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Porcupine Tree im Interview (Oktober 2009)
Ein wohlwollender Diktator
Im September veröffentlichten Porcupine Tree mit dem Doppelalbum „The Incident“ ihr bis dato vielleicht ambitioniertestes Werk – nicht weniger als 55 Minuten dauert das auf der ersten CD enthaltene Titelstück, welches wiederum in 14 einzelne Tracks aufgegliedert ist. Musikalisch geht man wieder ein bisschen mehr in Richtung der eigenen psychedelischen Wurzeln, ohne auf die seit „In Absentia“ stets präsenten Metalelemente zu verzichten.
Über das neue Album, seine kürzlich erschienene Soloplatte und weitere Dinge gab uns Bassist Colin Edwin im Rahmen des Porcupine Tree-Gigs in Bremen Auskunft.
The-Pit.de: Hi Colin! Du erscheinst steets als der typisch zurückhaltende, coole, ruhige Bassist bei Porcupine Tree. Als erstes würde ich gerne mal wissen, wie es eigentlich dazu kam, dass du dich für den Bass entschieden hast und was deine Einflüsse waren, sowohl, was Bassisten, als auch was Bands im allgemeinen angeht.
Colin: Ich spiele schon seit langer Zeit Bass, inzwischen seit etwa 20 Jahren, und ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Mein Vater spielte Jazzgitarre und mein älterer Bruder spielt klassische Gitarre – er ist sehr gut –, und dann habe ich noch zwei ältere Schwestern, die eine spielt Klavier, die andere Geige. Als ich aufwuchs, hatte ich also andauernd Musik um mich herum. Mein Vater hörte jede Menge Jazz, wie Oscar Peterson, Joe Pass und solche Sachen, mein Bruder hörte viel klassische Musik wie Mozart, und meine beiden älteren Schwestern waren damals – es waren die späten Siebziger – besessen von Discomusik und auch von einigen späteren Punksachen. Ich hörte also Oscar Peterson, The Stranglers, Chic, Sister Sledge, Santana, Mozart und einiges Barockzeug von meinem Bruder – wirklich eine abwechslungsreiche, gute Umgebung. Dennoch gab es bestimmte Dinge, von denen ich besonders angezogen wurde, zum Beispiel hatte meine Schwester eine Stranglers-Platte, die ich sehr mochte, und eine Single von Can, einer deutschen Band. Es gibt etliche Dinge, die ich auch heute noch gerne höre und die nicht langweilig werden, wie auch das erste Police-Album, das meine eine ältere Schwester hatte. Ich war sehr glücklich, jedoch der einzige, der nie dazu ermutigt wurde, ein Instrument zu lernen, und als ich 15 war, überzeugte ich meinen Vater, mir einen Bass zu kaufen. Glücklicherweise wohnte jemand bei uns in der Nähe, der ein professioneller Bassist war und mir einiges an Theorie beibrachte und wie man Musik liest – Dinge, auf die ich selbst nie gekommen wäre, da ich meistens dasaß und zu Platten mitspielte. Ich hatte also viel Glück und solide Grundkenntnisse, und als ich mich entschied, Musik quasi als Full-time-Job zu betreiben, war ich deshalb auch in der Lage, mit Situationen klarzukommen, in die ich plötzlich hineinrutschte.
The-Pit.de: Du bist doch in Melbourne geboren. Wie kamst du denn nach Großbritannien? Hast du vorher in Australien gewohnt oder bist du dort nur geboren?
Colin: Meine Eltern sind in den Sechzigern nach Australien emigriert und ich wurde geboren, als sie dort waren. Meine eine ältere Schwester lebt immer noch dort, sodass wir immer noch eine Verbindung dorthin haben, denn als ich etwa fünf Jahre alt waren, zogen wir zurück nach England – wohl, weil meine Eltern Heimweh bekamen. Aufgewachsen bin ich daher auch in England und habe somit auch das englische Bildungssystem erfahren.
The-Pit.de: Und wie hast du Steven kennengelernt beziehungsweise wie bist du zu Porcupine Tree gestoßen? Weil auf den ersten Alben hat Steven ja noch alles alleine gemacht und erst mit „Signify“ stand eine richtige Band...
