal ins Fernsehen. (lacht).

 

The-Pit.de: War es denn sehr kalt?

 

Holly d.: Es war arschkalt! Also wir haben das irgendwie kaum ausgehalten und ich habe die Lou bewundert, die Nächte waren weit unter 0 Grad und die Kleine hatte einfach die ganze Zeit tierisch gute Laune gehabt.

 

The-Pit.de: Zum Schluss, was machen die zahlreichen Nebenprojekte von Euch?

 

Holly d.: Ähm.... Arbeit. Da bin ich fast der falsche Ansprechpartner für. Also Oli macht ein Frogstar Battle Machine weiter, finde ich ne großartige Band, super abgedrehte Musik, leider zu abgedreht. Muss sich jeder mal anhören. Also wenn Frogstar Battle Machine eine Amiband wäre, wären die schon dicke rausgekommen, aber es ist halt immer das Problem, dass niemand so harte Amimucke von einer deutschen Band hören will, das hatten ja schon viele, dass sie super Musik gemacht haben und keiner es hören wollte. Aber die werden ihr Ding machen und spielen weiter Konzerte und Platten.

Fastlane kann ich Dir gerade gar nicht sagen, ich glaube die pausieren ein bisschen.

 

The-Pit.de: Och ja. Es steht überall: ”Im November kommt die Platte raus”, aber November ist schon ein bisschen was her.

 

Holly d.: Ich weiß es gerade gar nicht, da musst Du die selbst fragen. Und Holly macht noch sein Comuvnics, ne Quatsch macht der nicht mehr. Sein Destojewski, ja die werkeln auch seit eineinhalb Jahren im Studio. Aber es ist halt auch das Ding, dass wir im letzten Jahr mit der Instanz so viel Zeit verbracht haben, dass die alle für ihre Nebenprojekte gar keine Zeit mehr haben. Und ich habe keine musikalischen Nebenprojekte, mir reicht es, wenn ich mit dieser Band unterwegs bin und danach möchte ich bitte Stille

 

The-Pit.de: Okay. Wenn Du noch etwas zum Abschluss sagen möchtest...

 

Holly d.: Ne, das ist okay. Ich steh nicht so auf die letzten Worte. Das klingt immer so altklug.

(beguckt sich das Gerät kritisch) Ist das jetzt wirklich da drauf?

 

Es war drauf. Wir danken Sebastian von Absolut Promotion, sowie Tourmanager Ralle, der Letzten Instanz und Holly d. für dieses nette Interview.

comments powered by Disqus