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Axxis im Interview (Oktober 2017)

Das ist halt auch der Ruhrpott, da geht es gerade heraus, was Sache ist

The-Pit.de: Mit „Retrolution“ habt ihr ein neues Album draußen, wo der Titel schon viel vorweg nimmt. Inwieweit ist es schwer, die alten Fans zu bedienen und mitzunehmen, weil sie ja auch immer wieder nach den alten Songs schreien, und eben die eine oder andere neue Idee einzubauen? Phil Rind von Sared Reich sagte mal, dass sie kein neues Album mehr schreiben würde, das wolle doch eh niemand hören...

Bernhard: Das hat jetzt mit dem Titel „Retrolution“ gar nichts zu tun. Das Spannungsfeld haben wir ja immer, seitdem wir die dritte, vierte, fünfte Platte gemacht haben, dass man nicht immer genau weiß, soll man jetzt mehr neue Songs spielen oder mehr alte. Wir proben immer unsere Favoriten, sechs, sieben Songs vom Album ein, und die können wir dann auf Tour immer nach Wahl spielen. Manchmal spielen wir drei, dann vier oder auch fünf, je nachdem, was Sache ist. Dann sehen wir auch immer die Reaktionen, ein paar Songs haben es ja auch geschafft, ein bisschen nach den ganzen Frühsongs Kult zu werden. „Heavy Rain“ zum Beispiel (vom 2009er Album „Utopia“; Anm. d. Red.) ist ein Song, der wir häufig und gerne spielen und der auch gerne gehört wird. „Hall Of Fame“ wird auch solch ein Song sein (auf der „Kingdom Of The Night II“ von 2014 zu finden; Anm. d. Red.), da kristallisieren sich also immer ein paar Songs heraus und somit ist die Setlist immer ein waberndes Molekül, welches immer verändert wird. Aber, du hast Recht, die Highlights „Living In A World“ oder „Kingdom Of The Night“ werden wir natürlich immer spielen. Die müssen wir auch spielen, das ist klar. Aber mal nur am Rande: Der Titel „Retrolution“ hat nichts mit dem Spagat zwischen alt und neu zu tun, sondern eigentlich mehr mit dem Zeitgeist, der gerade herrscht, wie wir ihn gerade empfunden haben und den wir eben auch ein bisschen betiteln wollten, weil wir eben aus dieser Zeit kommen. Ich mach das immer schön an dem Beispiel Rauschunterdrückung technisch klar: Wir haben früher auf Bandmaschine tausend Sachen technisch in Bewegung gesetzt, um dieses scheiß Rauschen vom Band zu unterdrücken. Jahre später nach der digitalen Revolution und der cleanen CD werden Plug-Ins entwickelt, die genau dieses Rauschen wieder hochkompliziert herstellen und digital simulieren. Das ist doch ein Irrsinn, da denkst du dir, wenn du aus der Zeit kommst, dass wir jahrelang Dolby B und C oder xyz gebraucht haben, um das Rauschen zu unterdrücken, und jetzt kaufen wir Plug-Ins, die das Rauschen wieder zurückholen. Oder Vinyl-Platten. Wir haben CDs, Spotify, was auch immer, auf einmal geht in England die Schallplatte wieder ab wie Zäpfchen. Wir haben 2016 so viel wie noch nie verkauft. Das letzte Mal hatten wir 1990 so viel verkauft. Das ist eine Sensation, wie ich wieder finde. Auch Kiddies haben wieder Bock auf das alte Zeug, hippe Sachen aus der Old-School-Zeit ist wieder angesagt. Ich mache das auch an Bands wie Iron Maiden, AC/DC oder auch Axxis fest, alles Bands aus einer ganz anderen Zeit, die immer noch beliebt sind und gern gehört werden. Da freuen wir uns natürlich sehr. Aber eigentlich hätte sich diese Generation etwas Neues aussuchen können und nicht meine Bands aus meiner Pubertätsphase noch immer hofieren müssen. Das ist schon ein Phänomen. Ich glaube, das liegt eben an der Zeit. Der Grund dafür laut Bertelsmann Stiftung ist, dass die Leute einfach den Halt in einer Welt voller Informationen, voller Möglichkeiten verloren haben, da keiner mehr filtert und wir das jetzt alle selber machen müssen. Genau das überfordert echt. Deshalb sucht man Halt in dem, was man kennt. Und da ist das, was man von den Eltern kennt oder was älter ist, besser, weil es einfach bekannter ist. Einer der Gründe möglicherweise dafür, warum die Szene noch immer so ist, wie sie ist.