Colin: Also, ich hab Steve schon eine ganze Zeit vorher kennengelernt – wir gingen nämlich in dieselbe Schule. Er war ein paar Jahre älter als ich, aber es ist nun mal so, dass es an einer Schule – selbst wenn sie groß ist – nur eine kleine Gruppe von Leuten gibt, die sich wirklich für Musik interessieren. Von daher fühlten wir uns gewissermaßen voneinander angezogen und spielten einiges Zeug miteinander. So habe ich Steve also kennengelernt und er hat sich immer schon sehr fürs Aufnehmen interessiert, allerdings fand auch ich das sehr interessant und hatte sogar mal überlegt, Recording engineer zu werden, weswegen ich auch mal einen Kursus belegt hatte, als ich ungefähr 17 war.
Jedenfalls hatte Steve dieses Projekt am laufen, und er wollte, dass ich bei einem Track auf „Up The Downstair“ spielte. Aber eigentlich war das Ganze nur mehr oder weniger zum Spaß gedacht und nicht mehr als ein Sideprojekt für ihn. Doch plötzlich wurden ihm einige Shows angeboten und tatsächlich gaben wir eine Woche lang Konzerte in England, bei der eine BBC-Session den Höhepunkt darstellte. Das war das erste Mal, dass wir als Band auftraten und bei den Proben zuvor traf ich auch das erste Mal Richard (Barbieri – Keyboards – Anm. d. Verf.) und Chris (Maitland – früher Drums – Anm. d. Verf.). Und es funktionierte hervorragend, ich denke, besser, als es überhaupt jemand erwartet hätte. Ich jedenfalls hatte keine großartigen Erwartungen, für mich war das damals eigentlich nichts weiter als ein weiterer Gig und eine neue Möglichkeit, interessante Musik zu spielen. Und ich kannte ja Steve und wusste daher, dass da bestimmt was Interessantes bei rumkommen wurde, denn es gab schon einige Schnittmengen, was unseren Musikgeschmack betrifft.
Und da es so gut funktionierte, wollte Steve danach – als nächstes erschien das Album „Signify“ – das Ganze mehr zu einer richtigen Band werden lassen. Natürlich ging dies nicht von heute auf morgen, es war vielmehr eine stetige, langsame Entwicklung, die uns nach und nach zu dem werden ließ, was die Band heute ist.
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The-Pit.de: Könntest du Steve als Musiker und als Person beschreiben?
Colin: Nun, er ist sehr fokussiert, sehr zielorientiert. Er hat einen großen Drive, sein Ding durchzuziehen und wir hatten sicherlich auch schon unsere Meinungsverschiedenheiten. Ich hab ihn in der Vergangenheit mal als „wohlwollenden Diktator“ bezeichnet (lacht) – ich denke, da steckt schon etwas Wahrheit drin. Trotzdem kommen wir sehr gut miteinander klar; allein die Tatsache, dass die Band schon so lange zusammen ist, spricht für sich. Es ist schwierig, das Leuten zu erklären, die noch nicht auf Tour waren, aber man ist praktisch mit den anderen Leuten im Bus verheiratet, schließlich muss man seine komplette Zeit mit denen verbringen. Von daher kommen wir gut miteinander aus, können gut zusammen arbeiten und ich habe mich immer sehr dafür interessiert, was Steve gerade so für Musik hört – er hat mir eine Menge gezeigt. Ich bin sehr open-minded, aber manchmal brauche ich so einen kleinen Anstoß, um in etwas richtig reinzufinden, und in der Hinsicht hat er mich an eine Menge Zeug herangeführt.
The-Pit.de: Wo du gerade davon gesprochen hast, dass die Band schon sehr lange als eine Einheit zusammenspielt – der Einzige, der die Band überhaupt je verlassen hat, war meines Wissens nach Chris Maitland. Doch warum ist er überhaupt gegangen? Ich habe nirgendwo jemals eine Erklärung dafür gefunden...
