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Coldseed im Interview (Juni 2006)

Alte Bekannte einmal ganz anders
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Am Freitag, dem 30. Juni, erschien Coldseed’s Debütalbum “Completion Makes The Tragedy” und allein wegen der “prominenten” Besetzung der Band (u.a. mit Björn Strid [Soilwork] und Thomen Stauch [ex-Blind Guardian, Savage Circus] bestand natürlich erhöhter Gesprächsbedarf. Drummer Thomen Stauch plauderte mit uns ausführlich über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

 

The-Pit.de: Hi Thomen. Ich hoffe dir geht es gut? 

 

Thomen Stauch: Ja logisch, dir auch?

 

The-Pit.de: Natürlich, vor allem bei den tollen Fussball WM-Spielen. Bist du den auch ein wenig im WM-Fieber? 

 

Thomen Stauch: Ja klar, waren ja echt ein paar schöne Spiele dabei. Hoffentlich schaffen wir es bis ins Finale. Mein Traumfinale wäre ja Deutschland-Spanien, da kann ich so schön mit meiner Frau streiten (lacht).

 

The-Pit.de: Zunächst aber Gratulation zu “Completion Makes The Tragedy”, welches ein wirklich facettenreiches und gelungenes Album geworden ist. 

 

Thomen Stauch: Dankeschön, das hört man gerne.

 

The-Pit.de: Coldseed ist ja eine Band, die jetzt keine wirkliche Newcomerband im klassischen Sinne ist, sondern es sind ja viele bekannte Namen aus der Metalszene an Bord. Allen voran natürlich du als ehemaliger Blind Guardian Drummer und Schlagzeuger bei Savage Circus und Björn Strid, welcher als Sänger von Soilwork zu den populärsten Vertretern der modernen Metalszene zählt. Aber auch Michael Schüren und Oli Holzwarth haben sich längst durch ihre Aktivitäten bei Blind Guardian einen Namen gemacht. Wie kam es eigentlich zur Gründung von Coldseed bzw. wer hatte die Idee dazu? 

 

