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Corvus Corax im Interview (Juli 2005)

"Man wird Klassik selten so laut gehört haben!"
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Trotz Zeitdruck wegen Stau und weiteren kleinen Problemen nahm sich Castus von Corvus Corax im Rahmen des Burgfolk Festivals 2005 die Zeit, mir ein paar Fragen zu beantworten.

The-Pit.de: Erzähl doch mal etwa zur Carmina Burana allgemein. 

Castus: Die Carmina Burana ist eine Liedersammlung, die ungefähr 1220 von Mönchen aufgeschrieben wurde. Es sind größtenteils weltliche Texte, ganz selten auch Noten. Diese sind aber sehr schlecht aufgeschrieben. Es ist sowieso auffällig, dass in der Carmina Burana eine sehr schlechte Autographie zu finden ist. Entweder waren sie also nicht gut ausgebildet, oder die haben – wie wir glauben - die ganzen weltlichen Texte selber durchlebt. Wir glauben, sie haben dann beim Aufschreiben doch reichlich getrunken und sich auch nebenbei vergnügt (grinst). In den Texten geht es ja teilweise auch darum. Die Carmina Burana wurde dann 1803 von einem Herrn Aretin im Kloster Benediktbeuern wieder gefunden. Der hat die dann sozusagen erst groß herausgebracht. Heute liegt sie unter Verschluss in München. Das Original wird man nicht zu sehen kriegen, weil es ein zu altes Buch ist. Im genannten Kloster gibt es noch eine Abschrift eines Blattes der Carmina Burana, aber auch da muss man schon richtig Glück haben, um das zu Gesicht zu bekommen. Wir haben nun Stücke davon genommen und vertont für Orchester, zwei Chöre und Corvus Corax und so daraus ein großartiges Meisterwerk gemacht (grinst). Aber wir haben natürlich nur die weltlichen Texte genommen. Die religiösen, also christlichen, Texte interessieren uns gar nicht. Die sind uns einfach zu fad.

The-Pit.de: Und wie ist die Idee entstanden, so ein Projekt in Angriff zu nehmen? 

Castus: Es ist so, dass wir ständig mit der Carmina Burana in Berührung sind. Corvus Corax gibt es nun seit 16 Jahren und wir – jedenfalls Wim und ich - haben auch schon vorher mittelalterliche Musik gemacht. Die Carmina Burana ist in unserem Sprachgebrauch der größte Schatz an weltlicher Kultur, daher stößt man immer wieder darauf. Es gibt lateineische und mittelhochdeutsche Texte. Wir haben schon immer Stücke aus Parallelhandschriften, also die gleichen Stücke anders überliefert, gewählt, aber dann auch mit den Originalnoten – oder eben Neumen - gespielt. Und das machen wir ja seit fast 20 Jahren. Wir haben da zum Beispiel "Totus Floreo", "In taberna", "Alte clamat". Letzteres ist ja quasi die Parodie zum Palästinalied, auf das wir nicht so stehen, weil wir den Text nicht so mögen. Da geht es eben um Kreuzzüge. Wir mögen viel lieber die Satire aus der Carmina Burana, wo es dann darum geht, dass man doch gleich morgens mit dem Saufen und Feiern anfangen soll.

The-Pit.de: Aber das Palästinalied habt ihr doch auch schon gespielt… 

Castus: Ja, das haben wir auch schon gemacht, aber wir haben uns nun intensiver mit dem Text beschäftigt. Die Melodie hat der Komponist sowieso geklaut, aber das war schon damals üblich. Er hat die von einem Franzosen, der schon 100 Jahre früher ein Frühlingslied mit dieser Melodie geschrieben hat. Es gibt zwar ein paar Strophen, die okay sind, aber inzwischen singen wir es gar nicht mehr im Original, sondern eben die Carmina Burana Version. Die heißt jetzt bei uns übrigens gar nicht mehr Carmina Burana, weil wir ein großes Problem mit den Orff Erben und dem Verlag hatten. Deshalb heißt sie nun Cantus Buranus.