The-Pit.de: Die Rückkehr des Vinyls überrascht mich nicht wirklich, aber das Tapes wieder schwer angesagt sind, dass finde ich dann doch seltsam. Es gibt wieder Bands, die eine Demo aufnehmen, die es nur auf Kassette gibt...

Bernhard: ...ich finde das toll, aber es macht ja auch was mit der Musik. Diese Sättigung macht ja auch was mit der Musik. Die Anschläge werden wieder sauberer, die Frequenzen wieder angenehmer zu hören, es klingt einfach analoger und knallt einfach noch mehr als dieses digitale, wo es nicht mehr rauscht, aber eben auch kalt und kantig klingt. Vielleicht ist das der Grund. Ich glaube aber, der Hauptgrund ist, dass die Leute wirklich wieder das schätzen lernen wollen, und das macht man bei einem Vinyl eher als bei einem Song bei Spotify.

The-Pit.de: Deswegen dann auch ein Song wie „Heavy Metal Brother“ als eine Art verbindende Hymne oder was habt ihr euch dabei gedacht?

Bernhard: Wir reflektieren damit ein bisschen die Zeit, die wir 1989 hatten. Der Titel klingt ein bisschen klischeehaft, aber er passt am besten dazu. Als wir 1989 mit der „Kingdom Of The Night“ herauskamen, haben die Leute uns diesen Erfolg ja gar nicht geglaubt. Damals die Journalisten in Dortmund beim Metal Hammer und Rock Hard haben gedacht, dass die Zahlen, die wir sagen, nur der große Hype der EMI seien, die hauen nur Zahlen raus, die erstunken und erlogen sind. Das hat uns dann am Anfang unserer Glaubwürdigkeit geraubt, obwohl wir dafür nichts konnten. Wir hatten es dann auch ziemlich schwer. Wir wurden gemieden, uns wurde teilweise das Catering weggefressen, aber Songs zitiert, die wir gar nicht gespielt haben, weil sie das Konzert gar nicht gehört haben und solche Sachen. Heute ist das ganz anders. Im Laufe der Zeit haben sie gemerkt, dass man uns nicht kaputt bekommt, jetzt ist es Kult, die Band ist noch immer am Start, die hat ihre Fanbase und die muss man honorieren. Dieses Durchhalten ist jetzt umgeschlagen in Respekt und Akzeptanz. Das merken wir auf jedem Festival, wo wir sind. Die Leute kennen uns, sie mögen vielleicht nicht unsere Musik, aber alle respektieren das, was wir machen. „Even haters shake my hands“ heißt da eine Zeile, die ich geschrieben habe, und die drückt ein bisschen aus, dass ich mich wie in einer Familie fühle, in einer Metalfamilie, egal, was man für Musik macht. Schmier von Destruction steht voll drauf, auch wenn er immer Probleme mit seinen Fans bekommt. Komplett andere Musikrichtung, aber er ist ein komplett geiler Typ. Er hat auch bei uns auf dem Album mitgesungen, der ist sich für so etwas nicht zu schade. Gerade das liebe ich so an der Szene, so eine „Heavy Metal Brotherhood“.

The-Pit.de: Kritisch ungefiltert hört sich dann der Titel „All My Friends Are Liars“ an. In welche Richtung ging dann diese verbale Spitze?

Bernhard: Genau in die Richtung, in der du sie verstehen willst. „All“ ist vielleicht ein bisschen zu übertrieben, aber diejenigen, die sich angesprochen fühlen, werden das verstehen. Es ist einfach so, dass dieses Freundschaftskreismolekül ein bisschen aus den Fugen geraten ist und die Leute das, was sie mir die ganzen Jahre immer vorher erzählt haben, welche Werte und Vorstellungen sie hatten, wo ich dann immer dachte, wir seien auf einer Wellenlänge, ganz anders sind, denn dann stellt sich heraus, dass wir das gar nicht sind. Ich finde das eben ein bisschen verlogen, wenn man plötzlich komplett anders denkt als man Jahre vorher immer gesagt hat. Genau das behandelt ein bisschen der Song. Ich stehe schon auf Leute, die zu dem stehen, was sie sagen und nicht immer 180 Grad Wendungen hinlegen, je nachdem, mit wem sie reden. Das habe ich jetzt in meinem Freundeskreis entdeckt und darüber handelt der Song.

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