Thomen Stauch: Das ist eigentlich eine ziemlich verrückte Geschichte. Das Ganze hat angefangen auf der letzten Blind Guardian-Tour, als wir auf dem Weg nach Florida waren. Das war ein ziemlich langer Trip über zwei Tage und uns war im Bus allen ziemlich langweilig, bis Michael [Schüren - Anmerkung des Verfassers] ankam und meinte, er möchte mich mal mit ein paar blöden Fragen nerven und an irgendeinem Punkt, wo wir uns schon halb tot gelacht hatten, wollte er mir eine ernsthaftere Frage stellen und fragte, ob ich denn schon mal irgendetwas Anderes gemacht habe, als immer nur Melodic Powermetal bzw. immer nur Blind Guardian. Ich meinte dann nur, dass ich das erste Iron Saviour Album für Piet [Sielck - Anmerkung des Verfassers] eingespielt habe, aber das war’s dann auch schon. Na gut, aber das ist ja nun auch Traditional Metal. Michael wollte schon immer mal musikalisch etwas Anderes machen und fragte mich, ob ich denn Interesse hätte. Das wollte ich eigentlich schon immer gerne machen, aber ich hatte immer geglaubt, dass ich nie die Zeit dafür finden würde und das ich ja eigentlich auch eher im traditionellen Metal zu Hause bin. Es war für mich auch schwierig Leute zu finden, mit denen ich so etwas dann auch machen konnte. Michael wollte aber trotzdem gerne mit mir zusammenarbeiten, aber befand es nicht für sinnvoll, mit dieser Band oder diesem Projekt etwas zu machen, das es bereits gibt. Es würde einfach nur dann Sinn machen, wenn es wirklich etwas Außergewöhnliches wäre. Da hab ich ihm nur zugestimmt und meinte, wir sollten das dann auch mal im Auge behalten und einfach mal sehen, was daraus wird. Vielleicht kommt ja irgendwann einmal der Tag, wo wir die Zeit finden, so etwas auf die Beine zu stellen. Und so kam es dann auch, nachdem ich im September 2003 fest nach Spanien gezogen bin. Ich bin momentan wieder in Deutschland aufgrund meiner Aktivitäten, weil es schwer zu vereinbaren war. In Spanien selber, habe ich mir dann aber auch ein kleines Studio eingerichtet und unseren Gitarristen Gonzalo [Alfageme López - Anmerkung des Verfassers] kennengelernt, der mittlerweile einer meiner besten Freunde geworden ist und ihn hab ich dann auch gefragt, ob er nicht auch Interesse an einer Zusammenarbeit hätte, denn es ist immer gut, wenn man auch junge Leute in seiner Band hat und wir sind ja eh schon die etwas ältere Generation. So kam es dann auch, dass wir angefangen haben erste Songs zu schreiben und witzigerweise hatte Michael genau zu diesem Zeitpunkt wieder mehr Kontakt zu unserem zweiten Gitarristen, Thorsten [Praest - Anmerkung des Verfassers]. Dann haben wir langsam in zwei verschiedenen Studios, in zwei verschiedenen Ländern damit begonnen Songs für die Band zu schreiben. Keiner hatte sich allerdings genau darüber unterhalten, wie die stilistische Marschroute überhaupt aussehen sollte. Wir wussten nur, dass wir etwas Außergewöhnliches kreieren wollten, aber als wir uns dann gegenseitig die Songs schickten, merkten wir, dass sehr große Differenzen in diesen waren, die aber trotzdem von der Stilistik in sich verbunden waren und einfach funktionierten. Dann kam auch der Punkt auf, an dem wir dachten, dass durch die vielen verschiedenen Musiker, die hier integriert sind, etwas ganz Besonderes entsteht. Das fanden wir sehr interessant und sind dann noch heißer auf die ganze Sache geworden. Wir haben weiter und weiter gemacht und waren dann irgendwann Anfang 2004 an dem Punkt, dass wir so sieben Stücke fertig hatten und haben gesagt, um das ganze Ding mal mehr auf den Punkt zu bringen, lass uns mal bei mir hier in Spanien treffen und wir nehmen eine Art Vorproduktion auf. Erst danach wussten wir, wie wir eigentlich klingen und was wir genau wollten. Daraufhin haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wer denn gesangsmäßig am besten zu unserer Musik passen würde.

 

The-Pit.de: Und da war Björn Strid gleich der Wunschkandidat? 

 

Thomen Stauch: Nein, wir hatten, weil wir damals noch große Fans von Skunk Anansie waren, eigentlich daran gedacht Skin von Skunk Anansie zu kontaktieren.

 

The-Pit.de: Das wäre doch ziemlich bizarr geworden? 

 

Thomen Stauch: Das wäre sogar sehr bizarr geworden, aber es war ja das, was wir wollten. Wir wollten ja etwas Sonderbares machen. Ich glaube auch, dass dieser Gegensatz sehr geil geworden wäre. Es gab nur ein Problem an der Sache und das war, dass wir wussten, dass sie nicht mehr bei Skunk Anansie ist und das sie mittlerweile mehr in die Pop-Richtung tendiert. Trotzdem wollten wir abchecken, wie die Frau so drauf ist und haben uns etwas auf ihrer Internetseite umgeschaut und uns ein paar Interviews, die sie dort gepostet hat, angehört. In einem Interview sagte sie dann tatsächlich auch, dass sie noch immer gerne Skunk Anansie Songs hört, aber eben nachdem sie diese in ihre Pop-Richtung umtransformiert hat. Danach war diese Frau für unser Projekt gestorben und es war uns auch klar, dass sie nicht wirklich an härteren Sounds interessiert sein würde. Für uns war es einfach unnötig, die genialen Songs, die sie mit Skunk Anansie gemacht hatte, auch noch in diese Pop-Richtung umformen zu wollen. Wir haben es dann auch ruhen lassen und irgendwann hatte ich dann die Idee, dass eben Björn “Speed” Strid der Topfavorit für diese Band wäre, weil er alle Elemente mitbringt, die wir hören wollten. Nur irgendwie hatte ich einen Aussetzer und bin die ganze Zeit nicht auf den Typen gekommen. Irgendwann machte es klick und ich dachte nur, Thomen wie doof bist du eigentlich, klar Björn, der ist der perfekte Mann dafür. Er bringt die melodischen Elemente mit, er bringt diese Clean-Voice mit, er bringt diese unglaubliche Scream-Voice mit, er bringt die aggressiven Elemente mit hinein. Eben alles, was wir wirklich haben wollen. Wir wussten das Skin auch in diese Richtung hätte gehen können, wenn das Interesse da wäre. Ich denke aus dieser Frau ist sogar noch mehr rauszuholen, als das, was sie bei Skunk Anansie gezeigt hat, aber wenn das Interesse nicht da ist und sie das auch öffentlicht verkündet, sollte man lieber die Finger davon lassen. Wir haben dann auch Björn über unseren alten Gitarrentechniker, der sich damals bei Blind Guardian um Markus [Siepen - Anmerkung des Verfassers] gekümmert hatte und mit Soilwork auf Tour war, kontaktiert. Er war direkt total begeistert und hat uns Björn richtig schmackhaft gemacht und damit absolut recht gehabt, denn Björn ist ein super sympathischer Typ, der ganz auf dem Boden geblieben ist. Auch brachte er einige geniale Ideen mit und als er uns diese zeigte, hatte er uns vollkommen umgehauen. Danach wussten wir, wir sind jetzt eine Band! Jetzt fehlte uns nur noch ein Bassist und Oli Holzwarth lag da natürlich am nächsten, weil man ihn als Mensch und auch seine Skills als Musiker kennt, die verdammt hoch liegen.