The-Pit.de: Du sagtest eben, ihr hättet die Songs anhand der Texte ausgewählt. Aber es gibt ja sehr viele Stücke in der Carmina Burana, die sich mit weltlichen Themen befassen. Wie habt ihr die endgültige Endauswahl getroffen? 

Castus: Das Ganze ist ja noch mal unterteilt in satirische Dichtung, Liebeslieder und Trinklieder. Das passt natürlich alles zu uns. Wir haben darauf geachtet, dass möglichst viele Themen behandelt werden, die auch wirklich zu uns passen. Wir singen zum Beispiel in "Venus" von der Liebe – es gibt sogar eine Liebesballade mit dem Thema: "Liebe oder lass es sein". Damit ist nicht unbedingt die geistige Liebe gemeint. Da geht es schon um derbere Sachen, die nicht so offensichtlich sind, die man aber daraus liest, wenn man sich mehr mit den Bildern beschäftigt. Dann haben wir als Thema die "bösen Zungen", also die Lügner, die anderen zum Beispiel aus Neid irgendwelche Dinge unterstellen. Das haben wir mit hineingenommen, weil wir davon auch betroffen sind (lacht). Ab und zu jedenfalls. "Ergo Bibamus" – Darum trinken wir - ist ein Trinklied. Es sind eben alles Dinge, die uns betreffen, die wir ausgewählt haben. Aber es ist ja auch erst der erste Schritt.

The-Pit.de: Ihr habt also vor, euch weiterhin mit der Carmina Burana zu beschäftigen? 

Castus: Ja, das streben wir an. Ob wir jetzt Stücke aus der Carmina Burana nehmen oder welche aus anderen Handschriften, ist erstmal nicht so wichtig. Aber wir werden in Zukunft sicherlich öfter mit der Gewalt eines Orchesters arbeiten. Wir hatten uns überlegt, was wir als nächstes machen und sind dann darauf gekommen, dass wir ein neues Klangbild brauchen, welches sich von Tanzwut und Corvus Corax unterscheidet. Wir brauchten ein lautes akustisches Instrument. Und das ist mit Abstand das Orchester mir Chor (lacht). Wir dachten: „Okay, dann schreiben wir dafür etwas!“.

The-Pit.de: Inwiefern habt ihr bei eurer Neuvertonung anders gearbeitet als Orff? 

Castus: Wir haben die Texte genommen und die Musik komplett neu geschrieben. Der Orff hat die Texte teils noch bearbeitet. Wir haben Stücke aus den Texten herausgenommen und auf die Grammatik geschaut. Aber wir haben es nicht bearbeitet, während er in die Texte eingegriffen hat. Wir wollten so nah wie möglich am Original bleiben.

The-Pit.de: Euch gibt es jetzt seit 16 Jahren. Warum habt ihr dieses Projekt erst jetzt gestartet? 

Castus: Nunja, wir haben angefangen mit mittelalterlicher Musik. Da muss man sich entwickeln. Wir sind inzwischen mit Corvus Corax so weit, dass uns Menschen, die gerne mittelalterlicher Musik hören, kennen. Das muss man sich erarbeiten. Man kann nicht einfach losgehen und drauflos musizieren. Naja, kann man natürlich auch machen (lacht). Aber bei uns ist es inzwischen so, dass wir selber auch mittelalterliche Musik schreiben können. Keiner würde den Unterschied mitbekommen. Mit Texten ist es genauso. Die können wir auch schreiben, wenn wir wollen. Als wir damals beim Scheidepunkt waren, bei dem es darum ging, ob wir mit Corvus Corax aufhören oder weitermachen, ist Tanzwut entstanden. Da hat dann auch Corvus Corax plötzlich wieder mehr Spaß gemacht. Und so war es jetzt auch. Irgendetwas musste einfach passieren: Cantus Buranus ist entstanden. Leider müssen wir das jetzt so nennen (lacht).

The-Pit.de: Die Uraufführung findet ja am 5. August im Rahmen des Wacken Open Airs statt. Wieso habt ihr euch gerade für ein Metal Festival entschieden? 