Colin: Zunächst mal sei gesagt, dass wir kein Problem mehr mit Chris haben. Vor ein paar Jahren sind Steve, Richard und ich zusammen Essen gegangen und haben das Problem beseitigt. Aber damals hatten wir gerade einen Majordeal mit Atlantic Records unterschrieben, das war im Jahre 2002 – und plötzlich war viel mehr Druck als vorher da. Denn Porcupine Tree war zuvor etwas, das wir zwei oder drei Monate im Jahr tun konnten und wofür wir die Zeit locker fanden. Und auf einmal war es etwas, für das wir viel mehr Zeit investieren mussten. Wir hatten diesen Majordeal, wir durften es nicht verkacken – wirklich eine ganze Menge mehr Druck als zuvor. Und die Sache ist die, dass Chris bereits eine recht erfolgreiche Karriere hinter sich hatte, er hatte viel Theatermusik gespielt und irgendwie gab ihm das unglaublich viel Druck, mehr als dem Rest der Band. Das war wohl der wahre Grund für den Split und ich denke, es war die richtige Entscheidung. Mit Gavin (Harrison – jetziger Drummer – Anm. d. Verf.) funktioniert es wirklich prächtig – womit ich jetzt bestimmt nicht sagen will, Chris sei nicht gut in dem, was er tut, aber er hätte es wohl sehr schwierig gefunden, sich mit den Touren, die wir danach bestritten, anzufreunden, besonders, als es durch Amerika ging.
The-Pit.de: Meine nächste Frage bezieht sich ebenfalls auf dieses Thema. Als Bassist, der du bist – Drums und Bass bilden schließlich die Rhythmusgruppe – würde ich gerne wissen, wo die Unterschiede bestehen, mit Chris Maitland und mit Gavin Harrison zu spielen?
Colin: Das Witzige ist, dass es durchaus eine ganze Reihe Ähnlichkeiten zwischen den beiden gibt, auch was die Persönlichkeit betrifft. Aber Gavin ist ein wesentlich präziserer Drummer und technisch stärker, was nicht heißt, dass ich Chris hier diskreditieren will; er war ebenfalls toll, hatte einen fantastischen Energielevel und passte zum früheren Material, dennoch veränderten sich die Dinge mit Gavin in verschiedener Hinsicht, zum Beispiel, was technische Aspekte während der Show angeht. Wir haben ja Filme während der Konzerte laufen, und daher haben wir manchmal einen Clicktrack in den Kopfhörern, sodass wir mit den entsprechenden Filmen genau zusammen spielen können. Ich denke nicht, dass das auch mit Chris passiert wäre. Außerdem interessiert sich Gavin sehr für Aufnahmetechnologie und ist daher auch in diesem Punkt sehr hilfreich, mehr als es Chris gewesen ist. Vom spielerischen Standpunkt aus gesehen muss ich aber sagen, dass ich es auch sehr mochte, mit Chris zu spielen – er hatte diese verrückte Energie, Gavin ist wesentlich beherrschter. Ich denke, ich mag beides sehr gerne, für mich ist das keine Frage von besser oder schlechter, es ist einfach unterschiedlich.
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The-Pit.de: Okay, dann lass uns doch mal zum neuen Album „The Incident“ kommen. Ich denke, es ist wieder etwas psychedelischer geworden, auch wenn die Metalelemente natürlich immer noch klar durchschimmern. Wie betrachtest du die Scheibe in Bezug auf die gesamte Discographie? Was ist neu, was habt ihr verändert?
Colin: Okay, ich denke, wenn du „psychedelisch“ sagst, meinst du, es ist wieder ein bisschen mehr an der Vergangenheit orientiert... Da stimme ich mit dir überein. Ich finde, es ist die beste Mischung aus unseren neueren Elementen mit dem härteren, Metal-beeinflussten Material und älterem Stoff zum Beispiel aus der „Stupid Dream“-Ära. Ich weiß nicht, ob das eine bewusste Entscheidung war, es war wohl eher so, dass die Dinge sich einfach dahingehend entwickelt haben. Es gibt wohl etwas mehr sanftere Momente als auf den letzten beiden Alben. Ich denke, es ist die kompletteste Repräsentation des Porcupine Tree-Sounds, die es bisher gab. Wenn man sich nur für ein Porcupine Tree-Album entscheiden müsste, sollte man wohl das neue nehmen, denn die anderen gehen vielleicht zu sehr nur in eine Richtung. Ich bin jedenfalls sehr glücklich mit der Platte, ich denke, sie ist wirklich gut geworden.