 

 

The-Pit.de: Wie schwierig ist es denn, bei Musikern, die alle ihre Verpflichtungen haben, überhaupt die Zeit zum Songwriting bzw. zu den Aufnahmen zu finden? 

 

Thomen Stauch: Das war teilweise sehr kompliziert. Die Zeit zum Songwriting hab ich mir dann hauptsächlich mit Gonzalo genommen und da er ja noch berufstätig ist, haben wir teilweise die ganze Nacht durchgearbeitet und er ist dann praktisch ohne Schlaf zur Arbeit gegangen. Wir haben wirklich “malocht wie die Berzerker”. Daran erkennt man auch, wie heiß wir auf darauf waren und wir wollten dieses Ding endlich fertig bekommen. So hart es auch war, es hat trotzdem richtig Spaß gemacht. Beim Michael und Thorsten war das nicht anders, nur für den Björn war es etwas entspannter, weil viele Teile der Songs ja schon standen. Dennoch haben wir gemeinsam in den Hammer Studios, während der Studiophase noch an vielen Passagen gearbeitet oder manche ganz rausgeschmissen, weil diese für den Gesang abgeändert werden mussten. Somit hat es ziemlich lang gedauert, bis das Album fertig war. Auch aufgrund einiger Unterbrechungen, wegen der vielen Aktivitäten mit unseren anderen Bands.

 

The-Pit.de: Habt ihr Björn denn bei den Lyrics freie Hand gelassen oder hattet ihr ihm irgendwelche Vorgaben gegeben, was zum Beispiel die Thematik der Songs angeht? 

 

Thomen Stauch: Nein, wir haben ihm bei den Lyrics komplett freie Hand gelassen. Das einzige was für uns zählte war, dass er mit seinen Lyrics, aber auch mit seinem Weg zu singen, die Persönlichkeit und den Charakter von dem was er ist und von dem was er singt rüberbringt. Alles andere war ihm komplett selbst überlassen und ich glaube, dass es ihm ganz gut gelungen ist.

 

The-Pit.de: Wenn man dir so zuhört, dann wird einem sehr schnell deutlich, wie stolz du auf das Album bist und wie wichtig es dir ist. 

