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Axxis im Interview (November 2011)

„Du wirst ja mehr oder weniger von allen Seiten gefickt“

Bassist Rob Schomaker

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The-Pit.de: Eine pauschale Verurteilung reicht da aber nicht aus, denn sicherlich müssen sich einige Plattenfirmen vorwerfen lassen, nicht rechtzeitig genug die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Wenn man sich allein die gewaltige Szene hier im Pott ansieht, da kommt gewaltig viel für einen begrenzten Kundenkreis zusammen.

Bernhard: Ich weiß nicht, ob das Stand der Dinge ist, aber ich habe gelesen, dass 100000 Menschen in Deutschland potenzielle Metalkäufer und -fans sind, von 80 Millionen ist das nicht viel, und genau da teilt sich der ganze Markt dann auf. Das ist dann eine deprimierende Situation insofern, weil es schon immer viele Bands gab, auch damals zu unserer Startphase gab es tausende Bands, die da ihr Unwesen getrieben haben, die Red Points und wie sie alle hießen. Das Problem war nur, dass durch die teuren Tonstudios nicht jede Band die Möglichkeit hatte, im Studio eine teure Produktion zu verwirklichen. Da gab es schon eine Vorauswahl, indem man einen Produzenten brauchte, der gesagt hat: Pass mal auf, euch finde ich richtig geil, in euch investiere ich mal ein paar Studiotage, was ich dann meiner Plattenfirma anbiete. Das ist schon einmal die erste Schwelle, die wegfällt. Heute kann wirklich jeder mit einem PC eine Produktion gestalten, du musst noch nicht einmal mehr ein Instrument spielen können. Das drängt auch alles auf den Markt, das ist ein großes Problem. Dazu kommt natürlich heutzutage auch, dass Plattenfirmen alles signen und damit über die Quantität und nicht über die Qualität gehen - dann doch lieber hier fünfhundert, da dreihundert, weil das in der Masse funktioniert, und was sich auch geändert hat und der Hammer ist, was ich seit einem Jahr beobachte, dass sich die Plattenfirmen sich das von den Bands bezahlen lassen. Da ist wie wenn ich zu Porsche gehe und Porsche mir Geld gibt, damit ich ein Auto kaufe. Da führt sich das System ja total ad absurdum.

The-Pit.de: Bands sind ja häufig schon auf eigenen Kosten fertig und bieten das Gesamtprodukt der Plattenfirma an, die das Ganze nur noch veröffentlichen braucht.

Bernhard: Genau. Die Presskosten bezahlen sogar die Bands. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber da gibt es eine Band, die sich bei drei kleinen Labels beworben hat, und bei allen müssen sie zwischen 2000 und 6000 Euros zahlen, wenn sie einen Deal bekommen wollen. Die haben das erklärt mi dem Buchmarkt, weil das angeblich dort auch so gemacht wird. Hör mal, da gebe ich meine Rechte auf zehn Jahre oder was auch immer ab und dafür zahle ich auch noch etwas? Das kann doch nicht wahr sein. Deswegen musst du dir dann die ganzen Scheiß-Bands anschauen, die einen Plattenvertrag haben und keiner weiß warum. Das ist schon eine komische Situation. Auf der anderen Seite ist genau das einer der Gründe, warum wir unser eigenes Label gegründet haben. Wir haben uns gefragt: Was können heutzutage die Plattenfirmen besser als wir als Band selbst? Und da stellt sich heraus, dass es gar nicht so viel ist. Du brauchst einen guten Vertrieb. Den haben wir, denselben Vertrieb, als würden wir mit AFM zusammenarbeiten, da hat sich überhaupt nichts geändert. Wir müssen jetzt natürlich unsere Anzeigen selber schalten. Das ist alles. Da ruft man beim Rock Hard an, gibt eine Anzeige ab, zahlt das Geld und dann ist die Anzeige drin. Das ist eigentlich alles, was man machen muss. Das ist natürlich schon ein bisschen komplizierter, aber im Großen und Ganzen kann ich nicht nachvollziehen, warum man oftmals noch auf Plattenfirmen zurückgreift. Bei großen Plattenfirmen sehe ich das noch ein, weil sie auch eine große Promotionabteilung drum herum haben, Major Companies hier und da noch, aber ansonsten ist die Zeit reif, dass die Bands ein bisschen unabhängiger von dem ganzen Business werden. Wir haben jetzt unseren Teil dazu beigetragen.