The-Pit.de: Ich meine auch gehört zu haben, dass bald eine weitere DVD herauskommen soll. Habt ihr bereits eine Show gefilmt oder plant ihr noch, das zu tun? Oder gibt’s schon ein Veröffentlichungsdatum?
Colin: Ende letzten Jahres haben wir zwei Shows in Holland gefilmt, in Tilburg. Es handelte sich damals um eine Minitour, hinter der die Idee steckte, Orte abzugrasen, an denen wir bisher noch gar nicht gewesen sind, wie Spanien oder Portugal. Außerdem wollten wir dokumentieren, was wir für „Fear Of A Blank Planet“ getan haben, welches unsere bis dato erfolgreichste und längste Tour gewesen ist. Wir haben also einiges an Material, das gefilmt wurde, und momentan editiert jemand das Ganze, nämlich Lasse (Hoile – Anm. d. Verf.), der bereits einige Cover für uns gemacht und schon einiges zusammengeschnitten hat; ich glaube, ein Video ist auf der Porcupine Tree-Website schon zu sehen.
Der Plan war jedenfalls eigentlich, die DVD schon früher in diesem Jahr herauszubringen, aber es ist schwierig, ein neues Album und etwas aus der Vergangenheit zur gleichen Zeit zu veröffentlichen, da die Presse dazu tendiert, sich nur auf eine Sache zu konzentrieren. Deswegen entschieden wir uns, die DVD für das nächste Jahr aufzuheben, was einige Leute ein wenig enttäuscht hat, denn manchmal werde ich danach gefragt, aber wir hielten das nun mal für besser. Auch, weil es für Lasse zeitlich schwierig wurde – er hat sich nämlich darauf konzentriert, Filme für unsere neue Show zu machen, und kam daher mit dem Editieren nicht mehr hinterher. So wird sie erst im nächsten Jahr herauskommen, voraussichtlich im April.
The-Pit.de: Na ja, so kann man sich immerhin darauf freuen, dass auch im nächsten Jahr wieder ein Porcupine Tree-Produkt erscheinen wird... Bevorzugst du es eigentlich, im Studio zu arbeiten oder live zu spielen oder magst du beides gleich gerne?
Colin: Das sind für mich zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Das Gute am Studio ist, man kann viel ausprobieren. Ich mache sehr viel bei mir zu Hause, da habe ich zehn Bässe, mit denen ich herumprobieren kann, verschiedene Pedale und so weiter. Es hat sich auch so ergeben, dass meine besten Ideen entweder sofort kommen oder zwei Wochen später. Und bei diesem Album hatte ich viel Zeit, um Verschiedenes auszuprobieren und wenn ich das tat, endete ich wieder da, wo ich begonnen hatte – ich ging also durch den gesamten Prozess. Bei einem Track zum Beispiel probierte ich fünf oder sechs Bässe aus und im Endeffekt benutzte ich denselben, den ich auch auf der Demoversion verwendete. Trotzdem war ich froh darüber, die Möglichkeit gehabt zu haben, das alles auszuprobieren.
Im Studio jedenfalls malst du quasi ein Soundbild. Und dieses Bild wird für immer dasselbe sein; wer immer diese Aufnahme hört – sie wird sich niemals ändern, aber jedesmal, wenn du live spielst, auch wenn es derselbe Song ist, ist es jedesmal völlig anders. Man ist an einem anderen Ort, man hat ein anderes Publikum – es kann sein, dass ich die ganze Zeit dasselbe spiele, aber dann vielleicht irgendein Fill am Ende einbaue, was sich unterscheidet, oder es gibt zum Beispiel irgendeinen spontanen Einschub in der Mitte – live und Studio sind also zwei völlig unterschiedliche Dinge.
The-Pit.de: Gut. Steven spielt noch bei Blackfield, No-Man und Bass Communion, Gavin bei King Crimson und jetzt habe ich herausgefunden, dass du gerade ein Soloalbum veröffentlicht hast, das den Titel „Third Vessel“ trägt. Spielst du darauf alle Instrumente?