 

Thomen Stauch: Ja ich bin super stolz, denn es war für mich wirklich ein Angang dieses Ding zu schaffen, weil es einfach was ganz Anderes war. Ich habe am Anfang wirklich einige Ängste mitgebracht und fragte mich, ob ich wirklich dazu im Stande bin. Dazu möchte ich sagen, dass ich ja bei Blind Guardian nicht wirklich der größte Songwriter war, obwohl ich mit Savage Circus bewiesen habe, dass ich es kann. Aber dann mit Coldseed in so eine andere Sparte einzuschlagen und es da dann noch mal beweisen zu müssen, da hatte ich doch schon Ängste vor. Doch für meinen Geschmack haben wir es geschafft. Es war insgesamt auf jeden Fall ein große Herausforderung für mich und ich kann ganz offen und ehrlich zugeben, dass ich beim Einspielen der Drums Blut und Wasser geschwitzt. Das lag auch daran, dass Michael Schüren sehr kritisch ist, was Grooves zum Beispiel angeht. Ich bin dann auch oftmals in die Schiene abgerutscht, wo ich dann mal wieder so einen wahnsinnigen Break reingeknallt hab, was manche in der Band auch sehr geil fanden und deshalb gibt es solche Stellen auch. Hör dir zum Beispiel nur das Outro von der Ballade “Reflections” an, bei der sich zum Schluss der Refrain wiederholt, wo ein solcher Break zu finden ist, den sonst normalerweise kein Mensch spielen würde. Das ist eben Thomen (lacht). Alle wollten das auch unterstützen, aber es gibt bestimmte Punkte, an denen du das nicht machen kannst, weil du dann den Song kaputt machen würdest. Wenn du aus so einer Musikrichtung, wie Blind Guardian kommst, bei der solche Breaks in erhöhtem Maße erlaubt sind, passiert dir das sehr schnell und dir wird genauso schnell wieder auf die Füße getreten und es heißt, nein Thomen, das hier ist eine andere Schiene. Am Anfang hab ich geweint und fand diese Breaks total super, doch wenn ich mir das heute anhöre, wo diese nicht drin sind, muss ich zugeben, dass die Jungs Recht hatten. Dafür danke ich ihnen auch.

 

The-Pit.de: Wenn ich mir dein Drumming in den letzten Jahren einmal anhöre, dass kann jetzt reine Einbildung meinerseits sein, kommt es mir so vor, als hättest du dich noch einmal enorm weiterentwickelt. Bis zur “Nightfall In Middle-Earth” warst du für mich immer ein guter, grundsolider Drummer, aber seit der “A Night At The Opera” und auch eurem Coldseed Debütalbum “Completion Makes The Tragedy”, gehörst du in meinen Augen zu den besten Drummern Deutschlands, denn dein ganzes Drumming wirkt für mich deutlich imposanter und auch genialer. Würdest du mir da zustimmen? 

 

Thomen Stauch: Ich möchte ganz ehrlich sein, wenn es um die “A Night At The Opera” geht, denn da hat sich die Stilistik von Blind Guardian doch erheblich verändert und für mich war es zunächst eine fremde Welt, was auf dieser Platte mit dem Drumming passieren sollte. Da hat mir unser damaliger Engeneer und Producer Charlie Bauerfeind, der selber auch Schlagzeuger war, sehr geholfen und unter die Arme gegriffen. Ich finde es ist auch nichts Schlimmes dabei zuzugeben, dass ich mir habe helfen lassen und mir Ideen habe geben lassen. Man darf aber nicht vergessen, dass ich ja immer noch selber getrommelt habe. Trotzdem Dankeschön, dass finde ich sehr nett zu hören.

 

The-Pit.de: Jetzt ist es ja auch knapp ein Jahr her, dass du Blind Guardian verlassen hast. Was hat sich in deinem Leben dadurch verändert? 

 