Castus: Wir hatten verschiedene Idee. Eigentlich sollte die Uraufführung auf der Museumsinsel in Berlin stattfinden, die nun aber später folgt. Dann hat uns der Veranstalter vom Wacken Open Air gefragt, ob wir Lust darauf haben. Wir wissen, dass viele Metaler extreme Mittelalterfreaks sind. Sie trinken gerne Met, schütteln auf unseren Konzerten die Haare. Da haben wir gedacht, dass es einfach gut passt. Man darf es sich auch nicht als klassisches Konzert auf dem Wacken Open Air vorstellen. Man wird Klassik selten so laut gehört haben. Wir hoffen, dass die Leute dennoch ausflippen, auch wenn wir jetzt natürlich noch nicht wissen, wie sie reagieren werden. Ansonsten haben wir ja auch viele Fans aus der Gothic-Szene. Corvus Corax ist ja generell dafür bekannt, viele Genres anzusprechen. Für uns ist es optimal, wenn ein bunter Haufen vor uns steht.

The-Pit.de: In Berlin wollt ihr ja auch eine DVD aufnehmen…

Castus: Genau, das haben wir vor. Die wird dann wohl im Januar 2006 erscheinen.

The-Pit.de: Wird es da besonderes Bonusmaterial geben? 

Castus: Wir arbeiten daran. Aber jetzt gibt es ja erstmal den Bonus, den viele gar nicht so richtig berücksichtigen. Das ist die Fanedition mit 5.1 Sound, die jetzt am 8. August auch erscheint. Wer eine entsprechende Anlage hat, wird mitkriegen, dass man wirklich ganz anders mischen kann. Wir haben zwar mit Corvus Corax und Tanzwut ähnliche Dinge gemacht, aber da bekommt man das nicht so wirklich mit. Wir haben auch keine besonderen Effekte hinzugefügt, sondern dafür gesorgt, dass der Zuhörer quasi ganz entspannt mitten auf der Bühne sitzt. Man kann die Augen zu machen, sich zurücklehnen und hört dann das Orchester hinter, die Chören neben und Corvus Corax vor sich. Es passiert viel, man hört ganz anders als normal. Es sind teilweise 300 Spuren in Stereo gewesen. Da ist es logisch, dass man mit 5.1 Sound mehr hört.

The-Pit.de: Du warst auch bei der Aufnahme der Schandmaul DVD dabei. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen? 

Castus: Wir kennen die schon seit Jahren. Die Birgit rannte vor Jahren schon in Kaltenberg herum. Sie hatte den gleichen Dudelsackbauer und so hat man sich eben kennen gelernt. Man trifft sich ja auch ständig auf Festivals. Vor zwei Jahren haben wir zum Beispiel auch hier beim Burgfolk mit Schandmaul gespielt. Und irgendwann rief sie uns an und hat gefragt, ob wir Lust darauf haben und wir haben das dann einfach gemacht. Es macht ja auch Spaß. Außerdem hat es auch irgendwie Parallelen zu dem, was wir mit der Carmina Burana machen. Die Leute von Schandmaul hatten zwar kein Orchester, sondern nur Streicher, aber es ist eine tolle Sache. Die Kinder und Jugendlichen, die mitgewirkt haben, waren sehr gut ausgebildet. Da hat man gemerkt, dass aus ihnen irgendwann richtige Profis werden. Wir haben es gerne gemacht und werden ähnliche Sachen in Zukunft sicher auch mit anderen Bands zusammen machen. Aber die Sache mit Schandmaul lag uns da schon mehr am Herzen. Wir gehen Ende des Jahres auch mit ihnen auf Tour – wenn auch nur für ca. 3 Tage.

The-Pit.de: Und wer spielt bei wem im Vorprogramm? 

Castus: Es sind zwei Termine mit Corvus Corax, einer mit Tanzwut. Ich glaube, da wird es Unterschiede geben, aber wie genau wir das machen, wissen wir auch noch nicht. Wir wollten Streichhölzer ziehen …

Wir bedanken uns bei Castus für das informative Interview.

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