Colin: So ist es. Ja, das ist so eine Kombination von mir, wie ich etwas Bass spiele, etwas Gitarre, ein bisschen mit Keyboards herumdaddele – ich bin nicht wirklich ein ernsthafter Keyboarder –, es gibt Samples, gesprochene Passagen und so weiter. Zum Konzept, das hinter „Third Vessel“ steckt: Ich fing mit einigen Instrumentalstücken an und dachte, dass da irgendetwas fehlt. Und so als eine Art Experiment versuchte ich... hm, ich rede nicht oft darüber, aber ich hab mich mal mit Poesie beschäftigt und Poesie vorgetragen und zu der Zeit habe ich ein Buch gelesen, welches – das klingt jetzt vielleicht prätentiös, aber ich sage es trotzdem – auf Sufi-Geschichten basiert. Sufismus ist eine islamische Sekte, die eine große, tausende Jahre zurückgehende Tradition in der Geschichtenerzählung hat. Das Besondere an den Geschichten ist, dass sie oberflächlich betrachtet einfach unterhalten, aber an sich können sie auch einen sehr ernsthaften Punkt ’rüberbringen. So ähnlich, wie auch Comedy manchmal einen sehr ernsthaften Punkt ’rüberbringen kann. Allerdings sind das jetzt keine lustigen Geschichten oder Witze, sie sind eigentlich so konstruiert, dass sie einen Punkt haben, den sie vermitteln wollen, was sie mitunter sehr indirekt tun und von daher scheinen sie hin und wieder auch keine richtige Auflösung zu haben.
Jedenfalls: Als eine Art Experiment vertonte ich eine dieser Geschichten und fand dann, dass das ziemlich gut zu den anderen Stücken passte. So gibt es nun fünf Geschichten auf der CD und noch ein bisschen instrumentales Zeug. Ich hatte damals diese Idee von Kommunikation, was sich durch das Album zieht, und fand das sehr interessant: Du kannst jemanden unterhalten oder etwas haben, das sehr leichtgewichtig erscheint, aber einen letztlich doch zum Nachdenken bringen kann.
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The-Pit.de: Ich hab auch schon mal reingehört und finde, dass es sich teilweise ein bisschen nach Porcupine Tree zu ganz alten Zeiten anhört. – Du sagtest ja eben, dass es auf Sufi-Geschichten basiert. Würdest du dich selbst als spirituelle Person bezeichnen?
Colin: Ich bin nicht religiös und wurde nicht in einer religiösen Familie erzogen. Ich hatte an der Schule zwar Kontakt mit sehr religiösen Lehrern, aber das ist kein Teil von mir. Ich habe mich lediglich schon immer für diese Themen interessiert. An diese Sufi-Geschichten wurde ich herangeführt, als ich noch relativ jung war, aber die sind eher wie Märchen, ich sehe sie für mich nicht als traditionell religiöse Parabeln an, auch wenn ich glaube, dass sie das eigentlich sind. Aber ich denke, Spiritualität ist eine sehr persönliche Sache und sollte nicht etwas sein, das jemandem aufgezwungen wird. Gerade heute haben wir darüber gesprochen. Richard Dawkins, das ist dieser atheistische Typ in England, der sich für etwas einsetzt, das „the humanist society“ heißt, hat eine interessante Aussage gemacht, er meinte: Wenn man die Zeitung aufschlägt und sieht da ein Bild, worunter steht: „Ein christliches Kind“ oder „Ein muslimisches Kind“, dann sagt niemand etwas. Aber wenn man dieselbe Zeitung aufschlägt und darunter steht: „Ein kommunistisches Kind“, dann würde man sagen, dass das lächerlich ist, da das Kind viel zu jung ist, um sich seine eigene Meinung zu bilden. – Und ich sehe das absolut genauso, ich denke, religiöse Erziehung sollte möglicherweise komplett verboten werden, bis man 16 ist.
The-Pit.de: Da stimme ich absolut mit dir überein. – Kommen wir noch mal zurück zu Porcupine Tree. Es gibt einige Songs bei euch im Repertoire, die Titel tragen wie „Chloroform“, „In Formaldehyde“ oder „Voyage 34“. Hast du selbst Erfahrung mit Drogen gemacht?
Colin: Ja, ich hatte Erfahrungen mit psychedelischen Drogen und ich bin froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben, aber ich habe nicht das Bedürfnis, mich immer wieder darüber auszulassen.