Thomen Stauch: Ich kann auf jeden Fall freier und uneingeschränkter arbeiten, denn bei Blind Guardian gab es ja eine klare Marschroute, obwohl es die bei unseren Bands auch gibt, aber wir sind nicht so personenbezogen. Bei Blind Guardian war es ja schon so, dass André (Olbrich - Anmerkung des Verfassers) und Hansi (Kürsch - Anmerkung des Verfassers), auch wenn sie es manchmal mit toller Demokratie in der Band anders dargestellt haben, bei zwei gegen zwei Entscheidungen das gemacht haben, was sie für richtig hielten. Dann stieß auch ab und zu das Argument auf uns, dass sie ja die Band groß gemacht und die Songs geschrieben hätten und das sie deshalb wüssten, wie es anscheinend richtig geht. Gut, war vielleicht auch legitim, da haben sie sogar vielleicht mit recht gehabt. Man kann nie wissen, wie es gewesen wäre, wenn man es doch anders gemacht hätte. Da konnte ich mit leben, nur es war teilweise ein wenig nervig, wenn du als Musiker solche Sachen entgegengebracht bekommst. Wie gesagt, ich konnte damit leben, aber jetzt natürlich die Freiheiten zu sehen, welche ich nun habe, auch mal eigenständig entscheiden zu können, dass das jetzt das Beste für die Band ist, tut wirklich gut. Wobei ich sagen muss, dass ich solche Dinge eigentlich gar nicht mache, ich spreche alles mit meinen Bandmitgliedern ab, wenn eine Entscheidung zu fällen ist. Es sei denn, irgendjemand ist gerade nicht da, weil er sich z.B. im Urlaub befindet, denn dann muss ich einfach die Entscheidung für den Mann mitfällen, aber ansonsten sind wir ein Team in beiden Bands, Coldseed wie Savage Circus. Ich finde, dass ist auch sehr wichtig und mir hat das in den letzten Jahren bei Blind Guardian gefehlt. Das diese Gemeinschaft da war, wie noch in den jungen Jahren. Diese ist für mich jetzt auch irgendwo wiedergekehrt und ich fühle mich pudelwohl dabei. Meine Situation hat sich, natürlich aufgrund des niedrigeren Erfolges, den man jetzt erst mal mit diesen Bands hat, geändert, was selbstverständlich ist, wenn man kleiner wieder anfängt. Aber das ist es ja auch, was es so reizvoll macht, dass Ding wieder nach oben bringen zu müssen. Die große Welt habe ich ja jahrelang mit Blind Guardian gesehen und jetzt ist es wieder der Schritt zurück und man muss bzw. man will wieder dahin kommen. Bei Blind Guardian und bei dem Status den die Band heute hat bzw. als ich sie verlassen habe, wusste ich nicht, wo es noch groß hätte hingehen sollen, denn der Megadurchbruch, wie Metallica mit dem schwarzen Album, ist selbst laut Hansi und André eher unwahrscheinlich in dem Alter, in dem man sich befindet und nach so vielen Alben. Man kann zwar nie wissen, es ist ja noch möglich, aber doch unwahrscheinlich. Das Letzte, was ich machen würde, ist die “musikalische” Nutte zu spielen und zu sagen, gut man hatte Differenzen bei Blind Guardian, persönliche und musikalische, aber unsere Fans lieben uns doch so, wir müssen doch jetzt weiter nach Außen das Gesicht wahren, die feine Familie spielen, also lasst uns zusammen bleiben, für alles Geld der Welt, was soll’s. Da hab ich keinen Bock drauf, dass ist nicht mehr ehrlich unseren Fans gegenüber und genau das wollten wir auf beiden Seiten nicht. Das wollten Blind Guardian nicht und das wollte ich, als Einzelmusiker, genauso wenig. Somit war die Entscheidung damals auch sofort klar.

 

The-Pit.de: Zurück zu Coldseed. Wenn man dir zuhört, wird deutlich, dass du Coldseed als waschechte Band siehst. Dennoch lag im Vorfeld, auch mit den Gerüchten um Coldseed, die Vermutung nahe, die Band, aufgrund der “Prominenz”, lediglich als Projekt anzusehen. 

 