The-Pit.de: Bei den zahlreichen Veröffentlichungen merkt man ja schon deutliche Anzeichen der Veränderungen. Einige Festivals werden schlecht besucht und geben auf, der Markt scheint gesättigt, so dass einige auf der Strecke bleiben. Der Tod einer jeden Szene ist ja auch, dass alle, wie du schon erwähnt hast, daran verdienen wollen.

Bernhard: Sicher, guck mal, du bist ja auch eine Person, die da jetzt selbst umsonst mit mir ein Interview macht, weil du Bock auf unsere Musikrichtung hast, umsonst für The-Pit.de arbeitest. Bei vielen Redaktionen ist das ähnlich. Das ist jetzt keine Kritik an deiner Person, aber das ist ein Spiegelbild der Szene, denn da sitzen nur noch Fans, die im Prinzip darüber schreiben, keine ausgebildeten Redakteure. In den Plattenfirmen übrigen auch, da sitzen dann Fans. Bei uns damals bei der EMI saßen damals Fachleute, die richtig Ahnung davon hatten, wie man eine Band vermarktet, wie man eine Band aufbaut, wie man auch einen Enthusiasmus in die Szene hereinbringt. Ich werde nie vergessen, wie eine Plattenfirma zu mir sagte: Also Bernhard, ich habe eine geile Promoaktion vor, wir hauen bei Myspace die ganze Platte umsonst zum Downloaden rein. Das sagte ein Typ von der Plattenfirma. Da habe ich gedacht, dass mir eine Plattenfirma so etwas sagt, kann ich überhaupt nicht verstehen, die will doch Geld verdienen. Das die ihr Produkt verschenkt und das als Promo verkauft, habe ich überhaupt nicht verstanden. Die haben das dann bei anderen Bands versucht, da sind die Verkaufszahlen dann total eingebrochen, weil die Leute natürlich nicht blöd sind, sich die dann natürlich umsonst herunterladen, vor allem, wenn es legal ist. Da siehst du, dass es eine Fan- und keine Plattenfirmasicht ist. Der ganze Markt ist wirklich so ein Hobbytruppenmarkt geworden. Egal, auf welcher Seite, alle machen das aus Spaß und nebenbei. Das ist keine Kritik in dem Sinne, aber ich glaube auch, dass viele Leute auch professionell arbeiten wollen, und mit professionell meine ich nicht Geld verdienen, sondern eine gute Produktion machen wollen, und da wird es dann immer schwieriger.

The-Pit.de: Die Studiotechnik hat sich verändert, die Median wie Myspace, Facebook und YouTube haben viel verändert.

Bernhard: Da gibt es ja auch die Theorie, die sagt, dass, wenn ich etwas wissen will, dann gehe ich auf „Frag Mutti.de“ und weiß es sofort. Und dann habe ich auf einmal das Problem, das 50000 verschiedene Meinungen auf einmal etwas anderes sagen und ich aufgrund der ganzen Vielfalt an Wissen, was auch noch konträr ist, teilweise überhaupt die Übersicht verliere, weil ich selber nicht mehr weiß, was richtig oder falsch ist. Das ist vergleichbar mit einem Politiker, der irgendwelche Gutachten erstellt, und alle Gutachten sagen etwas anderes. Das heißt: Je mehr ich weiß, desto chaotischer wird mein Kopf, desto weniger kann ich die Information auch verarbeiten. Und so ist das auch im Musikmarkt. Da wird ja nichts mehr gefiltert, nichts mehr filtriert, da kann jeder wirklich in den Markt reinknallen und ist der beste Künstler der Welt. Ich finde, dass genau das die Menschen überfordert und es ist ganz selten, dass sich herauskristallisiert, was auch richtig geil ist. Das passiert immer wieder mal und wird dann als Beispiel genommen, dass es doch super klappt, aber die Masse wird da gar nicht berücksichtigt.

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