The-Pit.de: Na gut. Wie ist das eigentlich mit dem Material, das du beisteuerst? Das meiste schreibt ja Steven, nur ein paar Songs sind von der gesamten Gruppe komponiert worden. Sind diese Stücke aus Jams entstanden?
Colin: Also, wir hatten auch in der Vergangenheit immer mal Gruppensessions, aber diesmal, beim neuen Album, hatten wir eine Zwei-Wochen-Periode im Studio auf dem Land. Diese war sehr produktiv: fast die gesamte zweite CD und einige der späteren Stücke auf „The Incident“ kamen dabei heraus. Und es ist großartig, zusammen in einem Raum zu spielen. Es kann Morgende geben, an denen quasi nichts passiert: Irgendjemand hatte eine Idee, man arbeitet daran, kommt aber irgendwie nicht weiter. Und dann geht man kurz weg auf eine Tasse Tee, kommt zurück, und sieht, dass jemand eine neue Idee hatte, die einen ganz woanders hinführt. Das ist sehr spannend, denn manchmal hat einer eine ganz einfache Idee, wie irgendeinen Groove oder einen Akkordwechsel, woran wir dann gemeinsam arbeiten und was dann am Ende dabei herauskommt, kann völlig anders sein als das, womit man begonnen hat. Was ich zum Beispiel beigesteuert habe, war die Bassline zu „Flicker“, wovon ich ein Demoband hatte. Ursprünglich sollte da ein Tribal-Drumming drauf, so richtig heavy – und am Ende entstand ein sehr verträumter Song. Das finde ich sehr interessant, weil das in eine Richtung ging, die ich mir vorher nie vorgestellt hätte.
Das meiste von „The Incident“ hatte Steve allerdings schon entwickelt und wir arbeiteten einzeln daran. Auch das kann jedoch interessant sein, denn wie ich vorher schon erwähnte, hatte ich so die Möglichkeit, viele verschiedene Ideen auszuprobieren, auch wenn ich mich natürlich nicht zu weit von der originalen Idee wegbewegte, da es schon etwas gab, worauf Steve bestand. Er wollte nicht, dass wir zu sehr vom Original abweichen und das ist auch okay, weil es schließlich sein Song ist. Um erfolgreich Bass zu spielen, muss man sowieso unterstützend spielen. Das ist für mich kein Problem, ich muss meine Persönlichkeit nicht um jeden Preis durchsetzen.
Aber es ist schwierig zu sagen, ob ich das eine oder das andere besser finde. Es ist sicherlich befriedigender, wenn wir zu viert miteinander arbeiten, aber ich schätze es genauso, wenn jemand eine richtig starke Idee hat, damit weiterzumachen oder Kompromisse einzugehen. Das ist manchmal ebenso ein erfolgreicher Weg.
The-Pit.de: Wie sieht’s denn mit Metalbands aus? Kannst du was empfehlen, was du gerade hörst? Du sagtest ja vorhin, du hast viel Klassik und Jazz gehört – wie ist denn mit Metal?
Colin: Ich mag sehr gerne das extreme Zeug. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Fantomas, wo unter anderem Mike Patton von Faith No More spielt – die ich übrigens ebenfalls sehr schätze und die sich gerade wieder reformiert haben. Ich liebe The Mars Volta – auch wenn das jetzt weniger Metal ist... Hm, was noch? Metal... ich glaube, du hast mich erwischt (lacht). Ich hab zuletzt im Bus nicht so viel Metal gehört... (denkt nach). Oh, Gojira, von denen haben wir eine DVD im Bus.
Es gibt halt so Phasen, wo ich viel Musik höre und welche, wo ich weniger Musik höre. Wenn ich auf Tour bin, tendiere ich dazu, nicht so viel Musik zu hören, weil ich das sowieso schon jeden Abend um die Ohren bekomme (lacht). Auf eine wirkliche Empfehlung kann ich daher jetzt nicht kommen, du bist vielleicht mehr up to date als ich (lacht erneut).
The-Pit.de: Okay, damit bin ich dann auch mit meinen Fragen durch und bedanke mich herzlich, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich freue mich schon auf das Konzert.
Colin: Super, vielen Dank.