Thomen Stauch: Es war ja auch zunächst so dargestellt. Und das war mein größter Fehler. Das hat auch nur einen Hintergrund, denn ich wusste, dass es sehr schwierig wird, mit dieser Band, aufgrund unserer Zeitpläne, auf die Bühne zu gehen. Deswegen habe ich damals den Jungs nahegelegt, Coldseed als Projekt rauszugeben. Denn so müsste man nicht unbedingt Konzerte oder Tourneen geben. Doch schon bald habe ich festgestellt, dass die Leute, sobald du Projekt dahinter schreibst, dich nicht mehr für voll nehmen. Gerade in der heutigen Zeit, in der es so viele dieser Projekte gibt. Da hat keiner mehr Lust drauf und das wollen wir auch nicht sein. Wir wollen kein Projekt sein, wo keiner Bock drauf hat, weil die Leute denken, dass die Jungs da nicht hinterstehen. Nein, wir stehen 100%ig, sogar 150%ig hinter Coldseed. Das muss ich jetzt leider in Interviews immer wieder klarstellen, aber das ist ein Fehler, den ich mir selbst eingebrockt habe. Wir sind definitiv eine Band, wir wollen auf die Bühne und wir werden auch den Punkt finden, an dem es uns möglich ist dorthin zu kommen. Wir haben jetzt schon die Zeit zwischen Oktober und November ins Auge gefasst, wo Blind Guardian einen dreiwöchigen Break machen und probieren das zu buchen. Wir werden nur das Problem haben, dass wir nicht als Support auf eine andere Band aufspringen können, weil die ganz andere Zeitpläne haben, die wir nicht einhalten können. Das heißt, wir müssen entweder eine Art Co-Headliner Tour machen oder Einzelkonzerte als Co-Headliner mitnehmen oder wir spielen auf einem Festival. Festivals sind in den Monaten aber nicht mehr wirklich angesagt. Als Headliner wird man uns nicht sehen, denn wir haben nur eine dreiviertel Stunde Programm und ich habe keine Lust, eine Coverband zu sein, mit 35 weiteren Minuten voller Coversongs. Das wird alles sehr kompliziert werden.

 

The-Pit.de: Was mir beim Hören von “Completion Makes The Tragedy” sofort positiv auffiel, ist die Vielseitigkeit eures Sounds. Es ist schier unmöglich, eure Musik in irgendwelche Genreschubladen zu stecken, denn man findet einfach zu viele unterschiedliche Einflüsse, sei es aus dem Bereich Power- / Melodic Metal, modernem Thrash Metal oder gar Industrial. Wie würdest du euren Stil am ehesten beschreiben und bist du mit der Einordnung, “Melodic Crossover Metal”, mit der Nuclear Blast euch bewerben, zufrieden? 

 

Thomen Stauch: Genau so ist es auch, genau so bezeichnen wir uns. Das war eigentlich die Entscheidung der Band, denn da haben wir irgendwann beschlossen unsere Musik so zu betiteln, weil wir glauben, dass Crossover - Musik eben die Musik oder die Richtung ist, die die meisten Elemente unseres Stils beinhaltet. Melodic ist sehr wichtig, weil wir eine melodische Band sind, auch mit unseren aggressiven Parts. Deswegen glaube ich, dass dies die beste Beschreibung für unsere Band ist. Ich verstehe allerdings deine Problematik, aber wir haben gedacht, dass Melodic Crossover Metal wohl das legitimste sei. Aber da hast du eigentlich einen sehr geilen Punkt mit angesprochen. Und zwar bin ich der Meinung, dass gerade Coldseed, aufgrund der Tatsache, dass wir so schwer einzuordnen sind, beweist, dass wir das gemacht haben, was wir wollten und auch zufälligerweise, was uns nicht 100%ig klar war, etwas Eigenes kreiert haben. Eine Band, die man nicht in irgendwelche Schubladen drücken kann und deswegen sind wir auch mit Nuclear Blast in Kontakt getreten bzw. haben bei denen gesignt. Sie haben genau die Zukunftsvisionen für diese Band gehabt, die wir brauchen. Von Anfang an haben wir gesagt, dass “Completion Makes The Tragedy” kein traditioneller Metalrelease sein wird, denn es ist etwas Sonderbares. Und genauso sind momentan auch die Reaktionen der Journalisten. Wir kriegen überschwängliche Reaktionen, von 8,5 oder 7,5 von 10 Punkten, bis hin zu 10 von 10 Punkten und es gibt dann auch genau das Gegenteil. Zum Beispiel haben wir von einem englischen Journalisten gehört, wo wir lediglich 3 von 10 Punkten bekommen haben. Ich will jetzt nichts rechtfertigen, aber da kommt mir dann doch der Gedanke, ob derjenige überhaupt weiß wovon er spricht und ob er das Album überhaupt gehört hat. Damit will ich jetzt nicht sagen, dass jemand unser Album nicht schlecht finden darf. Logisch, wenn es dir nicht gefällt, gefällt es dir eben nicht, aber da stehen wirklich viele erfahrene und langjährige Musiker hinter und selbst wenn es demjenigen nicht gefällt, berechtigt es dich dann wirklich nur 3 von 10 Punkten zu geben? 3 Punkte heiß für mich schon so viel wie, dass braucht kein Mensch, stampft euch am besten wieder ein. So eine Behauptung grenzt für mich schon fast an eine Frechheit. Ich glaube sowieso, dass viele unter dem Gesichtspunkt dran gehen, das ich ja eigentlich für Power und Melodic Metal stehe, wie bei Blind Guardian und Savage Circus, genauso ist es bei Michael und Oli. Die Leute sind dann vielleicht auch enttäuscht, weil sie dachten es kommt eine geile Melodic Metal Platte und weil sie die eben nicht bekommen haben, geben sie nur 3 Punkte. Das ist definitiv der falsche Weg, um an so eine Band dran zu gehen und dann hat jemand überhaupt nicht verstanden, warum wir das Album gemacht haben. Deswegen bin ich dir auch sehr dankbar für das Interview. Ich bin generell momentan über jedes Interview dankbar, dass wir mit dieser Band geben dürfen, damit die Leute verstehen, was hinter uns steckt und warum sie zu Stande gekommen ist.

 

The-Pit.de: Wenn du dir einen oder mehrere Songs von “Completion Makes The Tragedy” aussuchen dürftest, welche wären deine persönlichen Favoriten? 

 

Thomen Stauch: Da kommt wieder dieser Pluspunkt für Coldseed, wenn ich uns noch einmal selbst loben darf (lacht). Es ist Tag für Tag total von meiner Laune abhängig, welchen Song ich am liebsten mag. Das spricht auch für das Album, dass es in seiner Stilistik so abwechslungsreich ist. Je nach dem, wie du drauf bist, magst du vielleicht lieber eine düstere Nummer, wie “Burning With A Shade” oder “Hatchet” und dann gibt es auch Tage, wo du lieber auf Songs, wie “On My Way” oder “Five More To Fix” stehst, die etwas mehr nach vorne losgehen. Ich denke auch, dass “Completion Makes The Tragedy” dadurch, dass du für so viele Stimmungen Songs auf dem Album findest, auch nicht so schnell langweilig wird. Das habe ich sogar schon sehr oft als positiven Punkt von Journalisten gehört und ein schöneres Geschenk kann eine Band nicht bekommen.

 

The-Pit.de: Wie sehen denn gezielt deine Wünsche und Ziele für Coldseed aus? 

 

Thomen Stauch: Ich hoffe, dass die Band einschlägt, dass die Leute uns verstehen und dass damit mein Traum erfüllt ist, das ich mal etwas anderes machen konnte. Ich bin für viele Musikrichtungen offen und ich möchte mich in meinem Spektrum immer erweitern. Ich hoffe, dass die Leute das anerkennen und nicht direkt auf einen draufschlagen, wenn sie nicht gleich dafür sind, sondern auch mal so offen sind und mich verstehen. Ich freu mich über jede Lobeshymne, aber ich brauche sie nicht von jedem und da jeder einen anderen Geschmack hat, ist es auch vollkommen klar, dass uns nicht jeder gut finden wird. Ich hasse Leute, die wirklich meinen, ein Album vernichten zu müssen, nur weil sie den Musikstil nicht mögen und nicht einsehen wollen, dass Thomen Stauch auch mal etwas Anderes machen will. Ich möchte einfach, dass die Leute ein wenig mehr “open-minded” werden, was solche Dinge angeht. Ich hoffe, dass wir bald auf der Bühne stehen werden und würde mich tierisch freuen, auch Fans aus alten Blind Guardian-Zeiten wiederzusehen. Ich glaube an eine gute Zukunft der Band.

 

Wir möchten uns bei Thomen Stauch und Coldseed für das schöne Interview bedanken und wünschen ihm auf dem Weg der Genesung von Herzen alles Gute!

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